Ein Mann im hellblauen Hemd mit Brille lehnt über ein Geländer in einem Bürogebäude und spricht mit einem großen, leuchtenden Gesicht, das KI symbolisiert.
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Whitepaper
KI-Coaching für respektvolle Gesprächskultur an Hochschulen

Einige Hochschulen in den USA experimentieren mit KI-Tools zur Förderung von konstruktiven Dialogen. Die gespaltene Hochschul-Community profitiert.

21.04.2026

In den letzten Jahren nutzen Hochschulen zunehmend KI-gestützte Dialogplattformen, um die Gesprächskompetenzen von Hochschulmitgliedern zu fördern. Ein Beispiel dafür ist das Lernprogramm "Perspectives" der gemeinnützigen Organisation Constructive Dialogue Institute (CDI) aus New York. Darüber berichtete Inside Higher Education (IHE) am 20. April

Das Programm ist speziell auf Studierende ausgerichtet und kombiniert Dialogelemente mit den Inhalten von Lernmodulen auf Basis von Erkenntnissen aus der Verhaltenswissenschaft. CDI ist nach eigenen Angaben darauf spezialisiert, evidenzbasierte, praxisnahe und skalierbare Lehrmaterialien und Unterrichtsstrategien zu entwickeln. 

IHE hat Dozierende und Studierende zu ihren Erfahrungen mit dem Tool befragt. Sehr geschätzt wird der geschützte Raum (safe space) demnach, um eigene Thesen, Reaktionen und Antworten ausprobieren zu können. Geübt werden könnten beispielsweise Fähigkeiten wie Perspektivwechsel, Gesprächsführung, das Stellen konstruktiver Fragen oder schlicht der respektvolle Umgang mit dem Gegenüber. 

KI als Mediator oder Diskussionspartner birgt Gefahren 

In einem im März erschienenen Whitepaper beschreibt CDI die verschiedenen Möglichkeiten, Künstliche Intelligenz als Coach, Mediator oder Konversationspartner einzusetzen. Diese drei Nutzungsmöglichkeiten könnten in einer Zeit, in der selbst grundlegende Fakten in Diskussionen infrage gestellt werden, potentiell hilfreich sein. 

Generell sei der Dialog im Umfeld Hochschule und Studium stark geprägt von einem hohen Reputationsrisiko. "Der soziale Gewinn, Empörung auszudrücken, überwiegt häufig den Nutzen des konstruktiven Dialogs", schreibt Dr. Ryan Carlson, Wissenschaftler am CDI und Autor der Studie. Vertrete man eine Minderheitenmeinung, stelle Schweigen oftmals die sicherste Reaktion dar. Gleichzeitig seien die Möglichkeiten, das konstruktive Diskutieren zu üben, rar. Mit Vorliebe würden sich Studierende mit Menschen umgeben, die eine ähnliche Meinung verträten wie sie selbst. Dabei seien Kompetenzen wie aktives Zuhören, Perspektivübernahme, das Stellen offener Fragen sowie intellektuelle Bescheidenheit nur durch "gezieltes Üben" zu erlangen. 

KI als Coach: persönlicher Dialog-Trainer, geringes Risiko 

KI-Coaches arbeiten laut Whitepaper individuell mit Studierenden zusammen, mit dem vorgegebenen Ziel, deren Dialogfähigkeiten durch gezieltes Üben und Echtzeit-Feedback zu verbessern. Dabei werde zur Reflexion angeregt und direktes Feedback gegeben. Für den Lernprozess konstruiere das Tool die notwendige inhaltliche "Reibung". Die Übungen seien dafür explizit von Forschenden sowie Pädagoginnen und Pädagogen entwickelt worden. Was effektive KI-Coaches von gängigen, generischen KI-Tools unterscheide, sei ein durchdachtes pädagogisches Design. 

KI als Mediator: moderiert diskutieren, mäßiges Risiko 

KI-Mediatoren moderieren dem Paper zufolge Live-Gespräche zwischen realen Personen und unterstützen so den Dialogprozess. Dabei strukturiere der KI-Mediator den Austausch, "indem er zu Ausführungen anregt, Übereinstimmungen aufzeigt und Gesprächsschwindel auffängt". Im Gegensatz zu KI-Coaches förderten KI-Mediatoren echte, dynamische Meinungsverschiedenheiten zwischen Menschen, was die Brisanz erhöhe und eingebaute Schutzmechanismen gegen Eskalation notwendig mache. Im Gespräch mit dem Online-Magazin IHE betonte Carlson das Risiko, dass die KI beispielsweise falsche Bewertungen oder Gleichsetzungen vornehme, indem sie eine empirisch gut belegte Behauptung gleich gewichte wie eine unbelegte. 

KI als Diskussionspartner: Hemmschwelle reduzieren, hohes Risiko 

Der Einsatz von KI als Debattenpartner ist laut Carlson mit dem größten Risiko verbunden, da KI weitaus überzeugender sein könne als der durchschnittliche Mensch. Sie sei herausragend reaktionsfähig und sehr beharrlich. "Anders als beim Coaching, wo Lehrende strukturierte Szenarien entwerfen, reagieren KI-Gesprächspartner dynamisch und unvorhersehbar und spiegeln so wider, wie sich echte Meinungsverschiedenheiten anfühlen", differenziert das Paper. Das Tool setzt sich dem Whitepaper zufolge direkt mit den Überzeugungen und Positionen der Studierenden auseinander, indem es selbst Standpunkte einbringt. Dafür genutzte selbst konstruierte Fakten (sogenannte KI-Halluzinationen), Stereotype, extreme Positionen oder Irreführungen könne man nicht leicht erkennen. Außerdem könnten möglicherweise Meinungen manipuliert werden. Ein reales Gegenüber könne durch ein KI-Tool aufgrund fehlendem echten Interesse, nicht vorhandener Emotionen oder Lebenserfahrung jedoch nicht simuliert werden. 

KI als Coach zeigt nachweislich Erfolge 

Carlson resümiert im Whitepaper, die größten Vorteile und die geringsten Risiken bestünden dann, wenn der KI eine stark eingeschränkte Rolle basierend auf pädagogischen Zielen zugewiesen werde. Dies treffe auf die Coachingrolle zu, bei der es vorrangig um Anregungen und Feedback gehe. Laut Paper haben KI-Coaches nachweislich dazu beigetragen, dass Studierende einer Zweitsprache ihre Sprechfertigkeit verbessern konnten, Mitarbeitende im Bereich der psychischen Gesundheit empathischer reagierten und Studierende höhere akademische Leistungen erzielten. Zudem könne das Tool interpersonelle Fähigkeiten und die Emotionsregulation verbessern sowie das Gefühl der Selbstwirksamkeit in schwierigen Gesprächen erhöhen. 

Die Risiken beim Einsatz von KI-Coaches seien "beherrschbar" und primär pädagogischer Natur. So könne die KI übermäßig unterstützen und vom eigenen Denken abhalten. Gleichzeitig könnten Anwenderinnen und Anwender durch das KI-Feedback den Eindruck bekommen, ein Thema mehr durchdrungen zu haben, als es tatsächlich der Fall ist. Zudem bestehe die Gefahr, dass KI-Coaches beim Bewerten beispielsweise des Tonfalls falsch liegen. Eventuell würden eher stilistische Normen statt Diskussionskompetenzen entwickelt. "Für Hochschulen, die KI-Coaches einsetzen, ist es wichtig sicherzustellen, dass die Feedback-Rubriken der Coaches verschiedene kulturelle Hintergründe berücksichtigen", hebt Autor Carlson im Whitepaper diesbezüglich hervor. 

Es werden drei Empfehlungen für Hochschulleitungen formuliert: 

  1. Für den Start empfehle sich die Nutzung von KI als Coach, da die Vorteile hierfür am besten belegt und die Risiken am besten beherrschbar seien. 
     
  2. Der nächste Schritt wäre Mediation eines Gesprächs durch KI. Diese Rollenübertragung sei vorsichtig zu handhaben und müsse von geeigneten Sicherheitsvorkehrungen für Live-Gespräche begleitet werden. 
     
  3. Das höchste Anwendungsrisiko berge der Einsatz von KI als Gesprächspartner. Hier könne es zur Meinungsmanipulation kommen. KI-Gesprächspartner seien nach aktuellem Kenntnisstand noch nicht empfehlenswert.

cva