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Universitätsbibliothek Würzburg / Holger Schilling

Karrierepraxis
Ist das echt?

Die Arbeit mit Archivalien ermöglicht Studierenden, erste Forschungserfahrungen zu sammeln. Das kann Faszination und Motivation für ihr Fach wecken.

Von Benjamin Müsegades 27.03.2026

Quellen sind der "Rohstoff" von Historikerinnen und Historikern. Die Überlieferung der Vergangenheit ist die Grundlage jeder Beschäftigung mit der Geschichte. Ihre Einordnung und Interpretation sind das tägliche Brot aller, die im Fach tätig sind. Entsprechend ist es nach wie vor eine zentrale Aufgabe der insbesondere im Bereich der Geschichtswissenschaft Lehrenden, den Umgang mit Quellen zu vermitteln. Der erste Kontakt mit dem "Rohstoff" erfolgt für die meisten Studienanfänger in aller Regel in einer kommentierten und aufbereiteten Form, als Edition. Studierende bekommen gerade in ihren frühen Kursen nicht die originale Inschrift aus der Antike, nicht die auf Pergament oder Papier geschriebene Urkunde aus dem Mittelalter oder das Tagebuch aus dem 19. Jahrhundert zu Gesicht, sondern die für die Forschung aufbereiteten Quellenbände; teils in Originalsprache, teils in Übersetzung.

 Diese Herangehensweise ist sinnvoll, sind doch Studienanfängerinnen und -anfänger in aller Regel nicht in der Lage, die verschiedenen älteren Schrift- und Sprachstufen zu lesen und zu verstehen, was auch für die meisten anderen Fächer aus dem Kanon der Geisteswissenschaften gelten dürfte. Der regelmäßige Kontakt von Studierenden mit Quellen in ihrer originalen Beschaffenheit am Ort ihrer Aufbewahrung, meist in Archiven und Bibliotheken, muss jedoch zu den unabdingbaren Bestandteilen des Geschichtsstudiums gehören. Einige Möglichkeiten werden hier am Beispiel von Quellen aus dem Mittelalter aufgezeigt.

Die jeweiligen universitären Standorte bieten selbstverständlich unterschiedliche Ausgangssituationen. In der Regel allerdings gibt es vor Ort mindestens eine Institution, in der sich einschlägige Überlieferung findet. Ein Staatsarchiv mag nicht jede Stadt haben, aber der Besuch eines Stadt- oder Universitätsarchivs oder einer Handschriftenabteilung in der jeweiligen Universitätsbibliothek ist meist problemlos möglich. 

Praktische Erfahrungen ergänzen Theorie und Überblickswissen

"Ist das echt? Kann man das wirklich anfassen?" Fragen wie diese werden beim ersten Kontakt mit mittelalterlichen Originalen wie Urkunden oder Handschriften oft von Studierenden gestellt. Quellen kennen sie in aller Regel aus dem Schulunterricht nur in Form von kurzen, oft sprachlich bearbeiteten Ausschnitten aus Lehrbüchern. Und auch so manches universitäre Einführungsseminar legt den Fokus doch eher auf Überblickswissen und Theorien als auf die Heranführung an die Überlieferung.

Mittlerweile oft schon online recherchierbare Beständeübersichten der verschiedenen Institutionen sowie insbesondere der Kontakt mit den Ansprechpartnern vor Ort sind wichtige Ausgangspunkte vor dem eigentlichen Besuch. Vielfach sind die in Archiven und Bibliotheken tätigen Spezialistinnen und Spezialisten erfreut über Kooperationsmöglichkeiten mit den Universitäten und gehen auch gerne auf kursspezifische Wünsche ein. Sinnvoll ist es bei Anfängerkursen, die Besuche in Archiv oder Bibliothek nicht an den Beginn der Lehrveranstaltung zu setzen. Wenn etwa in einem Einführungskurs zum Mittelalter bereits vermittelt wurde, wie eine Urkunde materiell beschaffen, wie sie inhaltlich aufgebaut ist und welche Rolle ein Siegel spielt, kann beim Besuch in einer entsprechenden Institution dieses Vorwissen bei der Beschäftigung mit einer Originalquelle abgerufen und vertieft werden.

Für Kurssitzungen hat sich das Konzept eines "Speed-Datings" mit Archivalien bewährt.

Für Kurssitzungen in entsprechenden Institutionen hat sich nach einer kurzen Einführung in die Bestände durch Mitarbeitende der Archive und Bibliotheken das Konzept eines "Speed-Datings" mit Archivalien beziehungsweise Handschriften bewährt: Der Kurs wird in Zweier oder Dreigruppen eingeteilt (bei noch größeren Gruppen ist es oft schwierig, dass alle Mitglieder die Quelle gleichzeitig betrachten können). Diese bekommen für einen kurzen Zeitraum (bewährt haben sich zehn bis 15 Minuten) jeweils eine Quelle vorgelegt und versuchen, deren Merkmale zu beschreiben, kurze Abschnitte zu entziffern und ihr im Kurs erworbenes Vorwissen anzuwenden. Nach Ablauf der vorgegebenen Zeit wechseln die Gruppen zum nächsten Dokument. Wichtig ist es, zum Abschluss der Sitzung genug Zeit einzuplanen, um gemeinsam mit den Studierenden in der Gesamtgruppe die Erkenntnisse und Ergebnisse zu besprechen.

Gemeinsame Archivbesuche können Berührungsängsten vorbeugen

Ein solcher Besuch in Archiven oder Handschriftenabteilungen schon zu einem frühen Zeitpunkt im Studium verfolgt mehrere Ziele, die auf den ersten Blick banal wirken mögen, aber in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden können. So ist Studierenden häufig nicht bewusst, wie die Vorlagen für die von ihnen herangezogenen Editionen aussehen. Da Editionen ihre jeweiligen Vorlagen nicht originalgetreu übernehmen – diese vielmehr oft in verschiedenen Punkten mit Blick auf Sprache und Layout abwandeln –, ist es gerade in Zeiten von "Fake News" und einem um sich greifenden Geschichtsrevisionismus notwendig, insbesondere Geschichtsstudierende mit dem Rüstzeug auszustatten, das sie brauchen, um den zentralen "Rohstoff" ihres Fachs überhaupt angemessen einzuordnen. Täuschend echt wirkende Bilder von vermeintlich mittelalterlichen Urkunden lassen sich heute per Tastendruck generieren – die Haptik und der Geruch von Pergament allerdings nicht.

Der Gang in Archive und Bibliotheken hilft auch häufig, zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Auch wenn heute bereits viele Bestände frei online verfügbar sind, ist beispielsweise der überwiegende Teil der historischen Überlieferung vom ausgehenden Mittelalter (gerade im 15. Jahrhundert) bis in die Gegenwart hinein noch lange nicht in Editionen, in der Regel nicht einmal als Scan online zugänglich, sondern muss vor Ort im Original eingesehen werden. Und selbst wenn Digitalisate vorliegen: Die Beschaffenheit einer Quelle lässt sich vielfach nach wie vor nur durch Betrachtung des Originals nachvollziehen. Ohnehin: Dass jede und jeder, unabhängig von akademischer Qualifikation und Interesse, überhaupt ein Archiv oder die Handschriftenabteilung einer Bibliothek als öffentliche Einrichtungen nutzen und dort Quellen einsehen kann, lässt sich am einfachsten dadurch vermitteln, dass man gemeinsam ebensolche Institutionen aufsucht.

Zudem weckt die von Originalen ausgehende Faszination, sei es nun eine Urkunde aus dem Mittelalter oder ein handschriftlicher Feldpostbrief aus dem Ersten Weltkrieg, oft erst das Interesse von Studierenden an Teilgebieten und Themen. Der Wunsch, die älteren Schriften lesen zu können, führt in den Geschichtswissenschaften beispielsweise immer wieder dazu, dass die Motivation zum Besuch von Kursen zur Schriftkunde, die heute nur noch in den seltensten Fällen Teil des obligatorischen Studienprogramms sind, steigt. Die Begeisterung für Quellen können Studierende in ihren späteren Tätigkeiten weitergeben und so auch zur dauerhaften Relevanz ihres Fachs an der Universität, als Lehrkräfte in Schulen und darüber hinaus beitragen.

Selbstständiges Edieren als Teil des fortgeschrittenen Studiums

Die skizzierten Vorteile und Möglichkeiten der Begegnung von Studierenden und originaler Überlieferung gelten natürlich auch für das fortgeschrittene Studium. Auch in einem Hauptseminar der Geschichtswissenschaft kann es vorkommen, dass der Großteil der Teilnehmenden bis dato noch nie einschlägige Quellen im Original zu Gesicht bekam. Welche Möglichkeiten der Arbeit mit originaler Überlieferung bieten sich in spezialisierten Fortgeschrittenenkursen?

In Schriftkundekursen für Historikerinnen und Historiker, in denen in der Regel eine bestimmte Epoche oder Schriftstufe (zum Beispiel das 15./16. Jahrhundert oder das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum gebräuchliche Sütterlin) behandelt wird, bietet sich der Besuch in Archiven oder Bibliotheken in besonderem Maße an. Die wöchentliche Auseinandersetzung mit den schriftlichen Herausforderungen kann durch die Begegnung mit der originalen Überlieferung noch einmal vertieft werden. Da die Teilnehmenden entsprechender Kurse spätestens im Laufe der Veranstaltung in der Regel ein weit höheres Niveau erreichen als Studierende in Anfängerkursen, können auch umfassendere Aufgaben im Rahmen des "Speed-Datings" mit den Originalen vergeben werden. Erfahrungsgemäß sind entsprechende Veranstaltungen auch häufig von Interesse für benachbarte Disziplinen wie die Germanistik oder die Kunstgeschichte. Auf diesem Wege können dann auch gleich fächerübergreifend Brücken geschlagen werden.

In Schriftkundekursen für Historikerinnen und Historiker bietet sich der Besuch in Archiven oder Bibliotheken in besonderem Maße an.

Als motivierend hat es sich erwiesen, entsprechende Kurse nicht mit einer Klausur abzuschließen, sondern im Sinne des Forschenden Lernens die Aufgabe zu stellen, im Rahmen einer Hausarbeit eine bisher nicht als Edition vorliegende Quelle wie eine kurze Urkunde oder einen Brief selbst zu edieren. Die Studierenden übernehmen dadurch selbst auf machbarem Niveau eine originär wissenschaftliche Aufgabe und reflektieren über entsprechende Praktiken und Probleme. Im Fall sehr gelungener Arbeiten ist sogar die Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift möglich.

Abweichend besteht zudem die Möglichkeit, einen längeren ungedruckten Text zum Thema eines Seminars zu machen und diese vorgegebene Quelle gemeinsam mit Studierenden zu bearbeiten und publikationsfertig zu machen. Dies wird mit einem Besuch im einschlägigen Archiv beziehungsweise der relevanten Handschriftenabteilung verbunden. Dabei lehrt die Erfahrung, dass in allen Varianten von Fortgeschrittenenkursen die einzelnen Schritte durch die Lehrperson intensiv und oft kleinteilig betreut werden müssen.