Das Foto zeigt Studierende auf einer Wiese in Freiburg.
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Psychologie
Keine Pauschalurteile über Studierende

Vorurteile gegenüber Gruppen sind stets problematisch. Dies erklärt Psychologe Professor Hannes Zacher im Interview.

Von Friederike Invernizzi 16.08.2018

Forschung & Lehre: Herr Professor Zacher, Sie haben sich in Studien mit dem Phänomen von Stereotypen, die Generationen und sozialen Gruppen allgemein anhaften, beschäftigt. Inwieweit kann man generell von der heutigen Studierendengeneration sprechen?

Hannes Zacher: Es ist immer ein Problem, wenn man generalisierende Aussagen über eine Gruppe macht, weil man damit nicht berücksichtigt, dass es innerhalb einer Gruppe viel Varianz in Fähigkeiten und Motivation gibt. Man kann nicht von generellen Annahmen über Gruppen auf eine Einzelperson schließen. Das ist aus psychologischer Sicht ein "ökologischer Fehlschluss". Wenn man beispielsweise sagt, alle Studierenden von heute sind faul, dann berücksichtigt man nicht, dass es heute, wie schon vor dreißig Jahren, fleißige und auch weniger fleißige Studierende gibt. Alle sozialen Gruppierungen sind heterogen, und es gibt in der Regel mehr Varianz in Fähigkeiten und Motivation innerhalb dieser Gruppen als zwischen verschiedenen Gruppen. Anders gesagt: Man findet mehr Unterschiede innerhalb der Studierendengeneration von heute als zwischen dem Durchschnitt der Studierenden von heute und von vor dreißig Jahren. Das steht im Widerspruch zu pauschalen Aussagen, die getroffen werden. Zudem geht die empirische Evidenz gegen Null. Es gibt keine zuverlässige Studie, die belegt, dass sich die Studierenden von heute in dem Ausmaß ihrer Fähigkeiten und Motivation von den Studierenden von früher unterscheiden. Diese Behauptungen beruhen also auf Einzelbeobachtungen.

"Das Phänomen, jüngere Generationen abzuwerten, umm die eigene, ältere Generation aufzuwerten, ist nicht neu." Prof. Dr. Hannes Zacher

F&L: Dennoch ist viel über die besonderen Merkmale der Studierenden von heute in der Presse zu lesen. Wie erklären Sie sich das?

Hannes Zacher: Das Phänomen, jüngere Generationen abzuwerten, um die eigene, ältere Generation aufzuwerten, ist nicht neu, das gab es schon vor tausenden Jahren. Die Abwertung einer Gruppe durch eine andere Gruppe hat häufig mit der Angst vor Statusverlust zu tun. Es gibt bestimmte gesellschaftliche Gruppen, die einen hohen Status besitzen, die sich gegenüber den jüngeren, nachrückenden Generationen abgrenzen und ihren Platz verteidigen wollen. Das ist ein psychologischer Mechanismus: Die statushöhere Gruppe mit einer gewissen Macht möchte nicht, dass eine andere Gruppe an ihre Stelle tritt. Wenn eine jüngere Generation diverser ist und eine größere Bandbreite an Meinungen und Verhaltensweisen zeigt, dann ist das eine Bedrohung für die Älteren.

Prof. Dr. Hannes Zacher
Professor Hannes Zacher ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig. Universität Leipzig/Sven Reichhold

F&L: Welche Folgen können verallgemeinernde und negative Charakterisierungen der Studierenden haben?

Hannes Zacher: Vorurteile gegenüber Gruppen können schwerwiegende Konsequenzen haben. Deshalb rate ich davon ab, Generationen mit Namen zu versehen, die in der Regel mit bestimmten Vorurteilen einhergehen. Bei Vorurteilen steigt einerseits die Wahrscheinlichkeit von Diskriminierung. Jüngeren können so bestimmte Chancen verwehrt bleiben. Auf der anderen Seite können Vorurteile auch dazu führen, dass diese von der jüngeren Generation verinnerlicht werden und sich als selbsterfüllende Prophezeiungen auswirken oder auch als Bedrohung wahrgenommen werden. Ein Beispiel ist die Aussage, dass die Studierenden keine Verantwortung übernehmen wollten. Wenn Personen sich über diese Vorurteile bewusst sind, dann hemmt sie das.

F&L: Ist die Zuschreibung von Charaktermerkmalen anderer ein wichtiges menschliches Bedürfnis, beispielsweise, um sich abzugrenzen?

Hannes Zacher: Stereotype haben auf jeden Fall einen psychologischen Sinn. Wir wollen uns unsere Welt, die immer komplexer wird, möglichst einfach machen. Das Problem ist, dass Vorurteile häufig zirkulär sind und sich nicht widerlegen lassen. Wenn wir eine Person treffen und denken: "Oh, die ist faul" dann folgt direkt der Gedanke: "Das ist so, weil die- oder derjenige zur jüngeren Generation gehört". Wenn wir aber eine Person dieser Gruppe treffen, die wir nicht als faul empfinden, sagen wir: "Du bist sehr selbstbezogen". Vorurteile haben keine wissenschaftliche Evidenz, aber sie machen das Leben natürlich einfacher, sie reduzieren Komplexität.

F&L: Hat man als älterer Mensch aufgrund seiner Erfahrungen mehr Vorurteile?

Hannes Zacher: Ich glaube nicht, dass Ältere mehr Vorurteile haben als Jüngere. Vorurteile erfüllen generell die menschlischen Grundbedürfnisse, Komplexität zu reduzieren und die eigene soziale Gruppe aufzuwerten, indem eine andere soziale Gruppe abgewertet wird.

F&L: Was kann man tun, um Vorurteilen, auch den eigenen, am besten zu begegnen?
Hannes Zacher: Einer der wichtigsten Mechanismen, die wir aus der psychologischen Forschung kennen, um Vorurteile aufzubrechen, ist Kontakt mit der stereotypisierten Gruppe. Denjenigen, die beispielsweise sehr über die heutigen Studierenden schimpfen, würde ich empfehlen, sich stärker direkt mit diesen auseinanderzusetzen. Mehr mit ihnen zu interagieren und zu diskutieren, um erstmal zu erleben, wie unterschiedlich diese Menschen sind. Meistens haben wir Vorurteile gegenüber Menschen, denen wir kaum begegnet sind. Das wird in der Psychologie die "Kontakthypothese" genannt, die sehr gut empirisch belegt ist. Sobald wir in Kontakt mit Personen aus einer mit Vorurteilen belasteten Gruppe kommen, verringern sich unsere Vorurteile. Man darf sich also nicht in seinen Elfenbeinturm zurückziehen, sondern muss sich mehr mit den Studierenden und der jüngeren Generation allgemein beschäftigen. Leider machen sich Pauschalurteile über bestimmte Generationen gut bezahlt, sie verkaufen sich beispielsweise gut in den Medien und in der Öffentlichkeit.

F&L: Wie ist denn Ihr persönlicher Eindruck von den Studierenden?

Hannes Zacher: Mein Eindruck ist, dass die heutigen Studierenden genauso vielfältig und unterschiedlich in ihren Fähigkeiten und Einstellungen sind wie zu meiner Studienzeit. Es gibt die sehr fleißigen und aufgeweckten Studierenden und diejenigen, denen das Lernen nicht so leichtfällt und die mehr Unterstützung benötigen. Es gibt mehr wissenschaftliche Evidenz für altersbezogene Veränderungen als für generationsbezogene Unterschiede. In der psychologischen Forschung hat sich beispielsweise gezeigt, dass Menschen durch ihre langjährigen Erfahrungen während der Ausbildung und im Beruf gewissenhafter werden und auch besser mit Stress umgehen können.  Natürlich spielen aber auch die äußeren Veränderungen eine Rolle, beispielsweise die zunehmende Technisierung und Digitalisierung unserer Welt. Studierende von heute haben grundsätzlich keine anderen Fähigkeiten und Werte als frühere Generationen, aber sie müssen mit anderen Voraussetzungen und Anforderungen, die an sie gestellt werden, umgehen. Zum Beispiel ist das Studium durch die Umstellung auf Bachelor und Master heute wesentlich engmaschiger und leistungsorientierter. Es ist sehr wichtig, bei der Beschreibung von Generationen zu schauen, wie sich deren Umfeld verändert hat. Aus psychologischer Sicht findet häufig ein sogenannter "fundamentaler Attributionsfehler" statt, wenn man bei Charakterisierungen nicht schaut, wie sich das Umfeld eines Geburtenjahrgangs verändert hat, sondern nur personenbezogene Aussagen trifft.