Vor einer großen Studierendenmenge in roten Roben spricht der Universitätspräsident von Harvard im Freien bei Sonnenschein.
Kris Snibbe / Harvard University

Leistungsbewertung
Harvards Notendeckel und der Vorwurf der Noteninflation

Harvards Beschluss, Bestnoten mäßiger zu vergeben, erlebt Fürsprache an anderen Eliteuniversitäten wie der Yale University. Doch es gibt auch Skepsis.

28.05.2026

In Interviews äußerten Professorinnen und Professoren der Yale University ihre Unterstützung für die neue Notenobergrenze an der Harvard University und würdigten sie als einen bedeutsamen Schritt einer führenden Universität im Kampf gegen die Noteninflation. So berichtete es die Universitätszeitung Yale – The News am 23. Mai. Demnach wird an allen acht privaten US-Hochschulen der prestigeträchtigen Ivy-League über neue Richtlinien der Leistungsbewertung von Studierenden diskutiert. Die Harvard University habe nun als erste einen "bedeutenden Kurswechsel" vollzogen, während die Yale University noch in der Findungsphase sei. 

Am 26. Mai ermutigte Harvard-Präsident Alan Garber die diesjährigen Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen dazu, an den Wert der akademischen Bildung zu glauben: "Es wird immer von Wert sein, hart zu arbeiten, um neue Ebenen des Verständnisses zu erreichen." Anstrengung zähle nach wie vor. 

Die Hochschulleitung Harvards hatte am 20. Mai bekannt gegeben, dass der Fakultätsverbund (Faculty of Arts and Sciences, FAS) mit einer 70-prozentigen Mehrheit von 458 zu 201 Stimmen für eine Vergabe-Obergrenze von 20 Prozent für die Bestnote A (entspricht 1,0) ab Herbst 2027 gestimmt habe. Es gehe darum, Standards neu zu gestalten und der Noteninflation entgegenzuwirken, berichtete die Universitätszeitung The Harvard Crimson. Die Entscheidung stelle einen bedeutenden Erfolg für die Dekanin für Bachelorstudiengänge, Professorin Amanda Claybaugh, und den Fakultätsausschuss für Benotung dar, der den Plan entworfen hatte. 

Die Noteninflation und mögliche Gegenmaßnahmen 

Anlass für die Notendeckelung waren mehrere Untersuchungsberichte von 2023 bis 2025 sowie ein Report Clabaughs vom Herbst letzten Jahres zur Benotungspraxis an der Hochschule gewesen. Darin hatte sie anschaulich geschildert, dass der Anteil der Bestnote A, die für außergewöhnliche Qualität stehen müsse, zwischen dem Jahr 2005 mit 24 Prozent auf rund 60,2 Prozent in 2025 steil angestiegen ist. Auf die Frage nach der Benotung im Allgemeinen hätten fast alle Dozentinnen und Dozenten "ernsthafte Bedenken" geäußert und ein Missverhältnis zwischen den vergebenen Noten und der Qualität der studentischen Leistungen bestätigt. Ein Grund für die undifferenzierte, sehr milde Bewertung besteht laut Bericht darin, dass die Dozierenden untereinander um die Gunst der Studierenden konkurrieren. 

Die Studierenden indes seien Claubaughs Analyse zufolge größtenteils zufrieden mit der Benotungspraxis, einige hätten jedoch Ungleichheiten bei der Benotung zwischen verschiedenen Studienschwerpunkten, zwischen einzelnen Kursen und sogar zwischen unterschiedlichen Seminargruppen desselben Kurses wahrgenommen. Manche fühlten sich gedrängt, zusätzliche akademische Qualifikationen zu erwerben, um sich von der Masse der Bestbenoteten zu unterscheiden – etwa Doppel-Schwerpunkte, Nebenfächer, Sprachzertifikate oder einen parallel laufenden Masterabschluss. 

Clabaugh betonte in ihrem Bericht, die "Zeit für konzertiertes Handeln" sei gekommen. Die derzeit vergebenen Noten würden nicht mehr ihren Zweck erfüllen. Begleitend zu einer neuen Benotungspraxis müssten auch weitere Maßnahmen ergriffen werden. Lehrende sollten beispielsweise in Erwägung ziehen, Präsenzprüfungen einzuführen, was angesichts des Zeitalters der generativen KI sowieso ein "ein umsichtiges Instrument" der Leistungskontrolle sei. Die Abstimmung der Benotung über die einzelnen Kursgruppen hinweg könne ebenfalls eine sinnvolle Maßnahme seitens der Dozierenden darstellen. Institutionelle Evaluierungsverfahren sollten eine Lehre honorieren, die sowohl anspruchsvoll als auch inhaltlich wertvoll ist, und Erwartungen an die Teilnehmendenzahl angemessen und klar formulieren. 

Kritik und Zuspruch aus der Hochschul-Community 

Laut The Harvard Crimson haben Studierende sowie Professorinnen und Professoren im Vorfeld des Bestnoten-Votums argumentiert, der Vorschlag könne den Wettbewerb verschärfen, die Bereitschaft zu intellektuellem Wagnis mindern und die Autonomie der Fakultät einschränken. Die Studierendenschaft habe die Notendeckelung in einer Umfrage zu 85 Prozent abgelehnt. 

Auch gegenüber der Universitätszeitung der Yale University haben sich einige Professorinnen und Professoren kritisch geäußert: Es fehle die Unterscheidung der Benotung von Seminaren und Vorlesungen, es bestehe die Gefahr einer inflationären Zunahme der von der Richtlinie nicht berücksichtigten A-Minus-Noten sowie eine Verlagerung des Fokus weg von der intellektuellen Weiterentwicklung der Studierenden. Sarath Sanga, Professor an der Yale Law School, erklärte hingegen, die Notendeckelung sei ein kleiner erster Schritt hin "zur Schaffung des bestmöglichen pädagogischen Umfelds für die Studierenden". 

Professor Stuart Shieber, Vorsitzender des 13-köpfigen Unterausschusses für Notenvergabe, erläuterte laut FAS-News: "Seit Jahrzehnten stellt die Noteninflation ein kollektives Handlungsproblem dar: Jeder hat sie wahrgenommen, doch kein einzelnes Fakultätsmitglied konnte sie im Alleingang beheben." Die aktuelle Entscheidung sei ein unverzichtbarer Schritt im Rahmen umfassender Bestrebungen, die akademischen Standards wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. 

Das als rechtskonservativ geltende James G. Martin Center for Academic Renewal bewertet die Deckelung als Erfolg, gibt aber auch zu bedenken: "Die Noteninflation beschränkt sich keineswegs auf die Ivy League allein. Sowohl staatliche als auch private Universitäten tendieren zunehmend zu einer ähnlichen Nachgiebigkeit – oft unter dem Einfluss vergleichbarer Druckfaktoren." Die Noteninflation sei "ein Symptom für die schleichende Abkehr des Hochschulwesens von seinem eigentlichen akademischen Auftrag". Um der Benotung ihre Integrität zurückzugeben, müssten die Universitäten künftig der Wahrheit und dem Wissenserwerb einen höheren Stellenwert einräumen anstelle des bloßen Wohlgefühls der Studierenden und dem eigenen Image. 

Das positive Votum für die Noten-Deckelung kommentierte Clabaugh laut Harvards FAS-News in einem Statement: "Ich bin davon überzeugt, dass dies die akademische Kultur in Harvard stärken wird." Sie hoffe zudem, dass es andere Institutionen dazu ermutige, sich ähnlichen Fragestellungen mit demselben Maß an Gründlichkeit und Mut zu stellen. Man habe einen wichtigen Schritt getan "zu einem Notensystem, das seinen zentralen Aufgaben noch besser gerecht wird: den Studierenden aussagekräftiges Feedback zu geben, herausragende Leistungen angemessen zu würdigen und den akademischen Bildungsauftrag des Colleges zu wahren". 

Gemäß dem Abstimmungsergebnis wird das Harvard College FAS-News zufolge nun einen Umsetzungsausschuss einberufen, um sowohl die Fakultätsmitglieder und Dozierenden als auch die Studierenden auf die Einführung der Reform im Herbst 2027 vorzubereiten.

cva