Wissenschaftliches Publizieren
Wie lassen sich Schwierigkeiten beim gemeinsamen Publizieren vermeiden?
Wissenschaft zu betreiben ist keine (durchgängig) singuläre Arbeit, sondern findet in Netzwerken mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern statt. Diese Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen kann ihren Ausdruck in Publikationen finden, die gemeinsam herausgegeben oder verfasst werden. Sie sind ein Zeichen erfolgreicher wissenschaftlicher Zusammenarbeit und Publizieren ist eine der "Kernfunktionen wissenschaftlicher Tätigkeit und damit des Wissenschaftssystems" (DFG, 2022, S. 7).
Die Rahmenbedingungen der Forschungsförderung verstärken den Trend zur vernetzten Wissenschaft. Einige Ausschreibungen fördern ausschließlich Forschungskooperationen in Form von Verbundforschung oder Forschungsgruppen. Dementsprechend werden Forschende dazu aufgefordert, sich (interdisziplinär und/oder international) zusammenzuschließen und aufeinander abgestimmte Forschungsideen zu entwickeln. Um entsprechende Fördermittel einwerben zu können, müssen Kooperationen eingegangen werden.
Auch in den Sozialwissenschaften realisiert sich wissenschaftliche Arbeit mittlerweile oftmals im Team und ist damit eine gemeinschaftlich erbrachte Leistung. Damit rückt die Frage nach der Organisation wissenschaftlicher Kooperation und nach dem gemeinsamen Publizieren in den Vordergrund (vergleiche auch Beitrag von Rostek et al. zur Co-Autorenschaft in den Geistes- und Sozialwissenschaften in Forschung & Lehre 4/25).
Das steigende Interesse an dem Thema ist dabei nicht nur auf die zunehmende Praxis des gemeinsamen Publizierens im Team zurückzuführen. Vielmehr zeigt sich darin die Auseinandersetzung mit einer gewissen Janusköpfigkeit des kollaborativen wissenschaftlichen Veröffentlichens, auf die im Folgenden näher eingegangen wird.
Potentiale und Schwierigkeiten
Im besten Fall ermöglicht die wissenschaftliche Zusammenarbeit einen gewinnbringenden Austausch und die (Weiter-)Entwicklung von Ideen im Dialog. Die damit einhergehende gemeinsame Publikationstätigkeit im Netzwerk zeigt aber noch mehr. Es wird deutlich, welcher wissenschaftlichen Richtung oder Schule man sich zugehörig fühlt, wen man kennt, wer einen kennt und wie international und interdisziplinär man vernetzt ist.
Für neu in der Wissenschaft tätige Personen ist die gemeinsame Publikation mit etablierten Kolleginnen und Kollegen ein wichtiger Schritt der Einsozialisation in die neue Tätigkeit. Zugleich können über gemeinsame Publikationen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich in der gleichen Phase der beruflichen Laufbahn befinden, langfristige Kooperationen für die Zukunft aufgebaut werden.
Wie in allen anderen Berufsfeldern kann es auch in der Forschung zu Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit kommen. Ausdruck finden kann dies in Unstimmigkeiten bei der Frage, welche gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse von wem publiziert werden. Bezogen auf gemeinsame Veröffentlichungen muss zuvorderst geklärt werden, in welcher Reihung die Nachnamen der Autorinnen und Autoren beziehungsweise der Herausgeberinnen und Herausgeber aufzuführen sind, um die geleistete Arbeit angemessen abzubilden.
Diese potenziell konfliktträchtige Entscheidung wird dadurch erschwert, dass die Bedeutung der Namensreihung in wissenschaftlichen Publikationen auch innerhalb der Disziplinen weder einheitlich noch eindeutig geregelt ist. Gewählt werden kann eine alphabetische Aufzählung der Nachnamen oder eine entsprechend der für die Publikation geleisteten Arbeit absteigende Namensfolge. Ferner kann der zuletzt genannten Person in der Reihung als Senior Author eine besondere Bedeutung zukommen.
Im Prozess der Klärung dieser Frage kommen Personen zusammen, die im System der Wissenschaft über unterschiedlich viel Macht verfügen. Die Aushandlung der Umsetzung gemeinsamer Publikationen kann gerade für Personen, die in beruflichen Abhängigkeitsverhältnissen zu ihren Mitautorinnen und -autoren stehen, belastend sein (vergleiche Johann et al. in Forschung & Lehre 6/20), denn für alle gilt: Wer erfolgreich sein will, muss Erstautorschaften nachweisen. Wer kollegial sein möchte, bezieht Beteiligte der Forschung in Publikationen ein und eröffnet ihnen Erstautorschaften, stellt sich aber womöglich schlechter dar.
Hohe Bedeutung der Erstautorschaft
Da Publikationen als Ausweis wissenschaftlicher Arbeit und Reputation fungieren, handelt es sich bei der Frage nach der Reihenfolge nicht um eine unbedeutende Formalie. Publikationen, die einem Double-Blind-Peer-Review unterzogen wurden, stellen als vielfach kritisiertes, aber ungebrochenes Prinzip die wichtigste „Währung“ wissenschaftlicher Produktivität dar. Gerade für Publikationen im Rahmen von kumulativen Qualifikationsarbeiten macht die Position in der Reihenfolge einen großen Unterschied. So ist neben der Einreichung von Beiträgen in Einzelautorschaft zwar auch die gemeinsame Publikation möglich, entsprechende Beiträge zeichnen sich aber idealerweise durch eine Erstautorschaft aus.
Diese hohe Bedeutung der Erstautorschaft und im weiteren Verlauf der Karriere die Position an letzter Stelle der Namenreihung führt zu neuen Ideen, wie die Beteiligung an der wissenschaftlichen Arbeit in Netzwerken auf differenziertere, aussagekräftigere Weisen kenntlich gemacht werden kann. So kann bei zwei Autorinnen beziehungsweise Autoren, die einen gleichwertigen Anteil an der publizierten Forschung haben, dies als geteilte Erstautorschaft ausgewiesen werden. Einige Fachzeitschriften fordern zudem Hinweise zu der jeweiligen Beteiligung aller genannten Autorinnen und Autoren und bieten zum Teil standardisierte Rollenbeschreibungen an (vergleiche Kiser, 2008, S. 435).
Publikationen mit Personen außerhalb der Wissenschaft
Hinzu kommt, dass in einigen Disziplinen Forschung nicht allein von hauptamtlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern betrieben wird, sondern in Form von Citizen Science, community-basierter Forschung und weiteren partizipativen Ansätzen gemeinsam mit Personen außerhalb des Wissenschaftssystems umgesetzt wird. Zudem wird sich zeigen müssen, wie die fortschreitenden technischen Möglichkeiten bei der Textproduktion und -analyse durch Künstliche Intelligenz Einfluss auf die wissenschaftliche Publikationspraxis nehmen werden.
Neue Ansätze zur Kenntlichmachung der Arbeit aller an gemeinsamen Publikationen Beteiligten – auch unter Berücksichtigung von Forschung mit nicht hauptamtlich wissenschaftlich Tätigen – entbinden jedoch nicht davon, die gemeinsame Publikationstätigkeit aktiv zu gestalten. Ganz im Gegenteil wird der Bedarf nach einer transparenten Kommunikation darüber, welche Publikation an welchen Veröffentlichungsorten für wen relevant ist, um so wichtiger.
Anregungen
- In gemeinsamen Forschungsarbeiten die geplanten Publikationen und die damit einhergehende Frage der Autorschaft frühzeitig und offen ansprechen.
- In einem Publikationsplan festhalten, welche Beteiligten zu welchen Zeitpunkten und mit welchen thematischen Schwerpunkten die Erstautorschaft übernehmen.
- Die geleistete Forschungsarbeit in Publikationen durch die Autorenreihung kenntlich machen. Wenn die gewählte Rangfolge der Beteiligten alphabetisch angelegt ist, sollte Art und Umfang der jeweiligen Beteiligung an anderer Stelle ausgewiesen werden.
- Im Rahmen von Forschung mit Personen, die nicht im Wissenschaftssystem tätig sind, klären, ob diese am Prozess des wissenschaftlichen Publizierens beteiligt sein möchten und ob gegebenenfalls andere für diese Personen relevantere Veröffentlichungsorte und -formate bestehen.