KI-Nutzung im Studium
Der Wert des Schreibens
Akademisches Schreiben dient im Studium ursprünglich zum Generieren neuer Erkenntnisse und "als Königsweg, um Denken zu lernen" (Kruse, 2017). Wenn nun die Mehrheit der Studierenden Künstliche Intelligenz (KI) zur Forschungslektüre und zum Verfassen von Haus- und Abschlussarbeiten nutzt, ist noch nicht absehbar, wie genau dadurch verschiedene Kompetenzen für Studium und Beruf ab- beziehungsweise aufgebaut werden. Es liegt in der Verantwortung der Hochschulen, den Aufbau von KI-Literacy zu beeinflussen und zugleich dem Abbau von Schreib- und Lesekompetenz gegenzusteuern.
Damit Hochschulen an der tatsächlichen Nutzungspraxis Studierender ansetzen können, hat das Schreibzentrum der Goethe Universität Frankfurt 2023 und 2025 zwei bundesweite Studierendenbefragungen zum Schreiben mit KI durchgeführt. 2025 wurde erfasst, inwiefern Studierende beim KI-unterstützten Schreiben ausreichend Eigenleistung einbringen und wo Handlungsbedarf seitens der Hochschulen vorliegt. Erhoben wurden Einstellungen zum KI-Einsatz und konkrete Nutzungsweisen im Schreibprozess. Die Umfrage wurde allen Schreibzentren deutscher Hochschulen zur Verteilung an Studierende gesendet. Die Ergebnisse beziehen sich auf 4.048 Befragte, welche die Population der Studierenden an deutschen Hochschulen bezüglich der Verteilung auf Fachcluster, angestrebtem Abschluss und Studiengang in ausreichendem Maß abbilden, um von einer Übertragbarkeit auf die Grundgesamtheit auszugehen.
"Die Erhebung ergab, dass 89 Prozent der Teilnehmenden KI zum akademischen Schreiben einsetzen."
Die Erhebung ergab, dass 89 Prozent der Teilnehmenden KI zum akademischen Schreiben einsetzen. Am häufigsten wird ChatGPT genutzt, in einigem Abstand gefolgt von KI zur Übersetzung und zur sprachlichen Textbearbeitung wie DeepL. Knapp zwei Drittel verwenden die Anwendungen zur Information, Inspiration und sprachlichen Unterstützung. Für die Auswertung von Forschungsliteratur und zum Schreiben setzt immerhin ein Drittel solche Tools ein. Diese Ergebnisse decken sich mit denen anderer Erhebungen zur studentischen KI-Nutzung im deutschsprachigen Raum (zum Beispiel Marczuk et al., 2025, van Garrel/Mayer, 2025).
Einstellungen zur KI-Nutzung
Ein Großteil der Befragten sieht die Vorteile von KI-Nutzung, ist sich aber auch der Einschränkungen und negativer Folgen bewusst: 63 Prozent halten KI für das Verfassen akademischer Texte zwar für nützlich und qualitativ geeignet, doch ist zugleich bei 58 Prozent ein Bewusstsein für ihre inhaltliche Unzuverlässigkeit vorhanden. Die sprachlichen Fähigkeiten von KI bewerten Studierende höher als die inhaltlichen und erfassen damit grundsätzlich basale Stärken und Schwächen dieser Technologie. Den Einsatz für das akademische Schreiben beurteilen mit 45 Prozent weniger als die Hälfte als ethisch zulässig und positiv. 50 Prozent haben dabei das Gefühl, weniger selbst geleistet zu haben. 46 Prozent zeigen Bedenken, kritisches Denken zu verlernen.
Dieser Zwiespalt, sich aufgrund momentaner Schwierigkeiten im Schreibprozess oder erhoffter Arbeitserleichterung trotz kritischer Einstellung zu schnellen, einfachen Lösungen durch KI verführen zu lassen, wird in Freitexten gut greifbar ("bei Schreibblockaden 'einfach schnell die KI fragen' (nicht selbst überlegen, sich nicht durchbeißen, es sich leicht machen) und dadurch Gedankengänge, die hinter einem Schreibprozess stecken, nicht so tief haben, ein Thema vermutlich nicht ganz so durchdrungen haben"; "Manchmal muss ich mich aktiv zum selbst denken motivieren, statt das an KI zu geben beziehungsweise eine Inspiration zu erhalten.")
Diesen pragmatischen, mit Nebenwirkungen versehenen Hauptgrund der KI-Nutzung, Zeit zu sparen und Aufwand zu reduzieren, geben 71 Prozent der Befragten an. Darüber hinaus werden auch Nutzungsgründe benannt, bei denen Studierende in der Verwendung einen Mehrwert sehen: 60 Prozent geben die Erweiterung von Perspektiven, Kreativität und Wissen an. 59 Prozent empfinden das Verbessern von Schreibkompetenz und Textqualität als Vorteil. 38 Prozent nutzen die neuen technologischen Möglichkeiten zudem, um sich zum Schreiben zu motivieren. Dass KI zur Schreibkompetenz- und Motivationssteigerung genutzt wird, deutet darauf hin, dass einige Studierende Bedarf nach mehr Unterstützung beim Aufbau akademischer Schreibkompetenz haben. Diesen Mangel kompensieren sie mit KI-Tools, wie folgender Freitext illustriert: "Ich habe das Gefühl, dass wir wissenschaftliches Schreiben eigentlich nicht wirklich beigebracht bekommen und zu wenig Unterstützung diesbezüglich erhalten. Durch KI-Tools habe ich ein besseres Gespür dafür bekommen."
Wechselnde Rollen von KI im Schreibprozess
Ob die KI-Nutzung tatsächlich dazu beiträgt, Perspektiven und Schreibkompetenzen zu erweitern, oder doch eher zum Verlust kritischen Denkens führt, hängt von ihrem konkreten Einsatz ab. Theoretisch denkbar sind nach einem Modell von Steinhoff/Lehnen (2025) drei Rollen:
- KI kann beispielsweise als Ghost (-Writer beziehungsweise -Reader) fungieren. Das ist dann der Fall, wenn Studierende Aufgaben stark an sie übertragen, sodass bis auf das Prompting wenig Eigenleistung in Form kritischer Prüfung oder Weiterentwicklung vorliegt. Schreiben wird dann kaum als Lernmöglichkeit genutzt, kritisches Denken durch Schreiben voraussichtlich abgebaut und Prüfungsleistungen bilden KI-Leistungen statt studentischer Kompetenzen ab.
- Zwei weitere Rollen der Tools können dagegen eine sinnvolle Erweiterung bisheriger Schreibpraktiken darstellen und KI-Literacy ebenso wie Schreibkompetenz fördern: KI kann als Partnerin genutzt werden, indem Studierende sie im Bewusstsein ihrer Fehleranfälligkeit zum Ideenaustausch und gemeinsamen Schreiben einsetzen. Dabei prüfen und bearbeiten sie KI-Outputs kritisch. Vorteile dieser Rolle liegen in der Perspektiverweiterung und Motivationssteigerung.
- Als dritte Rolle mit ähnlicher Wirkung kann KI als Tutorin genutzt werden, die methodische Tipps etwa zu Schreib- und Lesestrategien gibt. Die Entscheidung über deren Umsetzung bleibt ebenso bei den Studierenden wie das Erstellen von Inhalten.
Unsere Befragungsergebnisse zeigen, dass alle KI-Rollen in allen Einzeltätigkeiten eines Schreibprozesses in wechselnder Intensität vertreten sind, wobei die Ghost- und die Partnerinnen-Rolle insgesamt häufiger vorkommen als die Tutorin. Beim thematischen Einstieg beispielsweise, für den 56 Prozent der Befragten KI nutzen, dominiert die Ghost-Rolle: 37 Prozent lassen sich einen Themenüberblick ausgeben, den nur 23 Prozent durch den Blick in die Forschung prüfen. Bei der Entwicklung einer Fragestellung dagegen, für die 57 Prozent der Befragten die Anwendungen einsetzen, bauen 38 Prozent eigene Ideen durch Chatten mit KI als Partnerin dialogisch aus. 30 Prozent lassen sich von KI als Tutorin Hilfestellungen geben, etwa durch das Erfragen von Kriterien für gute Fragestellungen oder Themeneingrenzungen.
"Fünf Prozent der Befragten geben an, komplette Texte von KI schreiben zu lassen."
Beim Auswerten von Forschungstexten, wofür 33 Prozent der Befragten KI einsetzen, fungiert diese dann wieder leicht bevorzugt bei 19 Prozent als Ghost, wenn Studierende KI-Zusammenfassungen statt der Originaltexte lesen. 16 Prozent der Umfrageteilnehmenden tauschen sich dagegen nach Lesen des Originaltexts mit KI als Partnerin darüber aus. Beim Schreiben selbst, wofür ebenfalls 33 Prozent der Befragten KI nutzen, überwiegt die Partnerinnenrolle leicht. Dann prüfen die Studierenden die KI-Texte kritisch und überarbeiten sie grundlegend. Doch auch die Ghost-Rolle ist vertreten: Zwar geben nur fünf Prozent der Befragten an, komplette Texte von KI schreiben zu lassen, doch 15 Prozent lassen sich immerhin Textteile generieren und 18 Prozent eigene Notizen in Fließtext umwandeln.
Haltungen zum Schreiben
Unter einer Vielzahl möglicher Einflussvariablen auf die KI-Nutzung sind grundlegende Haltungen zum Schreiben am bedeutsamsten: Studierende, die sich in ihrem Selbstverständnis als Schreibende für ihre akademischen Texte verantwortlich fühlen und sie in eigenen Worten verfassen möchten, nutzen KI grundsätzlich weniger, insbesondere in der Ghost-Rolle. Dasselbe gilt in etwas geringerem Maße für Studierende, die Schreiben als sinnhafte Tätigkeit einschätzen, um eigene Gedanken weiterzuentwickeln und zu lernen.
Insgesamt liegen nur leichte Effekte dieser Einstellungen auf die KI-Nutzung vor, doch formulieren Studierende diese Zusammenhänge auch in Freitexten: "Ich versuche KI-Tools nicht für das Schreiben an sich zu nutzen, da ich damit die Erfahrung habe, dass freies Schreiben mir dann schwerer fällt beziehungsweise ich verlerne gut zu formulieren, Gedanken zu sortieren und 'meine eigene Stimme' zu kommunizieren."
Handlungsbedarf für Hochschulen
Unsere Ergebnisse zeigen, dass sowohl studentische Einstellungen als auch ihr KI-Einsatz von basalem Wissen um Chancen und Grenzen von KI-Nutzung geprägt sind. Dieses Wissen ist jedoch ausbaufähig. Die verbreitete Befürchtung, dass ein Großteil der Studierenden nicht mehr selbst schreibt, bestätigt unsere Befragung nicht. Stattdessen müssen wir genauer hinschauen und den Fokus auf einzelne verbreitete Nutzungsweisen legen. Einen besonders problematischen Umgang mit den Anwendungen, wie etwa die dominierende Ghost-Nutzung beim Lesen von Forschungsliteratur, gilt es einzudämmen. Hingegen ist es ratsam, noch selten genutzte Möglichkeiten der Tutorinnenrolle bekannter zu machen. Zudem sollte die entlastende Funktion der Partnerinnenrolle, etwa bei der Entwicklung einer Fragestellung, anerkannt werden.
Um an den Ursachen für problematische KI-Nutzung Studierender anzusetzen, sollte Schreiben an Hochschulen nicht wie bisher in erster Linie als Prüfungsleistung thematisiert werden. Stattdessen ist es an der Zeit, Schreiben als Weg zum Denken und Lernen in den Vordergrund zu rücken und stärker in die Lehre zu integrieren. Dadurch ließen sich das Verantwortungsbewusstsein für eigene Texte und eine Wertschätzung des Schreibens stärken. Teils angedachte Maßnahmen, Abschlussarbeiten zugunsten von Klausuren oder mündlichen Prüfungen abzubauen, setzen dagegen ein falsches Signal. So ist zwar gewährleistet, dass Prüfungen studentische Leistungen erfassen, doch ein zentrales Ziel von Hochschulbildung würde vernachlässigt: dazu beizutragen, dass Studierende – mit und ohne KI – schreibend und lesend kritisches Denken einüben.
Literaturangaben können bei der Redaktion angefordert werden.
Zwei Fragen an die Autorinnen
Forschung & Lehre: Welche Erkenntnis aus der Umfrage hat Sie persönlich am meisten überrascht?
Nora Hoffmann: "Mich hat überrascht, wie kritisch Studierende KI und die Auswirkungen der eigenen KI-Nutzung einschätzen. Für mich liegt hier ein Widerspruch zur intensiven KI-Nutzung und inbesondere zur Verbreitung der Ghost-Rolle, den ich mir nur durch äußere Zwänge erklären kann."
Sarah Schmidt: "Mich hat es sehr überrascht, welche Relevanz Studierende dem akademischen Schreiben im Studium beimessen. Meine Beobachtungen in der Lehre und auch die hohe Anzahl an Studierenden, die KI zum Schreiben im Studium ausgiebig nutzen, spricht eigentlich gegen diese Einschätzung."
Forschung & Lehre: Welchen Wert für Ihre persönliche Entwicklung messen Sie im Rückblick der eigenen Erfahrung zu, dass Sie das akademische Schreiben noch ohne unterstützende KI-Tools erlernen mussten?
Nora Hoffmann: "Ich habe Schreiben im Studium als herausfordernden Prozess mit frustrierenden Phasen des Stockens und der Ungewissheit erlebt. Wenn ich diese aber überwinden konnte, war ich gedanklich einen Schritt weiter und persönlich ein Stück gewachsen. Hätte ich durch KI diese Momente überspringen können, hätte ich das Schreiben nicht als so wertvoll erleben können. Dann hätte ich mich womöglich nicht für die Schreibdidaktik als Beruf entschieden."
Sarah Schmidt: "Als erste in meiner Familie, die mit Hochschule in diesem Umfang in Berührung gekommen ist, beneide ich die heutigen Studierenden ein wenig. Unterstützung bei der Strukturierung von Hausarbeiten oder einen KI-Partner beim Schreiben hätten mir sehr geholfen und eventuell meine Studienzeit von sieben Jahren etwas verkürzen können."