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Serie: 25 Jahre Forschung & Lehre
Die Bedeutung von Intelligenz geht verloren

Mit den Noten steigt die Abiturquote und letztlich der Zulauf an die Unis. Eine Fehlentwicklung, an der eine Gruppe besonders leidet.

Von Elsbeth Stern 15.06.2019

Seitdem menschliche Intelligenz als messbare, stabile und für den Schul- und Berufserfolg wichtige Eigenschaft verstanden wird, deren Ausprägung in hohem Maße von Genvariationen gesteuert wird, ist die Angst vor kollektiver Verdummung präsent.

Ausgelöst wird diese Angst durch Statistiken, wonach Menschen aus niedrigeren sozioökonomischen Schichten mehr Kinder bekommen als Menschen aus höheren Schichten. Ausgehend von der (in Teilen gerechtfertigten) Annahme, dass Menschen in den unteren Schichten ungünstigere genetische Voraussetzungen für die Intelligenzentwicklung mitbringen, wird – durchaus logisch – geschlossen, dass ungünstigere Genvariationen sich stärker ausbreiten als günstigere.

Dass sich diese Befürchtung dennoch bisher nicht bewahrheitet hat, lässt sich mit der polygenetischen Vererbung von Intelligenz sowie deren große Reaktionsnorm erklären. Es gibt nicht DAS Intelligenzgen; vielmehr sind an der Entwicklung von Intelligenzunterschieden sehr viele über das gesamte Genom verbreitete Genvariationen beteiligt, welche ihre Wirkung nur unter bestimmten Umweltbedingungen entfalten können. Das macht die Vererbung von Intelligenz zu einem Vabanquespiel.

Tatsächlich zeigen sich auch nur mittlere Zusammenhänge zwischen der Intelligenz von Eltern und deren Kindern. Dafür verantwortlich ist auch der Regressionseffekt zur Mitte: Die Wahrscheinlichkeit, dass sehr intelligente Eltern Kinder bekommen, die etwas weniger intelligent sind als sie selbst, ist größer als 50 Prozent. Auch das Umgekehrte gilt: Weniger intelligente Eltern können "ungenutzte" Genvariationen an ihre Kinder weitergeben, die diese zur Entwicklung einer höheren Intelligenz nutzen.

Intelligente Kinder von Nicht-Akademikern seltener an Uni

Der Unterschied in der Fertilitätsrate zwischen mehr und weniger intelligenten Eltern müsste schon sehr groß sein und sich über Generationen fortsetzen, bis sich dies in einer bemerkbaren Abnahme der durchschnittlichen Intelligenz niederschlägt.

Sorgen machen sollten sich moderne Gesellschaften hingegen über eine andere Entwicklung, nämlich den Bedeutungsverlust der Intelligenz beim Zugang zu Universitätsbildung. Über viele Jahrzehnte prägten Bildungsaufsteiger – also Menschen aus nichtakademischen Familien, die einen Hochschulabschluss erwarben – unsere Gesellschaft. Der kontinuierliche Anstieg der Abiturientenquote seit den 1950er-Jahren ermöglichte eine zunehmend bessere Ausbeutung der Intelligenzressourcen.

Das Gymnasium als eine Schulform, die ab dem zehnten Lebensjahr auf ein Hochschulstudium vorbereiten sollte, konnte Kulturschocks verhindern oder stark abmildern, die in den angloamerikanischen Ländern sogenannte "first generation students" häufiger an Universitäten scheitern lassen. Intelligente Kinder aus nicht-akademischen Elternhäusern hatten lange Jahre eine faire und für die Gesellschaft vorteilhafte Chance auf eine verantwortungsvolle Tätigkeit, die einen Universitätsabschluss erfordert.

Seitdem die Abiturientenquote auf hohem Niveau ihr Limit erreicht haben dürfte, stellt sich die Frage nach dem Stellenwert der Intelligenz beim Zugang zum Gymnasium neu. Eltern, die selbst einen Hochschulabschluss haben, setzen alles daran, auch ihren weniger begabten Kindern den Weg an die Universität zu ebnen. Dies gelingt, weil Schulnoten und Intelligenz zwar zusammenhängen, aber von einer hohen Übereinstimmung weit entfernt sind.

Es gibt eine ganze Reihe von sich nicht ausschließenden Gründen dafür, dass weit überdurchschnittlich intelligente Kinder schlechtere Noten haben als durchschnittliche und sogar unterdurchschnittliche. Diesen stehen dann Bildungswege offen, die ersteren verschlossen bleiben. Während zu Zeiten der Expansion Grundschullehrkräfte öfters Eltern überreden mussten, ihre Kinder auf das Gymnasium zu schicken, haben sie heute den Ansturm eher abzubremsen. Dass dies zu Lasten von intelligenten Kindern aus nicht-akademischen Elternhäusern geht, zeigt sich regelmäßig in Bildungsstudien.

Der Schaden für die Gesellschaft ist doppelt: Intelligente Menschen können ihr Potenzial nicht entfalten und weniger intelligente sind an Universitäten und in anspruchsvollen Berufen überfordert. Die Noten in der Grundschule dürfen nicht länger über den Zugang zu einer Universitätsbildung entscheiden, die diesen Namen verdient.

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