Bildung auf einen Blick 2026
Deutschland bei MINT-Abschlüssen an der Spitze
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat am 29. September ihre jährliche Studie Education at a Glance – Bildung auf einen Blick 2026 veröffentlicht. Der diesjährige Themenschwerpunkt liegt auf dem Lehrkräftemangel und auf der Attraktivität des Lehrerberufs. Laut OECD kann der Mangel nicht nur an offenen Stellen gemessen werden, sondern zeigt sich ebenso an nicht vollständig qualifizierten Lehrkräften, Langzeitabwesenheiten, Fach- und Regionalengpässen, Fluktuation und einer alternden Lehrerschaft.
"Lehrkräftemangel, in diesem Jahr Schwerpunktthema der Studie, zeigt sich in Deutschland insbesondere darin, dass auch Lehrkräfte zum Einsatz kommen, die noch nicht alle Qualifikationsanforderungen erfüllen", gibt das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) in einer Pressemitteilung anlässlich des Berichts zu bedenken. Bildungsministerin Karin Prien sagte dazu: "Bildung muss Top-Priorität in Deutschland werden – und zwar über die gesamte Bildungsbiographie hinweg". Bund und Länder müssten auf gemeinsame Bildungsziele setzen, so Prien.
Dr. Dorit Stenke, Bildungsministerin des Landes Schleswig-Holstein, erklärt für die Bildungsministerkonferenz: "Der OECD-Bericht zeigt: Lehrkräftemangel betrifft viele Bildungssysteme. Die Länder haben zusätzliche Wege ins Lehramt eröffnet, darunter duale Studiengänge und Quereinstiegs-Master. Dabei gilt, dass auch neue Wege klare Qualitätsstandards brauchen."
Der Deutsche Philologenverband (DPhV) äußert in einer Pressemitteilung die Sorge darüber, dass 55 Prozent der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler Schulen besuchten, deren Leitung angebe, dass die Abwesenheit von Lehrkräften das Lernen beeinträchtige. Das sei der zweithöchste Wert im OECD-Raum und mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt von 27 Prozent. Der DPhV fordert unter anderem die Entlastung der Lehrkräfte im Schulalltag durch zusätzliches Unterstützungspersonal, attraktive Altersteilzeitmodelle sowie eine Perspektive auf eine Unterrichtsversorgung mit ausreichenden Reserven, damit die Abwesenheit von Lehrkräften nicht zulasten des Lernens gehe.
Deutschland besonders stark bei tertiärem Bildungsniveau
Trotz schwacher Testergebnisse vieler Schülerinnen und Schüler sehen die OECD-Forschenden Fortschritte im deutschen Bildungssystem und in einigen Punkten sogar Spitzenpositionen im internationalen Vergleich. Laut OECD-Bericht gab Deutschland pro Kopf 16.430 US-Dollar für Bildung aus. Das waren 1.569 US-Dollar mehr als der OECD-Schnitt von 14.861 US-Dollar. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegen die Gesamtausgaben mit 4,4 Prozent jedoch unter dem Schnitt der OECD-Länder, der 4,7 Prozent betrug. Dabei investierte Deutschland im tertiären Sektor mit einem Prozent des BIP etwas mehr als der Durchschnitt der OECD-Staaten, die dafür 0,9 Prozent des BIP aufwandten.
41 Prozent der 25- bis 34-Jährigen verfügen über einen Abschluss im Tertiärbereich, also über einen Hochschulabschluss oder einen höherqualifizierenden beruflichen Abschluss. Das sind elf Prozentpunkte mehr als 2015. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 47 Prozent. 86 Prozent der 25- bis 64-Jährigen verfügen mindestens über einen Abschluss der Sekundarstufe II, also beispielsweise über eine berufliche Ausbildung oder die (Fach-)Hochschulreife. Damit liegt Deutschland auch hier über dem OECD-Durchschnitt von 82 Prozent.
34 Prozent der Absolventinnen und Absolventen im Tertiärbereich mit in Deutschland erworbener Hochschulzugangsberechtigung schließen ein MINT-Fach ab – der höchste Anteil im OECD-Vergleich. Bei internationalen Studierenden liegt der Anteil sogar bei 51 Prozent, das ist der zweithöchste Anteil unter den OECD-Ländern, heißt es in der Studie.
Strukturwandel erfordert leichtere Übergänge
Die OECD-Forschenden schließen auf einen langfristigen Strukturwandel in vielen der untersuchten Länder: Die dual beziehungsweise beruflich geprägte mittlere Qualifikationsstufe bleibe wichtig, verliere aber relativ an Gewicht gegenüber höheren Abschlüssen. Man müsse sich jedoch von der Annahme lösen, dass Tertiärbildung grundsätzlich "besser" sei, sowie von der Vorstellung, dass sich berufliche Bildung und Tertiärbildung gegenseitig ausschließen würden.
Der Wert eines Bildungswegs hänge "von individuellen Ambitionen, weiteren Lernmöglichkeiten und den Bedingungen am Arbeitsmarkt ab". Da sich die Bildungssysteme an veränderte Qualifikationsanforderungen anpassten, sei die Erweiterung der Übergangsmöglichkeiten zwischen verschiedenen Bildungsstufen und -ausrichtungen zu einem immer wichtigeren politischen Ziel geworden.
cva