Wegweiser auf einem Hochschulcampus zu unterschiedlichen Fachbereichen
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Entscheidungswissenschaft
Kompetent entscheiden in Studium und Beruf

Mit der Wahl des Studiums legen junge Menschen die Grundsteine für ihre Zukunft. Was brauchen sie, um informiert und kompetent zu entscheiden?

Von Johannes Siebert 29.09.2026

Eine Studieninteressierte sagt in der Beratung: "Ich habe mich schon immer für Wirtschaftsfragen interessiert und nun schwanke ich zwischen Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre. Aber auch Sportökonomie finde ich spannend." Naheliegend wäre, diese Studienfächer zu vergleichen. Doch welche Entscheidung steht hier eigentlich an? Geht es wirklich um die Wahl zwischen Studiengängen – oder um die Frage, welcher Bildungsweg zu den eigenen Zielen, Fähigkeiten und Lebensvorstellungen passt? Studienerfolg wird nicht nur von verschiedenen Faktoren wie Begabung, Motivation oder sozialer Herkunft beeinflusst. Er hängt auch von der Fähigkeit ab, Entscheidungen zu treffen. Auch nach der Immatrikulation endet die Notwendigkeit guter Entscheidungen nicht. Studierende wählen Schwerpunkte, planen Auslandsaufenthalte, entscheiden über Praktika oder Nebenjobs – und müssen manchmal klären, ob ein Fachwechsel eine gut überlegte Kurskorrektur ist oder nur eine vorschnelle Reaktion auf eine schwierige Phase.

Informationsangebote sind nicht ausreichend, wenn sie nicht mit entsprechender Entscheidungskompetenz verbunden werden. Wer die eigene Situation nicht strukturieren kann, gewinnt durch mehr Information nicht automatisch mehr Sicherheit. Orientierung entsteht erst, wenn Studieninteressierte die Informationen auf ihre eigene Situation beziehen und für ihre Wahl nutzen können.

Ziele klären

Entscheidungskompetenz setzt vor dem Vergleich von Optionen an – bei der Frage, welche Entscheidung überhaupt getroffen werden soll. "Welches Fach soll ich studieren?" führt zu einem anderen Suchprozess als "Welcher Bildungsweg passt zu meinen Zielen, Fähigkeiten und Lebensvorstellungen?" Die zweite Frage öffnet den Blick: Nicht nur Studienfächer werden verglichen, sondern Wege in eine gewünschte Zukunft. Dafür müssen Studieninteressierte zunächst ihre Ziele kennen: fachliches Interesse, berufliche Per­spektiven, finanzielle Sicherheit, gesellschaftlicher Beitrag, Selbstständigkeit oder Vereinbarkeit mit anderen Lebenszielen. Viele später als unpassend erlebte Entschlüsse kommen nicht zustande, weil Informationen fehlten, sondern weil die eigenen Ziele unklar waren.

Sind Ziele geklärt, verändert sich auch die Suche nach Optionen. Dann geht es nicht mehr nur um das Fach der Freunde, den bekannten Studiengang oder die Hochschule in der Nähe. Ziele helfen, weitere Optionen zu entwickeln (Siebert und Keeney, 2015) und die Informationen zu identifizieren, die nötig sind, um die Folgen der eigenen Wahl besser abzuschätzen. Am Ende bleiben häufig Zielkonflikte. Ein Studiengang kann fachlich attraktiv sein, aber weit entfernt liegen. Ein anderer bietet gute Berufsaussichten, aber weniger Anknüpfungspunkte für inhaltliche Interessen. Zielkonflikte sollten nicht verdrängt, sondern explizit benannt werden. Dies wird an Hochschulen bislang nur selten systematisch vermittelt. Selbst dort, wo Entscheidungstheorie gelehrt wird, steht häufig die Analyse bereits klar definierter Pro­bleme im Vordergrund: Ziele, Optionen und deren Konsequenzen sind dann meist vorgegeben. Bei Bildungs- und Karrierefragen besteht die eigentliche Herausforderung häufig darin, die Frage so zu formulieren, dass relevante Ziele sichtbar werden, fehlende Optionen entwickelt und Konsequenzen sinnvoll abgeschätzt werden können. Bleibt dieser Schritt aus, hilft auch das beste Werkzeug nur dabei, ein falsch gerahmtes Problem präziser zu analysieren.
 

Entscheidungskompetenz gezielt trainieren

Die Korrektur von Bildungsentscheidungen ist möglich, aber häufig mit Zeitverlust, Kosten und emotionaler Belastung verbunden. Studien zeigen, dass Menschen in wichtigen Entschlusssituationen häufig nur einen Teil ihrer relevanten Ziele und Optionen erkennen. Wer seine Ziele nicht kennt, kann Informationen nicht sinnvoll gewichten. Wer nicht systematisch nach Optionen sucht, bleibt leicht beim Naheliegenden stehen und übersieht attraktivere Möglichkeiten. Interventionsstudien zeigen, dass sich solche Fähigkeiten trainieren lassen. Eine im European Journal of Operational Research veröffentlichte Studie belegt, dass proaktive kognitive Entscheidungsfähigkeiten durch ein gezieltes Training der Entscheidungskompetenz nachhaltig gestärkt werden (Siebert et al., 2021).

Wenn diese Kompetenz eine Voraussetzung erfolgreicher Bildungsverläufe ist, darf sie nicht von einer einzigen Stelle des Systems abhängen. Ihre Förderung muss vor dem Studium beginnen, in der universitären Beratung aufgegriffen und im Studium weiterentwickelt werden. Gute Studienorientierung fragt nicht nur: "Welche Informationen brauchen Studieninteressierte über unser Angebot?" Sie fragt vor allem: "Welche Entscheidung müssen sie treffen – und wie können wir sie bei deren Strukturierung unterstützen?" Der Fokus verschiebt sich damit von der bloßen Darstellung eines Studienangebots hin zur Befähigung, dieses Angebot auf die eigenen Ziele, Fähigkeiten und Lebensvorstellungen zu beziehen. 

In der Berufsberatung lässt sich dieser Ansatz ebenfalls verankern – ein für die Bundesagentur für Arbeit entwickeltes Training setzt genau hier an. Auch während des Studiums bleibt die entsprechende Kompetenz wichtig: KLUGstudieren! überträgt sie als interaktiver MOOC auf typische Studienentscheidungen wie Schwerpunktwahl, Auslandssemester oder Fachwechsel.

Aufgabe der Hochschulen

Hochschulen sollten Studienorientierung daher nicht nur als Kommunikations- und Informationsaufgabe verstehen, sondern auch als die Vermittlung von Kompetenz, Informationen auf eigene Ziele zu beziehen, Alternativen nicht vorschnell zu verengen und Zielkonflikte bewusst abzuwägen. Bei der Gestaltung von Fristen, Wahlmöglichkeiten, Modulstrukturen, Prüfungslogiken und Studiengangsbeschreibungen müssen die Hochschulen dieser Verantwortung gerecht werden, um die Entschlüsse zu erleichtern. Diese Verantwortung lässt sich nicht an Studienberatungen delegieren. Zudem ist die Studieneingangsphase nicht nur eine Phase fachlicher Einführung. In ihr fallen auch wichtige Entscheidungen: Studierende überprüfen ihre Erwartungen, erleben erste Rückmeldungen und beginnen, ihren weiteren Weg zu gestalten. Hochschulen sollten deshalb nicht nur mit dem Fach, seinen Anforderungen und Arbeitsweisen vertraut machen, sondern auch Ziele, Optionen und Spielräume sichtbar machen.

Die Vermittlung von Entscheidungskompetenz sollte daher nicht als Spezialangebot für unsichere Studieninteressierte oder abbruchgefährdete Studierende verstanden werden, sondern als grundlegende akademische Querschnittskompetenz. Sie ist ein zentraler Future Skill für Studium, Beruf, privates Leben und gesellschaftliche Verantwortung. Deshalb sollte sie nicht nur punktuell in Beratungssituationen auftauchen, sondern systematisch in der Hochschullehre verankert werden – etwa als curricular verankertes Lehrangebot, das perspektivisch alle Studierenden erreicht. Konkrete Ansatzpunkte wären entsprechende Module in der Studieneingangsphase, Reflexionsaufgaben im Studium Generale, digitale Hilfen bei Schwerpunktwahlen oder strukturierte Formate in Studienberatung und Career Services. Sie ersetzen bestehende Orientierungs-, Beratungs- und Lehrangebote nicht, sondern machen sie wirksamer.

Und wenn es doch zum Studienabbruch kommt?

Eine gute Hochschule sollte nicht jede Entscheidung zum Studienabbruch verhindern. Vielmehr sollte sie die Studierenden dabei unterstützen, rechtzeitig zu erkennen, ob sie auf dem richtigen Weg sind – und wann ein anderer Weg besser passt. Eine fundierte Wahl kann deshalb auch zu einem Fachwechsel, einer Ausbildung, einem dualen Studium oder einem direkten Berufseinstieg führen. Ausschlaggebend ist, dass dieser Schritt reflektiert erfolgt – und nicht erst als Reaktion auf Überforderung, Frustration oder äußeren Druck. Für die betroffenen Studierenden sind Abbrüche oft belastend, insbesondere, wenn sie als persönliches Scheitern erlebt werden. Ein Studienabbruch ist nicht automatisch ein Scheitern; er kann auch eine kluge Kurskorrektur sein. Problematisch ist nicht der Wechsel oder Abbruch an sich, sondern wenn er aus vermeidbarer Orientierungslosigkeit, unklaren Zielen, schlecht verstandenen Zielkonflikten oder fehlender Kenntnis relevanter Alternativen entsteht.

Literaturtipps

Siebert, J. U., Keeney, R. L. (2015). Creating More and Better Alternatives for Decisions Using Objectives. Operations Research, 63(5), 1144-1158.
Siebert, J. U.; Kunz, Reinhard; Rolf, Philipp (2021). Effects of decision training on individuals' decision-making proactivity. European Journal of Operational Research, 294(1), 264-282.