Illustration einer den Kopf senkenden Person
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Interview mit Professor Dr. Ahmed A. Karim "Chronischer Stress behindert den Lernerfolg"

Viele Geflüchtete quälen sich traumatisiert durch ihr Studium in Deutschland. Wie Lehrkräfte helfen und sich darauf vorbereiten können.

Von Katrin Schmermund 14.05.2018

Forschung & Lehre: Herr Professor Karim, als Neurowissenschaftler und Psychotherapeut an der Universität Tübingen beraten Sie Dozierende, wie diese mit traumatischen Erfahrungen von geflüchteten Studierenden umgehen können – wie erkenne ich als Lehrkraft denn, dass ein Flüchtling traumatisiert ist?

Ahmed A. Karim: Typisch für eine posttraumatische Belastungsstörung sind sogenannte Flashbacks, bei denen die Erinnerungen an ein belastendes Erlebnis über eine Person "hereinbrechen". Manchmal ist das mit sogenannten Dissoziationen verbunden, bei denen die Betroffenen nicht mehr ansprechbar sind. Das zeigt sich dann zum Beispiel darin, dass sie nicht reagieren, wenn man als Dozentin oder Dozent ihren Namen ruft. Manche Menschen zittern in diesem Zustand. Andere haben dissoziative Anfälle: Ihre Augen flattern oder  sie fallen um und haben krampfartige Zuckungen – ähnlich wie bei einem epileptischen Anfall. Schwächere Formen einer posttraumatischen Belastungsstörung sind Geistesabwesenheit, betrübte Stimmung oder erhöhte Schreckhaftigkeit.

F&L: Die meisten Lehrkräfte an Hochschulen haben keinen psychotherapeutischen Hintergrund – wie sollten sie reagieren, wenn sie die beschriebenen Symptome erkennen?

Ahmed A. Karim: Bei einem dissoziativen Anfall sollte man Ruhe bewahren und hauptsächlich zusehen, dass die betreffende Person sich nicht verletzt. Man sollte auf keinen Fall neugierig nach den Traumainhalten fragen. Die Behandlung von traumatischen Erkrankungen ist sehr komplex. Besser ist es, Geflüchtete an Beratungsstellen an der Hochschule oder außerhalb der Hochschule zu verweisen. Dafür ist natürlich wichtig, dass man weiß, an wen man sich wenden kann. Einrichtungen, die Integrations- und Sprachkurse für Flüchtlinge anbieten, sollten sich eine Liste mit entsprechenden Kontaktdaten von therapeutischen Einrichtungen erstellen und bei Bedarf an betroffene Teilnehmer weitergeben. Manche Hochschulambulanzen haben sogar schon eine Spezialsprechstunde mit Psychotherapeuten für Geflüchtete, die eine Therapie in deren Muttersprache durchführen.

F&L: Psychische Erkrankungen sind ein sensibles Thema – wie spreche ich Studierende als Lehrkraft am besten auf eine mögliche Belastung an?

Ahmed A. Karim:  Ein guter Einstieg in ein Gespräch unter vier Augen ist, die Person zunächst einmal nach ihrer Stimmung zu fragen, um zu hören, wie sie sich selber einschätzt. Auch könnten Lehrkräfte zum Beispiel nach der Konzentrationsfähigkeit und dem Schlafverhalten fragen. Wichtig ist, dass man dem Studenten oder der Studentin auf Augenhöhe begegnet. Man könnte also sagen: "Ich hatte auch so eine Phase, in der ich belastet war, weil das und das passiert ist, und da habe ich mir die und die Hilfe gesucht". Oder man sagt: "Ein guter Freund von mir hatte das und das auch und ihm wurde da und da sehr gut geholfen."

F&L: Kann es nicht schnell passieren, dass ich einen Studierenden fälschlicherweise für psychisch krank erkläre, ohne dass es zutrifft?

Ahmed A. Karim: Man sollte einem Studierenden eben nichts unterstellen oder sogar vermuten: "Vielleicht haben Sie eine psychische Störung." Stattdessen könnte die Lehrkraft unter vier Augen nur das wiedergeben, was sie beobachtet hat. Zum Beispiel, indem sie sagt: "Mir ist im Unterricht das und das aufgefallen. Passiert Ihnen das öfters? Haben Sie eine Idee woran das liegt?" Wenn zum Beispiel ein Student nun selber Äußerungen dahingehend macht, dass es ihm psychisch nicht gut geht, könnte die Lehrkraft ihn zunächst fragen, ob er hierzu schon Hilfe in Anspruch nimmt und wenn nein, dann kann sie ihn auf entsprechende Angebote verweisen. Ist die Lehrkraft unsicher, wie sie reagieren oder mit einer Antwort des Geflüchteten umgehen soll, sollte sie sich beraten lassen.

F&L: Welche Beratungsangebote sollte eine Hochschule haben?

Ahmed A. Karim: An der Tübinger Universität bieten wir zum Beispiel regelmäßige Supervisionssitzungen für Lehrkräfte an, die mit geflüchteten Studierenden arbeiten. In solchen Supervisionssitzungen können sie schwierige Einzelfälle besprechen und lernen, wie sie besser auf Menschen anderer Kulturen eingehen und sensibler in Gesprächen mit ihnen auftreten. Der Supervisor sollte psychotherapeutisch ausgebildet sein und Supervisionserfahrung haben.

F&L: Die Zahl der Studierenden mit Fluchthintergrund lässt sich nicht genau bestimmen. Die meisten Hochschulen zählen sie nur als internationale Studierende. Bei Hochrechnungen kam die Hochschulrektorenkonferenz zuletzt auf 3.000 Geflüchtete in diesem Sommersemester. Wie viele Supervisoren müsste es da an den Hochschulen geben?

Ahmed A. Karim: Bei einer Supervisionssitzung sollten auf einen Supervisor nicht mehr als 18-20 Lehrkräfte kommen. Der Supervisor muss ja nicht nur auf die Inhalte achten, sondern auch auf die Gruppendynamik in der Supervisionssitzung. Bei größeren Gruppen ist es sehr schwierig, die Gruppenkohäsion aufrechtzuerhalten. Es besteht dann die Gefahr, dass sich Subgruppen bilden und die Teilnehmer sich nicht mehr gegenseitig zuhören. Bei einer Fortbildung könnten hingegen größere Gruppen teilnehmen.

F&L: Eine solch gute Betreuung dürfte in der Praxis utopisch sein…

Ahmed A. Karim: Die Suche nach qualifizierten Supervisoren und Dozenten über das Internet oder Mund-zu-Mund-Propaganda dürfte nicht schwierig sein. Problematisch ist es jedoch, die Finanzierung von solchen Supervisionen zu realisieren und entsprechende Fördertöpfe außerhalb der Hochschule zu finden.

F&L: Wie wichtig ist die Einbindung von Peer-Beratern in die Beratung von Studierenden, die selbst einen Fluchthintergrund haben?

Ahmed A. Karim:
Peer-Beratung kann sehr wertvoll sein. Viele Universitäten im In- und Ausland bieten solche Peer-Beratungen bereits an, in Deutschland zum Beispiel in Kooperation mit anderen Einrichtungen das "Avicenna-Studienwerk", ein Begabtenförderungswerk für Muslime. Ausländische Studierende können auf Augenhöhe von ihren Peerberatern viele wertvolle und praxisorientierte Tipps bekommen. Auch gewisse "Insider-Infos", zum Beispiel welche Professoren didaktisch besser sind oder welche sich genug Zeit für die Betreuung von Abschlussarbeiten nehmen. Peer-Beratung kann aber auch Schwierigkeiten mit sich bringen. Wie gehen die Peers zum Beispiel mit traumatischen Berichten von Flüchtlingen oder verletzendem Verhalten um? Auch hier sind entsprechende Schulungen sinnvoll.

F&L: Was können Geflüchtete selbst tun, um besser mit ihren Belastungen umzugehen?

Ahmed A. Karim: Sie sollten auf ihre Gedanken und auf ihr Verhalten achten. Oft schaden sich Geflüchtete selbst, indem sie etwa in Pausen oder abends Internetvideos über die teils desaströsen Zustände in ihrer Heimat anschauen. Das ist zwar verständlich, gerade, weil sie oft noch Familie dort haben. Aber diese Bilder lösen im Körper Stress aus – und das kann die Heilung seelischer Krankheiten behindern. Denn die beginnt häufig mit den Gedanken. Diese stehen in einer Dreiecksbeziehung mit den Gefühlen und dem Verhalten. Durch positive Gedanken verändert man die Struktur seines Gehirns. Das ist jedoch nicht von heute auf morgen möglich, sondern braucht Zeit.

F&L: Die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung treten oft erst nach und nach auf – sobald sich eine Person in scheinbar geregelten Verhältnissen befindet. Wie ist das neurowissenschaftlich zu erklären?

Ahmed A. Karim: Erstmal versucht das Gehirn uns vor diesen Erlebnissen zu schützen. Wenn man zum Beispiel einen Autounfall hatte, kann es sein, dass man von dem Unfall einen Gedächtnisverlust hat. Nach und nach kommen diese Bilder bruchstückhaft zurück. Zum Beispiel in Form von Träumen. Wichtig ist, dass Personen solche Erlebnisse aufarbeiten. Sonst verfestigen sie sich.

F&L: Wie beeinflusst eine posttraumatische Belastungsstörung den Lernerfolg?

Ahmed A. Karim: Wenn ich oft über Probleme grüble oder Flashbacks erlebe, aktiviert das zum einen den "Sympathikus". Das ist der Teil vom autonomen Nervensystem, der dafür zuständig ist, den Körper auf Kampf oder Fluchtmodus einzustellen. Bei kurzzeitigem Stress schlägt das Herz schneller, die Muskeln spannen sich an, die Atmung wird schneller. Gleichzeitig wird alles stillgelegt, das man nicht zum "Kämpfen oder Fliehen" braucht. Dazu gehört zum Beispiel der Stoffwechsel. Hinzu kommen hormonelle Reaktionen: Adrenalin wird ausgeschüttet, der Blutdruck steigt. Ist der Stress chronisch, was bei posttraumatischen Erkrankungen oft der Fall ist, wird zudem Kortisol ausgeschüttet. Das blockiert das Immunsystem und greift die Strukturen im "Hippocampus" an. Dies ist der Ort im Gehirn, an dem Informationen vom Kurz- in das Langzeitgedächtnis übertragen werden. Bei chronischem Stress kann es daher zu Gedächtnisproblemen und Konzentrationsschwierigkeiten kommen. So behindert der chronische Stress von Geflüchteten ihren Lernerfolg.

F&L: Bei einer DAAD-Tagung zum Thema Flucht und Studium haben Sie mit Lehrkräften über deren Erfahrungen gesprochen. Dabei sagten einige, dass nicht nur der Zweifel von Geflüchteten an ihrer Leistung ein Problem sein könne. Einige überschätzten sich auch und lernten beispielsweise nicht für Sprachprüfungen, was wiederum in einer Enttäuschung ende, wenn sie durchfielen. Wie ist diese Selbstüberschätzung zu erklären?

Ahmed A. Karim: Manchmal können sich hinter einer scheinbaren Selbstüberschätzung Minderwertigkeitskomplexe verstecken. Ich suche mir keine Aufgaben, die meinen Fähigkeiten entsprechen, sondern solche, die weit darunter oder darüber liegen. Dann habe ich ein Alibi, warum ich etwas nicht schaffe. Ein gesundes Selbstbewusstsein bedeutet dagegen, dass ich Sachen angehe, die meinen Fähigkeiten entsprechen. Wenn jemand das nicht macht, würde man therapeutisch in der Biografie ansetzen, um zu klären, warum das Selbstwertgefühl so schwach ausgeprägt ist, dass man sich nur diese Extreme sucht. Ich würde versuchen herauszufinden, ob eine Person beispielsweise immer viel Kritik und nie Lob erfahren hat.

F&L: Nun müssen die Geflüchteten aber bestimmte vorgegebene Hürden erreichen, wie etwa eine bestimmte Sprachprüfung. Wie können Dozierende sie zum Lernen motivieren?

Ahmed A. Karim: Eine gute Möglichkeit ist es, ihnen Vorbilder aufzuzeigen. Man kann sich zum Beispiel fragen, welche Pioniere einem aus dem Orient bekannt sind oder sich motivierende arabische Sprichwörter und Weisheiten aneignen. Damit können sich Geflüchtete gerade am Anfang ihrer Zeit in Deutschland stärker identifizieren und Parallelen zu deutschen Leitsätzen entdecken. Wichtig ist es aber auch, den Studierenden Kurse zu den Themen "Zeitmanagement und Umgang mit Prokrastination" sowie "Lernen lernen" anzubieten. Um die Geflüchteten zum Erlernen der deutschen Sprache zu motivieren, können Lehrkräfte auf sogenannte "Arabismen" verweisen. Arabismen sind deutsche Wörter arabischen Ursprungs. Sehr viele wissenschaftliche Begriffe, die mit "Al" beginnen, sind arabischen Ursprungs, wie etwa Algorithmus, Algebra, Aluminium und Aldehyd. "Al" ist übrigens der arabische Artikel, wie im Englischen "the". Wir verwenden außerdem nicht nur arabische Zahlen, sondern auch das deutsche Wort "Ziffer" stammt aus dem arabischen Wort "Zifr", was "Null" bedeutet. Damit kann zum einen die Vertrautheit und die Liebe zur deutschen Sprache erhöht werden. Zum anderen zeigt die Lehrkraft Wertschätzung gegenüber der arabischen Sprache und bekommt dadurch in der Regel Wertschätzung zurück.

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