Zwei Studierenden befinden sich mittels VR-Brillen in einer künstlich kreierten Umgebung.
mauritius images / Dmitriy Shironosov / Alamy

Serie "innovative Lehrformate"
Innovative Lehrpraxis an europäischen Hochschulen

Welche Erfahrungen machen Lehrkräfte in Europa mit Szenario-Training und Challenge-Based Learning? Ein Blick in europäische Hörsäle und Seminarräume.

Von Christine Vallbracht 11.08.2025

"Im Idealfall entwickelt eine Lehrperson ihre Lehre beständig weiter", schrieb Gabi Reinmann, Professorin für Lehren und Lernen an Hochschulen, in ihrem Beitrag für Forschung und Lehre. Sie stellte weiterhin fest, dass didaktische Prinzipien in der Regel nicht per se schlecht oder gut sind, sondern passend ausgewählt, verantwortungsvoll gestaltet und kompetent umgesetzt sein sollten. 

Beim praktischen Umgang mit innovativen Lehrmethoden kann ein Blick über den Tellerrand der deutschen Hochschulen dienlich sein. Daher zeigt dieser Beitrag Beispiele aus dem europäischen Ausland auf: Wir wird dort Hochschullehre gestaltet mit welchen variierenden Ansätzen, Umsetzungsvarianten und konkreten Erfahrungen? 

Ob man Hochschullehre in den Niederlanden, Dänemark oder Spanien betrachtet – alle Beispiele eint der Wunsch, Neues auszuprobieren, Lernende für die Inhalte zu begeistern und sie im Umgang mit dem Gelernten zu befähigen. Etliches wird auch in Deutschland erfolgreich ausprobiert und umgesetzt, doch viele Lehrende verspüren noch eine grundlegende didaktische Unsicherheit. Forschung & Lehre stellt verschiedene Möglichkeiten vor, wie Lehrende ihre Studierenden mit aktivierender Lehre begeistern können. Konkrete Praxisbeispiele können Ideen liefern, Orientierung bieten und Lust auf Neues machen. 

Forschendes und experimentelles Lernen aus Sicht der Lehrenden 

Die Universität des Baskenlandes (Euskal Herriko Unibertsitatea, EHU) hat das IKD-i³-Modell entwickelt, das Lernen ("ikaskuntza"), Forschung ("ikerkuntza") und Nachhaltigkeit ("iraunkortasuna") integriert. Lehrkräfte übernehmen dabei nach EHU-Angaben die Rolle von Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern. Sie fördern demnach interdisziplinäre Projekte und Interaktion und regen Studierende zur aktiven Mitgestaltung des Lernprozesses an. Gleichzeitig verantworteten die Hochschullehrenden neben der Entwicklung innovativer Lehrmethoden auch die Integration von Nachhaltigkeitszielen in den Unterricht. 

"Mit der Umsetzung des Europäischen Hochschulraums wurden die Universitäten einer Reform unterzogen, die die Beteiligung der Studierenden am Lehr-Lern-Prozess deutlich erhöhte", erläutert eine Studie, die das IKD-i³-Modell und ihre aktive Anwendung im Lehrbetrieb aus Sicht des Lehrpersonals der Hochschule im nordspanischen Leioa untersucht hat. Die Ergebnisse wurden Ende 2023 bei Springer Nature veröffentlicht. In vielen Teilen Europas seien Ansätze wie flexible Lernpfade, modulare Lehrmethoden sowie eine stärkere Verbindung zwischen Lehre, Lernen und Forschung in der Hochschulbildung noch immer unzureichend entwickelt. 

Eine richtungsweisende Schlussfolgerung besteht laut Studie darin, dass "aktive Methoden eine zentrale Rolle dabei spielen, Lernen in der Hochschulbildung als konstruktiven – und nicht als rezeptiven – Prozess zu gestalten". Es sei wichtig zu erkennen, dass Lehrende zwar Informationen vermitteln könnten, wahre Kenntnis jedoch nicht übertragbar sei, da es sich um eine interne und persönliche Größe handle. 

Lehrkräfte und ihre Gründe dafür, aktive Methoden anzuwenden 

Insgesamt haben demnach 403 Lehrkräfte aus verschiedenen Fachbereichen an der Studie über die aktive Lehrmethode IKD-i³ der Universität des Baskenlandes teilgenommen, um ihre Standpunkte genau darzustellen. Von den Teilnehmenden hätten rund 22 Prozent angegeben, dass sie aktive Methoden in ihrer Unterrichtspraxis gar nicht bis wenig nutzten. Im Gegensatz dazu hätten knapp 78 Prozent der Befragten bestätigt, aktive Methoden mäßig oder häufig zu verwenden. 

Als Hauptgründe für die Anwendung aktiver Lehrmethoden seien mit rund 43 Prozent Lernvorteile für Studierende genannt worden, während etwa 34 Prozent die Vorteile auf Seiten der Lehrenden betonten. Als Gründe für die Nichtanwendung seien mangelnde Ausbildung, Zeitmangel und die Gruppengröße genannt worden. Zusammenfassend urteilt die Studie, dass "aktive Methoden tief in der Kultur und Praxis der universitären Lehre verankert sind und von allen, unabhängig vom Fachgebiet der Lehre, angenommen werden". 

Die Studie zitiert die Aussagen einzelner Lehrkräfte zu IKD-i³. Als Begründung für den Einsatz aktiver Lehrmethoden nannte beispielsweise ein Dozent der Gesundheitswissenschaften die verbesserte und konstante Intensität des Interesses und des Engagements der Studierenden während der gesamten Unterrichtszeit. Außerdem könnte die Lehrkraft mit diesen Methoden "das echte Verständnis des erlernten Stoffs" erhöhen. 

"Aktive Methoden ermöglichen es, die Intensität des Interesses und des Engagements während der gesamten Unterrichtszeit konstant zu halten und das echte Verständniss des erlernten Stoffes zu erhöhen."
Umfrageteilnehmer, Gesundheitswissenschaften, über 30 Jahre Berufserfahrung

Eine Sozial- und Rechtswissenschaftlerin habe betont, dass sie sich durch die aktiven Ansätze "selbst als Lehrende motivierter fühle", eine zweite aus dem gleichen Fachgebiet habe hervorgehoben, dass das gemeinsame Arbeiten an der Verbesserung der Gesellschaft "der Schlüssel zu einer qualitativ hochwertigen Lehre" sei. 

Resümierend erläutern die Autorinnen und Autoren der Untersuchung, dass Hochschulen prinzipiell über die bloße Einführung eines Bildungsmodells hinausgehen und erhebliche Anstrengungen unternehmen sollten, um das Modell zu verbreiten. Dazu gehörten unerlässlich Schulungsmöglichkeiten für das Lehrpersonal. Auf diese Weise könnten Lehrkräfte "ein echtes und sinnvolles Engagement für das Modell entwickeln". 

(Virtuelle) Probleme lösen und dabei lernen 

Bei Konzepten des problembasierten Lernens (PBL) agieren Lehrkräfte nicht als traditionelle Dozentinnen und Dozenten, sondern als "Teamcher" – eine Kombination aus Teammitglied und Lehrkraft (Teacher). Sie stellen den Studierenden ein zu bearbeitendes, oftmals eigens für die Lernprozesse konstruiertes Problem und begleiten sie als Coaches. Dabei fördern sie selbstständiges, lösungsorientiertes Arbeiten und unterstützen bei der Problemlösung, ohne direkte Anweisungen zu geben. Diese Rolle erfordert von den Lehrenden die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben und den Lernprozess gemeinsam mit den Studierenden zu gestalten. 

Die niederländische Universität Maastricht ist bekannt für ihr flächendeckendes PBL-Konzept. In kleinen Gruppen mit Tutorinnen und Tutoren erarbeiten Studierende eigenständig Lösungen für reale Problemstellungen. Dieses interaktive Format soll kritisches Denken, Eigenverantwortung und Teamarbeit fördern. Auch die Aalborg Universität in Dänemark ist bekannt für ihr pädagogisches Modell, bei dem Studierende in Gruppen an komplexen realen Problemen arbeiten. Die Universität ist als UNESCO-Lehrstuhl für problemorientiertes Lernen anerkannt. Der Ansatz soll interdisziplinäres Denken und die praktische Anwendung wissenschaftlicher Methoden fördern. 

In einem Projektbericht zu VR-gestütztem PBL stellt die Maastrichter Hochschule dar, "wie die Virtual-Reality-Technologie (VR) die Formate des problembasierten Lernens verbessern und die Prinzipien des konstruktiven, kontextuellen, kollaborativen und selbstgesteuerten Lernens unterstützen kann". Ein besonderes Augenmerk bei der Auswertung der Pilotprojekte lag auf den Perspektiven von Tutorinnen und Tutoren, Lehrkräften sowie Kurskoordinatorinnen und Kurskoordinatoren zur Integration und handlungssicheren Verwendung von VR-Technologie. Der Bericht wurde durch praktische didaktische Leitlinien für Pädagoginnen und Pädagogen ergänzt, die daran interessiert sind, VR in ihrer Lehrpraxis zu nutzen. 

Die eingesetzte Technologie soll die Lernerfahrung der Studierenden komplementär zum traditionellen Lehren ergänzen. Virtuelle Realität ermöglicht der Projektauswertung zufolge ein tiefgreifenderes Verstehen, die Erfahrung neuer Perspektiven und das Ausprobieren von Fähigkeiten in einem risikofreien Ambiente. Auch die Grenzen des Einsatzes dieser Technologie im Rahmen problembasierten Lehrens und Lernens werden aufgezeigt. 

"Die Lehrkräfte betonen den Bedarf an speziellem Training und personellen Ressourcen, um sie effektiv bei der Integration von VR in die Lehrpraxis zu unterstützen."
Aus: "Bericht und Leitlinien zu VR-gestütztem PBL"

Die befragten Lehrkräfte sahen besonderen Bedarf an nutzungsfreundlichen, einfachen VR-Technologien und einem begleitenden Training für die Hochschullehrenden beispielsweise im Rahmen von Workshops oder Peer-Sharing-Netzwerken zum Austausch. Sie betonten während der Projektauswertung auch die Notwendigkeit an relevantem VR-Content, der die Studierenden (interaktiv) fordern sollte. "Die Wahl zwischen aktiven und passiven VR-Erfahrungen sollte je nach Lernziel des Kurses bestimmt werden", heißt es dazu in den didaktischen Leitlinien.

Serie "innovative Lehrformate" 

  1. Gastbeitrag über Gamification von Dr. Amir Madany Mamlouk, Spezialist für Machine Learning in den Medizin- und Lebenswissenschaften am Institut für Neuro- und Bioinformatik der Universität Lübeck.
     
  2. Aus der F&L-Redaktion: Innovative Lehrpraxis an europäischen Hochschulen von Christine Vallbracht
     
  3. Aus der F&L-Redaktion: Beispiele für adaptive Lehre und interaktive Lernangebote aus verschiedenen Fächern von Charlotte Pardey

Lehre im Auftrag gesellschaftlicher Herausforderungen 

Der europäische Verbund innovativer Universitäten ECIU (European Consortium of Innovative Universities) verfolgt einen Challenge-Based Learning (CBL)-Ansatz. Dabei arbeiten die Studierenden mit Forschenden, Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen oder Gemeinden zusammen, um Lösungen für aktuelle, meist große gesellschaftliche Herausforderungen zu finden. So beschreibt es die Technischen Universität Hamburg (TUHH), eine der 14 Partneruniversitäten, auf ihrer Website. Der ECIU-Rahmen für CBL wurde unter der Leitung der TUHH entwickelt. Im Unterschied zur problembasierten Lehre gibt hier nicht die Lehrkraft die Forschungsfrage (Driving Question) vor, sondern die Studierenden formulieren diese eigenständig. Für Lehrende eine große Hilfe: Die Hamburger Universität unterstützt auch die Kompetenzentwicklung des akademischen Personals durch spezifische Maßnahmenpakete. 

Der University Teacher Hub ist laut ECIU-Website eine digitale Plattform für Hochschullehrende, die Lehrkräfte aus allen Partneruniversitäten zusammenbringt. Sie bietet demnach Zugang zu Fachwissen über Challenge-Based Learning, unterstützt bei der Herausarbeitung von Aufgaben für die CBL, die die gesellschaftlichen Herausforderungen spiegeln ("Challenges") und lädt zu Workshops sowie Netzwerkveranstaltungen ein. Studierende lernen und forschen bei diesem Ansatz interdisziplinär und entwickeln gemeinsam nachhaltige Lösungen. Dieses Format hat das Ziel, praxisnahes und kollaboratives Lernen zu fördern. 

Andrea Brose, Educational Lead an der ECIU, beschreibt deren Ziel auf Anfrage des Hochschulforums Digitalisierung folgendermaßen: "Unsere Vision ist es, flexible Lernwege anzubieten, die von echten gesellschaftlichen Herausforderungen und interdisziplinärer Zusammenarbeit geprägt sind." Es gelte, die Grenzen der traditionellen Bildung zu erweitern und sicherzustellen, dass die Studierenden die Möglichkeit hätten, sich aktiv mit realen Problemen auseinanderzusetzen.