Illustration einers Frauenkopfes mit vor dem Mund gehaltenen Zeigefinger als Schweigesignal.
mauritius images / Ikon Images / Roy Scott

AAUP-Umfrage
18 Prozent der Hochschullehrenden befürchten eine Verhaftung

An der Yale University fühlen sich die Dozierenden politisch gegängelt. Sie sehen sich in ihrer Wissenschafts-, Lehr- und Meinungsfreiheit begrenzt.

03.06.2026

Ein beträchtlicher Teil (18 Prozent) der Dozentinnen und Dozenten der Yale University nimmt seit dem Amtsantritt von Donald Trump im Januar 2025 eine signifikante Beeinträchtigung der eigenen Möglichkeiten wahr, zu forschen, zu lehren und eigene Ideen frei zu äußern. Das geht aus einer aktuellen Umfrage zum Zustand der akademischen Freiheit der dortigen Ortsgruppe der American Association of University Professors (AAUP) hervor. Die Befragten repräsentieren laut Bericht nahezu alle Fachbereiche. Die Umfrage wurde nach Angaben im Bericht "Die Lage der akademischen Freiheit in Yale" online zwischen dem 6. März und dem 18. April 2026 durchgeführt. 

Von 177 Befragten äußerte fast die Hälfte ernsthafte Sorge darüber, von der Universität aufgrund öffentlichen Engagements disziplinarisch belangt zu werden, heißt es in der AAUP-Pressemitteilung anlässlich der Berichtsveröffentlichung. Ein Fünftel des Hochschullehrkörpers habe angegeben, bereits von einem Verwaltungsmitglied aufgefordert worden zu sein, Formulierungen in Bezug auf eigene Lehrveranstaltungen, eigene Forschung oder die eigene Website zu ändern. Nahezu derselbe Anteil (18,1 Prozent) des wissenschaftlichen Personals befürchte eine Verhaftung im Zusammenhang mit der Lehrtätigkeit. 

Insbesondere nichtamerikanische Angehörige des akademischen Lehrkörpers fühlten sich im gegenwärtigen Umfeld zutiefst gefährdet. 70 Prozent von ihnen äußerten die Sorge, aufgrund der eigenen akademischen Arbeit ausgewiesen zu werden. 

Selbstzensur und konkrete Verhaltensänderung 

Diese systemischen Ängste hätten zu konkreten Verhaltensänderungen bei den Dozentinnen und Dozenten geführt. Etwa ein Drittel der Befragten berichtet demzufolge, potentiell kontroverse Themen in Vorlesungen gemieden zu haben. Jeder Fünfte habe angegeben, wissenschaftliche Arbeiten zu derartigen Themen gänzlich aufgegeben zu haben. Fast die Hälfte der Hochschullehrenden habe erklärt, sich nicht mehr öffentlich zu engagieren. Bei nicht fest angestelltem (untenured) wissenschaftlichem Personal fallen diese Zahlen durchweg noch höher aus. 

"Selbst unter den fest angestellten (tenured) Lehrenden gaben 63,3 % an, ernsthaft besorgt über anonyme Beschwerden von Studierenden zu sein, und mehr als ein Viertel (26,7 %) gab an, 'extrem besorgt' über diese Möglichkeit zu sein", heißt es im Bericht über das universitäre Beschwerdemanagement. 

Ein Befragter bezeichnete die Entwicklung in den letzten 15 Monaten äußerst anschaulich: "Ich fühle mich wie ein Frosch in einem Topf mit Wasser auf dem Herd, dessen Temperatur langsam ansteigt. Die Grenze zwischen dem, was als akzeptabel und was als inakzeptabel gilt, verschiebt sich langsam, über einen Zeitraum von Monaten hinweg – sei es in Bezug darauf, was als kontrovers gilt, welche Annahmen und Überzeugungen die Studierenden in den Hörsaal mitbringen, oder wie Yale den Wert meiner Lehr- und Forschungstätigkeit beurteilt." 

"Parteipolitisch motivierter Angriff auf das Hochschulwesen" 

Der Bericht zeichnet ein klares Bild: Angesichts erhöhter beruflicher Risiken – und in der Ungewissheit, ob die Universitätsleitung die akademische Freiheit im Ernstfall tatsächlich schützen wird – betreiben die Dozierenden in Yale ihr Risikomanagement auf eigene Faust. Dabei nehmen sie Änderungen vor, die das Spektrum dessen einschränken, was in Yale gelehrt und erforscht wird und was die Universität der Welt vermittelt. 

Laut Amy Kapczynski, Inhaberin der John-Thomas-Smith-Professur für Rechtswissenschaften und Vorstandsmitglied der AAUP-Ortsgruppe Yale, äußerte gegenüber University World News ernsthafte Bedenken bezüglich der akademischen Freiheit. Die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass der parteipolitisch motivierte Angriff auf das Hochschulwesen in den Vereinigten Staaten das Lernen und die Forschung auf den Campi im ganzen Land untergrabe – selbst auf dem relativ gut geschützten Campus der Yale University, der zweitältesten und zweitreichsten Privathochschule der renommierten Ivy League. 

Kapczynski wies darauf hin, dass fast 48 Prozent der Lehrenden aufgehört hätten, in sozialen Medien Beiträge zu kontroversen Themen zu veröffentlichen. Zudem hätten 30,5 Prozent von ihnen die Bitte um ein Interview im Rahmen der Umfrage abgelehnt, da sie nicht mehr mit Journalistinnen und Journalisten über kontroverse Themen sprechen wollten. 

AAUP fordert Schutzmaßnahmen seitens der Hochschule 

Als Reaktion auf die Umfrageergebnisse fordert die Yale-AAUP die Universität auf, konkrete Maßnahmen zu ergreifen: die Rechte der akademischen Freiheit für alle Hochschullehrenden verbindlich zu verankern, den nicht fest angestellten Dozentinnen und Dozenten mehr Arbeitsplatzsicherheit zu gewähren und sich im Sinne des universitären Bildungsauftrags zu einer substantiellen Beteiligung der Fachbereiche an den Entscheidungsprozessen (Faculty Governance) zu bekennen.

Schwerpunkt USA

Die USA sind einer der wichtigsten Forschungspartner Deutschlands und weltweit einer der interessantesten Wissenschaftsstandorte. Gleichzeitig hat sich das Wissenschaftsklima verändert. Artikel über die Entwicklungen im Land finden Sie in unserem Online-Themenschwerpunkt "USA".

cva