Menschen im Gespräch bei einer Konferenz
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Interview mit Dr. Kalle Hauss Wie Wissenschaftler Konferenzen strategisch nutzen

Konferenzen sind ein ständiger Begleiter im wissenschaftlichen Alltag und doch kaum erforscht. Über ihre Bedeutung für die berufliche Karriere.

Von Katrin Schmermund 11.04.2018

Forschung & Lehre: Herr Dr. Hauss, Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit der Bedeutung von Konferenzen für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler beschäftigt. Geben Konferenzen überhaupt ausreichend Stoff für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung über mehrere hundert Seiten?

Kalle Hauss: Auf jeden Fall. Schon alleine, weil die Wissenschaftsforschung sich noch nicht fundiert mit Konferenzen beschäftigt hat. Bislang gibt es lediglich bibliometrische Studien, in denen es zum Beispiel um die Frage geht, wie oft Konferenzpublikationen zitiert werden. Die informellen Aspekte der Konferenz waren dagegen noch nie Thema. Und das, obwohl Konferenzen nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Politik, der Wirtschaft oder der Kirche eine sehr große Rolle spielen.

F&L: Welche Bedeutung haben Konferenzen denn?

Kalle Hauss: Forscherinnen und Forscher akquirieren auf Konferenzen drei für die Wissenschaft zentrale Ressourcen: Informationen, Kontakte und Sichtbarkeit. Bei Promovierenden kommt noch eine vierte hinzu: das fachliche Feedback. Die Sichtbarkeit, die Wissenschaftler durch die Teilnahme gewinnen, fließt dabei ihrer Person zu und nicht ihren wissenschaftlichen Leistungen.

F&L: Wie meinen Sie das?

Kalle Hauss: Es geht bei Konferenzen vor allem darum, die Ergebnisse der anderen mit einem Gesicht zu verknüpfen. Dadurch entsteht ein Gesamteindruck von einem Forscher und seiner Arbeit und daraus entwickelt sich wiederum Vertrauen – oder eben Misstrauen. Für Wissenschaftler, die auf der Suche nach Kooperationspartnern sind, kann es hilfreich sein, den potenziellen Partner oder die Partnerin erlebt zu haben.

F&L: Kann ein überzeugender persönlicher Eindruck bei Konferenzen die eigene Forschungsleistung aufwerten?

Kalle Hauss: Definitiv. Und das ist spätestens ab der Postdoc-Phase relevant. Einige Interviewpartner haben mir erzählt, dass sie die Sichtbarkeit, die sie durch eine Konferenz erzielen, nutzen, um fehlende Sichtbarkeit in Form von Publikationen zu kompensieren – etwa weil sie in Elternzeit sind und kaum Zeit zum Publizieren haben. Forscherinnen und Forscher signalisieren durch die Konferenzteilnahme Aktivität.

F&L: Sie haben auch untersucht, inwieweit sich die Motive für die Teilnahme an einer Konferenz zwischen den Fächern unterscheiden. Was ist Ihnen aufgefallen?

Kalle Hauss: Die vier zentralen Motive unterscheiden sich nicht zwischen Fächern. Es können aber weitere Motive hinzukommen. In technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen kann etwa der Kontakt zu Unternehmen wichtig werden, wenn es darum geht, Partner für die Finanzierung von Forschungsvorhaben zu finden. Auf der Suche nach Sponsoren werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Konferenzen bevorzugen, an denen auch Vertreter von Unternehmen teilnehmen.

F&L: Die "perfekte Konferenz" gibt es also nicht – es kommt darauf an, welchen Nutzen ich aus einer Konferenz ziehen will?

Kalle Hauss: Genau. Die Konferenz ist ein Mittel zur Realisierung individueller Ziele in der Wissenschaft. Allerdings hat man natürlich nicht immer die freie Wahl. Nicht immer ist Geld verfügbar, und es gibt natürlich auch den Fall, dass festgelegt wird, zu welcher Konferenz ein Wissenschaftler gehen kann oder soll – etwa von dem Betreuer eines Promovierenden oder vom Institut. In der Informatik ist es nach meinen Ergebnissen typisch, dass "Zielkonferenzen" festgelegt werden, zu denen jemand aus dem Team fahren muss.

F&L: Warum läuft die Konferenzplanung scheinbar gerade in der Informatik so strukturiert ab?

Kalle Hauss: Es ist eines der Fächer, in denen Wissen sehr schnell veraltet. Das macht Konferenzen sehr bedeutend. Es dauert viel zu lange, bis ein Verlag eine Studie publiziert hat und das Ergebnis gelesen wird. Konferenzen sind eine Möglichkeit, Ergebnisse schnell für viele zugänglich zu machen. Die Publikation in einem Konferenzband ist daher im Regelfall angesehener als ein Journalbeitrag. Spätestens ab der Postdoc-Phase wird sehr genau hingeschaut, auf welchen Konferenzen man gewesen ist. Plattformen wie "AMiner" veröffentlichen hierzu Rankings von Konferenzen.

"Gerade Promovierende lernen auf Konferenzen. Sie lernen die wissenschaftliche Community kennen und nehmen auch inhaltlich etwas mit."

F&L: Immer wieder werden auf Konferenzen Ideen von Wissenschaftlern geklaut. Sind solche Konferenz-Publikationen eine Absicherung?

Kalle Hauss: Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen mit einem fast fertigen Manuskript auf die Konferenz. Niemand würde überraschende Befunde präsentieren, ohne sich darum gekümmert zu haben, dass diese bald publiziert werden können. Forscherinnen und Forscher halten bei ihrem Vortrag auch mal Ergebnisse ganz bewusst zurück. Sie gehen strategisch vor und dosieren die Menge an Informationen, die sie der Community präsentieren. Das gilt besonders dann, wenn sie vor einem großen und unbekannten Publikum vortragen und nicht wissen, ob sie ihren Zuhörern vertrauen können.

F&L: Wenn es bei Konferenzen so stark darum geht, Aufmerksamkeit zu schaffen, zu netzwerken und Informationen im Vortrag bewusst zurückgehalten werden: Welchen Wert haben dann noch die einzelnen Wortbeiträge – sind sie nur nettes Beiwerk, um die Qualität der Konferenz nach außen hin zu sichern?

Kalle Hauss: So weit würde ich nicht gehen. Gerade Promovierende lernen auf Konferenzen. Sie lernen die wissenschaftliche Community kennen und nehmen auch inhaltlich etwas mit. Schließlich geht es für sie auch darum, die Stars der Community zu erleben. Richtig ist aber, dass Forscherinnen und Forscher auf Konferenzen strategisch handeln. Ich habe mit einer Post-Doktorandin gesprochen, die auf einer Konferenz die Methoden einer konkurrierenden Arbeitsgruppe ausspähen wollte. Die Konkurrenten hatten jedoch ihr Abstract gelesen und ihre Absichten durchschaut.

F&L: Zieht sich dieses "strategische Spiel" durch die gesamte wissenschaftliche Karriere?

Kalle Hauss: Nach meinen Ergebnissen spielt die Suche nach Kooperationspartnern und Informationsvorteilen ab der Postdoc-Phase eine entscheidende Rolle – auch, weil die Konkurrenz in der Wissenschaft zunimmt und viel auf dem Spiel steht. Postdocs sind daher bemüht, Kontakte zu knüpfen, die sich in der Zukunft für sie auszahlen. Das trifft zwar auch auf Promovierende zu. Die Konferenz ist für sie jedoch primär ein Ort, an dem sich Prozesse der Sozialisation in die Wissenschaft abspielen.

"Ob sich die Teilnahme an einer Konferenz gelohnt hat, hängt sehr stark auch vom Zufall ab: Wen treffe ich und ergeben sich interessante Gespräche?"

F&L: Wenn ich als Organisatorin höchstmotiviert die einzige angedachte Kaffeepause kürze, damit der thematische Input nicht zu kurz kommt, habe ich also etwas falsch verstanden?

Kalle Hauss: Ein guter Organisator würde das niemals tun. Denn Kaffeepausen unterstützen den sozialen Austausch. Dieser informelle Rahmen ist wichtiger Bestandteil einer guten Konferenz. Seit einiger Zeit gibt es neben dem "scientific programme" oft ein gut organisiertes "social programme". In den angelsächsischen Ländern ist das noch verbreiteter als in Deutschland. Da werden die Teilnehmenden abends schon mal in die Großraumdisko oder zu Sportevents gefahren. Es fließt teilweise sehr viel Sponsorengeld, um die Wissenschaftler bei Laune zu halten.

F&L: Ist es besser, an internationalen Konferenzen teilzunehmen als an nationalen?

Kalle Hauss: So pauschal kann man das nicht sagen. Ob sich die Teilnahme an einer Konferenz gelohnt hat, hängt sehr stark vom Zufall ab: Wen treffe ich und ergeben sich interessante Gespräche? Tendenziell sind internationale Konferenzen besser, um neue Kontakte zu knüpfen. Das hat den logischen Hintergrund, dass die Teilnehmenden aus unterschiedlichen Forschungsgemeinschaften kommen und man nicht die "alten Bekannten" trifft. Man kann jedoch nie vorher wissen, ob sich ein Konferenzkontakt in ein, zwei Jahren als nützlich erweist. Teils erinnert man sich auch erst nach Jahren an eine Person, deren Expertise zu einer aktuellen Forschungsarbeit passt, und dann kann daraus etwas entstehen. Konferenzkontakte sind in diesem Sinne "konserviertes" soziales Kapital.

F&L: Inwieweit zahlen sich interdisziplinäre Konferenzen aus?

Kalle Hauss: Hier entstehen oft Kooperationen und man bekommt Informationen, die man vorher nicht hatte. Das liegt daran, dass die Teilnehmenden in unterschiedlichen Disziplinen arbeiten und dementsprechend unterschiedliche Lösungen präsentieren. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, einen neuen Ansatz oder eine alternative Methode kennenzulernen.

F&L: Wie gehe ich vor Ort vor, um eine Konferenz möglichst effektiv für mich zu nutzen?

Kalle Hauss: Häufig bleibt man unter sich. Promovierende interagieren mit anderen Promovierenden, Postdocs mit Postdocs und Professoren mit Professoren. Das macht einerseits Sinn, weil jede Statusgruppe ihre eigenen Themen hat. Andererseits beschränkt es die Möglichkeiten, das eigene Netzwerk substanziell zu erweitern. Ein Professor oder ein Arbeitsgruppenleiter hat ein ganz anderes Netzwerk als ein Promovierender. Als guter Netzwerker versuche ich meine Kontakte zu diversifizieren und mich auch mit statushöheren Wissenschaftlern auszutauschen.

F&L: Habe ich einen Vorteil, wenn ich als Promovend gemeinsam mit meinem Betreuer auf der Konferenz bin?

Kalle Hauss: Das macht durchaus Sinn – vor allem, wenn der Betreuer als Vermittler auftritt und Kontakte herstellt. So ergibt sich schon mal die Möglichkeit, in ein anderes Institut eingeladen zu werden. Nicht untersucht habe ich, welchen Einfluss es hat, wenn eine größere Gruppe eines Lehrstuhls an einer Konferenz teilnimmt. Ich würde aber erwarten, dass man eher unter sich bleibt und sich tendenziell weniger mit anderen austauscht.

"Es gehört zum professionellen Selbstverständnis eines Wissenschaftlers, sich mit anderen auszutauschen. Fehlt dieses Selbstverständnis, hat man den Beruf verfehlt."

F&L: Wie stehen vor dem Hintergrund Ihrer Ergebnisse Forscherinnen und Forscher da, die kaum netzwerken – können sie dieses "Manko" mit erstklassigen Publikationen ausgleichen?

Kalle Hauss: Das geht in der Regel schief, weil die face-to-face Interaktion elementar ist. Nur so können sich die Teilnehmenden einen Eindruck von anderen Wissenschaftlern machen. Nur so können sie andere Personen in das Gefüge aus Wissenschaftlern, Konkurrenten sowie möglichen Partnern einordnen. Es gehört zum professionellen Selbstverständnis eines Wissenschaftlers, sich mit anderen auszutauschen. Fehlt dieses Selbstverständnis, hat man den Beruf verfehlt.

F&L: Wie bereite ich mich auf die Konferenz vor und was mache ich mit dem Input nach der Konferenz?

Kalle Hauss: Wenn man etwas präsentiert, sollte man natürlich zunächst einmal seine Präsentation vorbereiten und auf Rückfragen vorbereitet sein. Aber man sollte sich auch die eigenen Erwartungen vor Augen führen. Was sind meine Ziele? Vielleicht möchte ich einen guten Vortrag oder eine lebendige Diskussion erreichen, aber auch Kontakte mit anderen Doktoranden knüpfen oder eine bestimmte Koryphäe meines Fachs kennenlernen. Dann sollte ich mich vor Ort auch so verhalten, dass ich diese Ziele erreichen kann und mich nicht einfach nur "treiben lasse". Auch sollte ich gerade als junger Wissenschaftler bei einer Konferenz ganz bewusst auf die Denk-und Verhaltensmuster der Community achten. Geschichtswissenschaftler haben einen anderen Habitus als Juristen oder Physiker. Diesen Habitus muss ich kennenlernen, um erfolgreich agieren zu können.

F&L: Welche Erkenntnisse aus Ihrer Forschungsarbeit waren für Sie unerwartet?

Kalle Hauss: Überrascht hat mich, dass nicht nur internationale Konferenzen, sondern auch kleine Konferenzen als wichtig erachtet werden. Zwar werden internationale Konferenzen als spannender wahrgenommen, aber nationale Konferenzen genutzt, um bestehende Kontakte zu pflegen. Beide Formen der Konferenz müssen bespielt werden, um in der Forschung weiterzukommen. Zudem hat mich gewundert, wie gut Promovierende bereits die Bedeutung von Konferenzen einschätzen können und entsprechend strategisch vorgehen. Ihnen wird scheinbar früh klargemacht, wie wichtig der Austausch mit anderen ist.

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