mehrere Studierende in einem vollen Hörsaal heben die Hand zur Wortmeldung
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digitale Lehre
Hochschullehrer fordern Rückkehr zu Präsenzlehre

Hunderte Wissenschaftler haben in einem offenen Brief den Wert der Präsenzlehre betont. Sie befürchten eine bleibende Digitalisierung durch Corona.

04.06.2020

In einem offenen Brief haben Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer zur "Verteidigung der Präsenzlehre" aufgerufen. Angesichts der zunehmenden Digitalisierung der Lehre in den vergangenen Jahren und der Umstellung auf ein digitales Sommersemester in der Corona-Pandemie sehen die Initiatorinnen und Initiatoren die analoge Begegnung an Universitäten bedroht. Nach dem Vorbild der Schulen fordern die Autoren eine "vorsichtige, schrittweise und selbstverantwortliche" Rückkehr zu Präsenzformaten. Unterstützung kommt vom Dachverband der Studierendenvertretung fzs.

Nach Ansicht der Dozierenden und Lehrbeauftragten ist die Lehre in Präsenzform von grundlegender Bedeutung für das Prinzip der Universität. Zwar würden digitale Elemente mittlerweile einen wertvollen Beitrag zur Wissensvermittlung in der Hochschullehre leisten, heißt es in dem Brief, diese könnten die Begegnung, den Austausch und die Gemeinschaft jedoch nicht vollständig ersetzen. Universitäten böten einen gesellschaftlichen Raum für kritischen Diskurs und kollektive Bildung, der virtuell nicht nachgestellt werden könne.

Die Autorinnen und Autoren warnen vor einer möglichen sinkenden Wertschätzung der Präsenzlehre durch Hochschulleitungen und Politik. Kritische Debatten darüber, wie sich die Lehre entwickeln soll, dürften nicht durch "scheinbare Evidenzeffekte" der Pandemie abgekürzt werden, heißt es in dem Brief. Inzwischen haben den Brief mehr als 2.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterzeichnet.

Lehrformate abhängig von Corona-Vorschriften

Während der Corona-Pandemie sind die Hochschulen in Deutschland vorübergehend zu einem rein digitalen Semester übergegangen. Inzwischen können kleinere Seminare, Praktika und Prüfungen, die sich digital nicht ersetzen lassen, wieder in Präsenzform stattfinden. Inwiefern das kommende Wintersemester digital gestaltet werden muss, ist derzeit noch offen. Nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) stellen sich Länder und Hochschulen gegenwärtig auf einen flexiblen Mix aus Digital- und Präsenzlehre ein, da vermutlich auch im Herbst noch Abstandsregeln gälten. Anfang Mai hatte die HRK vor einer übereilten Wiederaufnahme des Präsenzbetriebs gewarnt, der die errungenen digitalen Kompetenzen zunichtemache.

Auch in anderen Ländern ist wegen der Corona-Pandemie die Zukunft des hochschulischen Lehrbetriebs unklar. In den USA planen einer Erhebung des "Chronicle" zufolge zwei Drittel der Hochschulen im Herbst reine Präsenzformen anzubieten. Rein auf digitale Formate wollen demnach derzeit sieben Prozent der US-Unis setzen, die übrigen planen Mischformen oder sind unentschlossen. In Großbritannien wollen die Hochschulen im kommenden akademischen Jahr nach Angaben von "Universities UK" soviel Präsenzlehre anbieten, wie es die gesundheitlichen Vorschriften zulassen. Um dies zu gewährleisten, wolle man neue Präsenzformen entwickeln und "sorgfältig geplante Alternativen" anbieten, wo immer persönlicher Kontakt im Herbst nicht möglich sei.

zuletzt aktualisiert am 8.6.2020; zuerst veröffentlicht am 4.6.2020

ckr

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