Fachkräftemangel
37 Prozent der internationalen Studierenden planen hier zu arbeiten
Viele internationalen Studierenden wollen in Deutschland arbeiten – 37 Prozent haben sogar explizit aus diesem Grund hier ein Studium aufgenommen. Das geht aus der Analyse "Studieren, um zu bleiben? Erwerbsabsichten internationaler Studierender in Deutschland" hervor, die im ersten Quartal 2026 erschienen ist.
Die internationalen Studierenden in Deutschland entscheiden sich demzufolge besonders häufig für Fachrichtungen, in denen ein Bedarf an hoch qualifizierten Fachkräften besteht. Dazu gehörten insbesondere die vom Fachkräftemangel betroffenen Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT).
Studienautor Daniel Völk erklärt auf Anfrage von Forschung & Lehre, dass dies relevant für den hiesigen Fachkräftemangel sein könnte: "Internationale Studierende können dem Fachkräftemangel aus zwei wichtigen Gründen entgegenwirken: Erstens studieren sie in hohem Maße für die Fachkräftesicherung relevante Studienfächer, und zwar viel häufiger als Studierende aus Deutschland. Zweitens haben sie insgesamt ein sehr hohes Interesse daran, nach dem Studium hier erwerbstätig zu werden."
"Internationale Studierende studieren in hohem Maße für die Fachkräftesicherung relevante Studienfächer."
Daniel Völk, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DZHW
Der Analyse liegen neben anderen Quellen "Die Studierendenbefragung in Deutschland" des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zugrunde. Neben Völk waren Dr. Julia Steinkühler als Autorin und Dr. Jessica Ordemann als Projektleiterin beteiligt. Das Team betont, dass Deutschland bis zum Jahr 2035 wegen des demografischen Wandels mit einem Rückgang der Anzahl an Erwerbstätigen um circa sieben Millionen (35 Prozent) zu rechnen habe. Um diese Lücke zu schließen, sei ein jährlicher Zuwachs von rund 400.000 Menschen erforderlich.
Der Arbeitsmarktzugang zu der Mehrheit akademischer Mangelberufe unterliege staatlichen Regularien, die eng an die im deutschen Bildungssystem erworbenen Qualifikationen gebunden seien, über die hoch qualifizierte Zuwandernde nicht oder nur zum Teil verfügten. Ein Studium in Deutschland habe für diese Menschen Vorteile: Wer hier studiere, umgehe meist die Diskrepanz von im Ausland erworbenen Qualifikationen und inländischen Zugangsregularien vieler akademischer Mangelberufe.
Die Studierendenbefragung in Deutschland
Das DZHW betreibt nach eigenen Angaben anwendungsorientierte empirische Forschung im Bereich des Hochschul- und Wissenschaftssystems. "Die Studierendenbefragung in Deutschland" ist eine bundesweite repräsentative Befragung von etwa 188.000 Studierenden, die im Sommersemester 2021 erstmals durchgeführt wurde. Sie definiert internationale Studierende über die im Ausland erworbene Hochschulzugangsberechtigung statt durch das formale Kriterium der Staatsangehörigkeit.
Studierende aus Nicht-EU-Ländern haben hohe Erwerbsabsicht
Im Wintersemester 2024/2025 kam nach Angaben des Statistischen Bundesamts etwa ein Sechstel aller Studierenden für ihre akademische Ausbildung aus dem Ausland. Davon stammten 97.413, gut ein Viertel, aus Indien und China. Studierende aus Nicht-EU- Ländern müssen hierfür einen Aufenthaltstitel in der zuständigen deutschen Auslandsvertretung beantragen.
Studierende aus der EU hätten vorwiegend in Österreich oder Italien ihre Hochschulzugangsberechtigung erworben, schlüsseln die Forschenden die Zusammensetzung auf. Während Studierende aus Westeuropa und Nordamerika vor allem für einen befristeten Studienaufenthalt nach Deutschland kämen, strebten Studierende aus anderen Weltregionen häufiger einen Studienabschluss an deutschen Hochschulen an.
Die Gründe für den Aufenthalt sind laut Analyse vielschichtig und reichen von "einem intrinsischen Interesse an Land oder Sprache bis zu den Erfahrungen von Familie und Freund*innen mit dem deutschen Hochschulsystem". Mit 37,1 Prozent erreichte die Aussage "um nach dem Studium in Deutschland zu arbeiten" die höchste Zustimmung.
Während etwas mehr als ein Viertel der italienischen Studierenden (27,2 Prozent) nach dem Studium hier arbeiten wolle, treffe dies bei Studierenden aus Österreich nur auf 4,4 Prozent zu. Die unter dem Schnitt liegende Erwerbsabsicht sei darauf zurückzuführen, dass Personen mit EU-Staatsbürgerschaft generell über eine grenzüberschreitende Arbeitsmobilität verfügten. Völk konkretisiert: "Studierende aus einigen europäischen Ländern haben eine Rückkehr in ihr Heimatland häufig schon eingeplant."
Internationale Studierende aus Indien (59 Prozent) und der Türkei (46,8 Prozent) wollen laut der DZHW-Analyse überdurchschnittlich häufig nach dem Studium in Deutschland arbeiten. Dies gelte auch für internationale Studierende aus Syrien (45,5 Prozent), der Russischen Föderation (44,9 Prozent) und dem Iran (41,8 Prozent).
Studienautor Völk beschreibt die Zusammenhänge auf Anfrage von Forschung & Lehre so: "Die Erwerbsabsichten unterscheiden sich am deutlichsten nach Herkunftsland. Zum Beispiel wollen Studierende aus China nur selten nach dem Studium in Deutschland erwerbstätig werden, Studierende aus Indien wollen hingegen überwiegend in Deutschland arbeiten." Neben dem Herkunftsland sei auch die Fachrichtung ein wichtiger Faktor, der sich auf die Erwerbsabsichten auswirke: "Gerade Studierende in den MINT-Fächern wollen gerne in Deutschland erwerbstätig werden", so Völk.
Diskriminierung und Hürden entgegenwirken
Auf die Frage, mit welchen Hürden internationale Studierende konfrontiert sind, erläutert Völk: "Wir wissen, dass mehr als jede*r fünfte internationale Studierende Diskriminierungen im Kontext des Studiums erlebt – und noch deutlich mehr befürchten, bei Bewerbungen auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt zu werden." Viele Hochschulen hätten sich in der letzten Zeit schon auf den Weg gemacht und würden eine systematische Antidiskriminierungsarbeit etablieren.
Aus der Forschung ist der DZHW-Analyse zufolge bekannt, dass internationale Studierende beim Übergang in den Arbeitsmarkt weniger erfolgreich sind als Studierende aus Deutschland. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam bereits die Studie "Benchmark internationale Hochschule" (BintHo) des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Laut BintHo-Studie berichten viele von Diskriminierung im Alltag, beispielsweise bei bürokratischen Vorgängen oder bei der Wohnungssuche.
"Gesamtgesellschaftlich wäre es wichtig, die Botschaft zu vermitteln, dass Deutschland ein multikulturelles und mehrsprachiges Einwanderungsland ist."
Daniel Völk, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DZHW
Es ist nach Einschätzung des DZHW-Autorenteams wichtig, Unterstützungsangebote für diese Gruppe auszubauen und den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. "Gesamtgesellschaftlich wäre es wichtig, die Botschaft zu vermitteln, dass Deutschland ein multikulturelles und mehrsprachiges Einwanderungsland ist und Menschen mit unterschiedlichen Herkünften, Sprachen, Hautfarben und Kulturen dazugehören", betont Völk gegenüber Forschung & Lehre.
cva