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Serie "Innovative Lehrformate"
Die Kraft spielerischer Prinzipien

Wenn Unterricht sich anfühlt wie ein Lieblingshobby: Gameful Learning setzt auf freiwilliges und stressfreies Lernen.

Von Amir Madany Mamlouk 06.08.2025

Für viele Studierende fühlt sich das Studium nicht wie eine Zeit der intellektuellen Entfaltung an, sondern wie ein zermürbender Überlebenskampf. Unter Dauerstress hetzen sie durch den Semesterbetrieb, oft mit mehr als fünf Klausuren in zwei Wochen – jede einzelne mit dem Potenzial, monatelange Arbeit zunichtezumachen. Statt Neugier und fachlicher Auseinandersetzung herrscht Angst vor dem Scheitern. In dieser Atmosphäre bleibt kaum Platz für echtes Interesse am Fach oder am künftigen Berufsfeld.

Während der Hochschulalltag Studierende oft überfordert, suchen viele Ausgleich – oder Zuflucht – in Computerspielen und virtuellen Welten. Hier finden sie reizvolle Stimulation, sichtbare Fortschritte und Selbstwirksamkeit. Und das bei oftmals komplexen Spielen, die Wochen, Monate oder Jahre an Einsatz erfordern! Das Problem des Systems Hochschule liegt möglicherweise darin, dass es Studierende vor sich hertreibt, anstatt sie zum Lernen einzuladen und dieses große Potential zu nutzen.

Klassische Vorlesungen sind "Anti-Spiele"

Würde jemand versuchen, ein Spiel zu entwerfen, das möglichst demotiviert und frustriert – es käme vielen traditionellen Hochschulformaten erschreckend nahe: Wenig Interaktion, Themen ohne erkennbare Anschlussfähigkeit, kaum nachvollziehbare Lernwege und ein monatelanges Arbeiten auf zahlreiche Klausuren hin. Erfolgserlebnisse? Selten. Wahlmöglichkeiten? Gering. Rückmeldungen? Meist spät, zu knapp und folgenlos.

"Erfolgserlebnisse? Selten. Wahlmöglichkeiten? Gering. Rückmeldungen? Meist spät, zu knapp und folgenlos."

Eine "spielerische" Hochschule könnte ein besserer Lernort sein: Erfolgserlebnisse wären Teil des Studienalltags, Fehler wären wertvolle Schritte im Lernprozess, und Studierende hätten Freiräume, um sich auszuprobieren und ihren individuellen Weg durchs Studium zu gestalten. Eine solche Lernumgebung würde nicht nur motivieren, sie würde auch Neugier wecken und das Lernen zu dem machen, was es sein sollte: Eine herausfordernde, aber lohnenswerte Reise.

Gameful Learning versucht, die motivierenden Prinzipien erfolgreicher Spiele auf den Hochschulkontext zu übertragen. Die erfolgreichen strukturellen Prinzipien decken sich durchaus mit psychologischen Grundbedürfnissen der Self-Determination Theory von Ryan und Deci (1986): Positive Bestärkung, Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit.

Gameful Learning: Spielend motiviert bleiben

Im Folgenden sollen kurze Impulse zeigen, wie der Lehralltag "spielerischer" gestaltet werden kann, um den Grundbedürfnissen der Lernenden gerechter zu werden. Den Impulsen folgen jeweils exemplarisch ausgewählte und thematisch passend zusammengestellte Studierendenstimmen aus entsprechend transformierten Bachelor-Vorlesungen des Autors zum Thema Bioinformatik, gehalten an der Universität zu Lübeck.

Positive Bestärkung

Positive Bestärkung entsteht, wenn jede investierte Minute sichtbar zählt – etwa durch Erfahrungspunkte (XPs) statt einer einzigen Klausur. Das Sammeln von XPs macht Lernfortschritt planbar und schafft bedeutende Zwischenziele. Frühzeitiges Bestehen (zum Beispiel ab 50 XPs) reduziert Prüfungsangst.

"Man wird stark motiviert, im Semester gut mitzuarbeiten, und diese Arbeit wird auch gewürdigt."

"Ich bin ein Fan von den XPs, da ich sehr ehrgeizig bin! Es hat mich sehr motiviert, meinen Fortschritt (und meine Note) in Echtzeit mitzuverfolgen."

Autonomie

Ein breites Wahlangebot erlaubt individuelles XP-Sammeln – etwa über Themenwahl, Extrapunkte-Aufgaben oder Basisübungen zum Schließen von Wissenslücken. Zusätzlich lassen sich übergreifende Kompetenzen wie der Umgang mit Künstlicher Intelligenz ("AI Literacy") oder Themen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sinnvoll integrieren, um Studierende fachübergreifend auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten. So entstehen individualisierte Lernangebote, die Autonomie stärken und den persönlichen Interessen entsprechen.

"Dadurch, dass man auch Teilpunkte sammeln konnte, konnte ich gezielt an meinen Schwächen arbeiten und musste nicht alles auf einmal verstehen, um weiterzukommen."

"Man konnte sich Themen widmen, die einen interessiert haben und in die man mehr Zeit investieren wollte."

Kompetenzerleben

Wichtig ist, Gelerntes auch anzuwenden. Je früher Kompetenzerleben spürbar wird, desto stärker motiviert es und desto sinnhafter wird auch die Notwendigkeit des jeweiligen Kurses erlebt. Eine starke Fokussierung auf die Kompetenzen hilft, inter- und transdisziplinäres Lernen zu fördern.

"In der Projektphase habe ich gemerkt, dass ich wirklich etwas anwenden kann, was ich vorher nur theoretisch kannte. Das war ein echter Aha-Moment!"

"Mir ist in diesem Modul besonders positiv aufgefallen, dass die Lernziele so klar erkennbar sind, dass man in der Klausurvorbereitung merkt, wie viel man übers Semester mitgenommen hat."

Serie "Innovative Lehrformate" 

  1. Gastbeitrag über Gamification von Dr. Amir Madany Mamlouk, Spezialist für Machine Learning in den Medizin- und Lebenswissenschaften am Institut für Neuro- und Bioinformatik der Universität Lübeck
     
  2. Aus der F&L-Redaktion: Innovative Lehrpraxis an europäischen Hochschulen von Christine Vallbracht
     
  3. Aus der F&L-Redaktion: Beispiele für adaptive Lehre und interaktive Lernangebote aus verschiedenen Fächern von Charlotte Pardey

Soziale Eingebundenheit

Gruppenarbeiten an Vorträgen, Postern oder umfangreicheren Projekten fördern Zusammenarbeit und stärken das Zugehörigkeitsgefühl. Peer-to-Peer-Reviews schaffen Feedback auf Augenhöhe und fördern Vertrauen sowie Perspektivwechsel. Interaktive Formate wie Online-Quizze (zum Beispiel Kahoot) sorgen für spielerische Aktivierung und gemeinsames Lernerleben. Schon einzeln entfalten diese Formate positive Wirkung – durch die systematische Aufwertung mit XP-Punkten werden Beteiligung und soziale Verbundenheit zusätzlich gesteigert.

"Als wir uns XPs für die Begutachtung der anderen Projekte verdient haben, habe ich erst gemerkt, wie vielseitig die Themen waren. Auch schön, dass so viele unser Projekt gesehen haben."

"Wir fanden den Wettbewerb um die XPs bei den Kahoots nicht gut. Als wir dann XPs fürs Einsenden von Quizfragen bekommen haben, hat es richtig Spaß gemacht!"

Die Klausur als Endboss

Es zeigt sich, dass auch die Klausur eine neue Rahmung erhält: Es geht nicht länger "ums Überleben", sondern um den Nachweis eines erfolgreichen Wissenserwerbs. Die Klausur wird gewissermaßen zum Endgegner, die Studierenden zu den Heldinnen und Helden, die mit ihren neu erlangten Fähigkeiten die Aufgaben meistern. Dieser Stress ist positiv – er wird zur persönlichen Bestätigung des Lernerfolgs.

"Den Kurs schon früh mit genug XPs zu bestehen, hat trotz Klausur viel Stress genommen."

"Ich fand es sehr gut, während des Semesters XPs zu sammeln. Das hat den Druck am Ende immens rausgenommen und ich bin sogar mit Freude in die Klausur gegangen."

Wenn es so einfach wäre…

Gameful Learning wirkt wie ein katalytischer Rahmen, der viele qualitätsvolle Aspekte anderer Lerninnovationen einbettbar macht, Motivation vertieft, soziale Dynamiken aktiviert, Feedback verbessert und Vertrauen in Studierende stärkt.

Der Weg dorthin erfordert jedoch strukturelle Änderungen, die nicht leicht an jeder Hochschule umzusetzen sind. Oftmals herrscht eher eine "Misstrauenskultur": Die Angst, Studierende könnten sich "durchschummeln", wenn alles "ohne Zwang und klare Vorgaben" geschieht. Dabei hat sich im Lehrbetrieb des Autors genau das Gegenteil gezeigt: Sternchen-Aufgaben werden plötzlich von viel mehr Studierenden bearbeitet und semesterbegleitende Aufgaben ernsthaft verfolgt, um keine XPs liegen zu lassen.

"Gamification ist kein Selbstzweck. Es geht nicht darum, Studierende zu unterhalten."

Dabei ist Gamification kein Selbstzweck. Es geht nicht darum, Studierende zu unterhalten. Es geht darum, Lernen sichtbar, steuerbar und sinnhaft zu gestalten. Wer will, dass Studierende mitdenken, mitarbeiten und (wirklich) lernen, muss mehr bieten als Prüfungsdruck und Pflichtpräsenz. 

Wie das gelingen kann, zeigt Gameful Learning sehr deutlich: Durch klare Ziele, kontinuierliches Feedback, sichtbaren Fortschritt und eine Kultur, die Einsatz belohnt statt Fehler zu bestrafen. Hierbei genügen oft auch kleine, kluge Interventionen für große, positive Effekte.

Für viele Studierende macht das den Unterschied aus zwischen einem Pflichtkurs und einer echten Lernerfahrung!