Büroküche mit Kaffemaschine, der Kaffee ist übergelaufen
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Arbeitskultur
Wut nicht herunterschlucken, sondern konstruktiv nutzen

In Arbeitskontexten können Konflikte mit den Kolleginnen und Kollegen die Leistungsstärke mindern. Fachleute geben Verhaltenstipps bei Wut im Team.

Von Charlotte Pardey 02.02.2026

Der Kollege benutzt ständig die eigene Lieblingstasse, die Kollegin spielt sich bei Besprechungen in den Vordergrund, eine andere macht nie die Kaffeemaschine sauber und ein vierter lässt sich bei Institutsmeetings ständig entschuldigen. Konflikte sind im Arbeitskontext, wo viele unterschiedliche Charaktere täglich zusammentreffen, vorprogrammiert. Sie beruhen oft auf ungeklärten Erwartungen und verletzten Bedürfnissen. Doch wie geht man am Arbeitsplatz mit den resultierenden Gefühlen der Wut um?

Das hat Verhaltenswissenschaftler Dr. Robin Umbra an der Universität Hohenheim zusammen mit Professorin Ulrike Fasbender erforscht. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology veröffentlicht. Auch speziell für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hat der inzwischen selbstständige Wissenschaftler und Unternehmensberater Umbra einige Tipps parat, die in der akademischen Welt helfen, geschickt mit schwierigen Situationen umzugehen.

Wann wir Wut empfinden

Wut ist eine Emotion, die wir aus den unterschiedlichsten Gründen empfinden können – im beruflichen wie im privaten Kontext. Umbra fasst sie im Gespräch mit Forschung & Lehre so zusammen: "Grundsätzlich empfinden wir Wut, wenn wir wahrnehmen, dass uns ein Nachteil zugefügt wurde und wir den Eindruck haben, dass eine andere Person daran Schuld hat." Am stärksten sei das Gefühl, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlten.

"Grundsätzlich empfinden wir Wut, wenn wir wahrnehmen, dass uns ein Nachteil zugefügt wurde." Dr. Robin Umbra

Die Art und Weise, wie wir mit unserer Wut am Arbeitsplatz umgehen, ist laut seiner Forschung von zentraler Bedeutung: Reagierten wir falsch, führe dies zu kognitiver Erschöpfung, geringerer beruflicher Leistungsfähigkeit und letztlich Schwierigkeiten, unsere Arbeitsziele zu erreichen. Und das beschreibt auch nur die individuelle Ebene: von Problemen mit Kolleginnen und Kollegen darf man ebenso ausgehen.

Ein konstruktiver Umgang mit dem Gefühl

Umbra erläutert, dass Wut eigentlich nicht positiv oder negativ ist. Die negativen Affekte, die wir alltagssprachlich der Emotion Wut zuschreiben, kämen daher, wie wir mit ihr umgehen. "Wir können verschiedene Strategien wählen, beispielsweise unsere Wut ignorieren oder sprichwörtlich hinunterschlucken. Das führt allerdings oft zu übermäßigem Grübeln, das überhaupt nicht lösungsorientiert ist."

Frühere Studien hätten gezeigt, dass Gefühle der Traurigkeit und Angst zu Erschöpfung und Konzentrationsproblemen führten. "In unserer Studie haben wir zeigen können, dass dies auch für Personen gilt, die vermehrt grübeln und ihre Wut nicht ansprechen."

Eine andere Strategie sei, die Situation, die uns wütend macht, konfrontativ anzusprechen. "Bei unserer Studie haben wir herausgefunden, dass man die Zielerreichung unter Umständen erhöhen und die Erschöpfung verringern kann, wenn man seine Wut richtig kanalisiert und sie konstruktiv bewältigt." Dabei solle man die Person, die man als Auslöser der Wut wahrnimmt, konfrontieren und deutlich machen, dass das Verhalten nicht in Ordnung war, erläutert Umbra.

Was passiert, wenn wir der Konfrontation ausweichen

Ignorieren wir die Ungerechtigkeit und geben nach, schadet das unseren sozialen Beziehungen ebenso, wie wenn wir eine feindselig ausgetragene Meinungsverschiedenheit anzetteln. So beschreibt es Dr. Christian Boeser in der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre. Der Pädagoge und Experte für Erwachsenenbildung argumentiert in seinem Beitrag, dass richtiges Streiten ein "Ausdruck von Wertschätzung" ist und plädiert dafür, dass wir mehr Streit wagen sollten. "Er ermöglicht persönliche Weiterentwicklung, fördert Kreativität, stärkt Beziehungen und hält unsere Gesellschaft zusammen." Dazu dürfe er aber nicht feindlich sein und müsse stets auch Offenheit für andere Perspektiven beinhalten.

Die Frage, ob es auch einen konstruktiven Umgang mit Wut darstellt, wenn man sich von ihr motivieren lässt, um es dem als Aggressor verstandenen Anderen "mal zu zeigen", verneint Umbra. Die Literatur zeige recht deutlich, dass dies zu negativem Wohlempfinden führe, weil man dem Problem eher aus dem Weg gegangen sei. "Man lenkt sich ab oder verschiebt seine Energie woanders hin. An der wutauslösenden Situation hat man nichts geändert", erklärt Umbra.

"[Streit] ermöglicht persönliche Weiterentwicklung, fördert Kreativität, stärkt Beziehungen und hält unsere Gesellschaft zusammen." Dr. Christian Boeser

Zu Fällen, in denen man den Eindruck hat, dass es nichts bringt, Probleme anzusprechen, äußert sich Boeser: Demnach dürfe man von einem Streitgespräch nicht zu viel erwarten: "Ein Konflikt muss nicht zwingend gelöst werden". Es genüge oft bereits, wenn eine Verständigung untereinander über unterschiedliche Interessen und Werte ermöglicht werde, schreibt er in Forschung & Lehre. Dem Konflikt mit Verweis auf die Unmöglichkeit seiner Lösung auszuweichen, ist also auch keine zielführende Strategie. "Es ist wichtig, dass man sich der Situation entgegenstellt und nein sagt," erläutert auch Umbra. Wichtig sei es dabei, stets kontrolliert und diplomatisch aufzutreten.

Wut als Stimmungsindikator für Führungskräfte

Führungskräfte sollten Wut als Ressource oder Informationsquelle verstehen. Sie zeige die Stimmung im Team an und könnte einen Hinweis darauf darstellen, wo Probleme vorliegen, erläutert Umbra.

"Allgemein ist es Aufgabe der Führungskraft, im Team für ein Arbeitsklima zu sorgen, in dem man Konflikte offen ansprechen kann." Dr. Robin Umbra

Wahrgenommene Wut im Team kann dabei auch der Selbstreflexion dienen: Merke man als Führungskraft, dass die Mehrheit der Mitarbeitenden wütend oder unzufrieden ist, dann sollte man sich Gedanken machen, ob man selbst vielleicht der Auslöser ist und wie man den Eindruck der Ungerechtigkeit, der die Wut ausgelöst hat, beheben kann. "Allgemein ist es Aufgabe der Führungskraft, im Team für ein Arbeitsklima zu sorgen, in dem man Konflikte offen ansprechen kann. Sie sollte sich dabei auch selbst als kritikfähig zeigen."

Wut und Konflikte in der Hochschule

Für den Kontext der Hochschule hat die Mediatorin Edeltraud Schmand vor einiger Zeit im Gespräch mit Forschung & Lehre Konflikte am Arbeitsplatz erläutert. Sie ist in der Beratung von Führungskräften und Mitarbeitenden an der Universität zu Köln tätig. Konflikte erfolgten oft aus ungeklärten Erwartungen oder mangelnden Absprachen. "Das kann bei dem wissenschaftlichen Mitarbeiter eine fehlende Orientierung und Sicherheit durch den Vorgesetzten sein oder bei dem Professor mangelnder Respekt und Autonomie vonseiten der Mitarbeitenden. Bleibt ein klärendes Gespräch aus, kann sich der Konflikt schnell verschärfen, bis er schließlich eskaliert", so Schmand. Eine wichtige Rolle spiele auch der berufliche Druck und das "Gefühl, sich gegenüber anderen durchsetzen zu müssen." Das Hochschulsystem in Deutschland, das von der Konkurrenz um wenige Stellen geprägt ist, trägt also zumindest zu Konfliktsituationen bei.

"Bleibt ein klärendes Gespräch aus, kann sich der Konflikt schnell verschärfen, bis er schließlich eskaliert." Edeltraud Schmand

Auch Umbra kommt auf das Hochschulsystem zu sprechen und verweist darauf, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler insbesondere zu Beginn ihrer Karrieren teilweise ausbeuterisch behandelt würden. Er verweist auf die Problematik des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Promovierenden und ihren Doktorvätern und Doktormüttern. "Wenn man abhängig von jemandem ist, ist man weniger dazu bereit, Konflikte und Probleme offen anzusprechen. Die andere Person hat sehr viel Macht." Man müsse genau abwägen, wann und in welcher Form man Situationen, die einen wütend gemacht haben, anspricht. "Eine diplomatische, konstruktive Ansprache ist dabei natürlich umso wichtiger."

Für eine Situation, in der man akut wütend ist, empfiehlt Umbra, zunächst 30 Minuten abzuwarten, um sich wieder besser zu kontrollieren und ausfallendes Verhalten zu verhindern, das man im Anschluss bereue. Nach dieser Pause gelänge es besser, rational zu bleiben. Anschließend sei ein Austausch unter Kolleginnen und Kollegen wichtig, um eine zweite Meinung einzuholen und die vorgefallene Situation besser einschätzen zu können.

"Anschließend sollte die Wut normalerweise gesunken sein, weil man genau das getan hat, was sie von einem möchte." Dr. Robin Umbra

Dann sollte man sich an die Person wenden, die die Wut ausgelöst hat. Betroffene sollten erläutern, dass das gezeigte Verhalten für sie nicht in Ordnung war. Sie sollten "ihren eigenen Standpunkt klar benennen, dem Gegenüber aufmerksam zuhören und gemeinsam nach einer tragfähigen Lösung suchen" so Umbra. "Anschließend sollte die Wut normalerweise gesunken sein, weil man genau das getan hat, was sie von einem möchte: in Aktion zu treten und sich zu wehren". Im Anschluss an das Gespräch müsse man abwägen: Sollte es sich abzeichnen, dass sich keine Besserung einstellt oder eine Lösung gefunden wird, könnte es langfristig gesünder sein, einen anderen Arbeitsplatz zu suchen.