Symbolbild für den Dialog zwischen Menschen aus Palästina und Israel.
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Palästina-Vorlesung
"Man kann den Schmerz produktiv einbeziehen"

Eine LMU-Vortragsreihe zu Palästina erhielt im Vorfeld Antisemitismuskritik. Arabistik-Professor Kaplony teilt im Interview seine Erfahrungen.

Von Christine Vallbracht 15.06.2026

Ein für den 28. November 2025 geplanter Workshop mit vier Vorlesungen an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München mit dem Titel "Die gezielte Bekämpfung der palästinensischen Wissenschaft" war nach Antisemitismus-Kritik abgesagt worden. Ziel war es im Nachgang laut Erklärung der Hochschule, mittels einer integrativen Strategie geeignete wissenschaftliche Formate auch für derart aufgeladene Themen zu entwickeln. Im Mai fanden nun in drei Workshops neun Vorlesungen zum Thema "Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland" statt. Das Netzwerk jüdischer Hochschullehrender (NJH) kritisierte die Veranstaltung im Vorfeld aufgrund der Referentenauswahl und der Rahmung bei Titeln und Beschreibungen als israelbezogen antisemitisch. 

Forschung & Lehre ergründet im Gespräch mit Andreas Kaplony, dem für die Veranstaltung verantwortlichen Professor für Arabistik und Islamwissenschaft, die Ursachen der Problematik, wie eine Konzeption gelingen kann und welche Schlüsse er aus dem Erlebten zieht. 

Forschung & Lehre: Was ist bei der Konzeption der neuen Vortragsreihe besser gelungen als bei der zuerst geplanten Veranstaltung?

Andreas Kaplony ist Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der LMU München. Pascal Wiesmann

Andreas Kaplony: Es sind drei Fragen, die bei einem solchen Konzept immer im Raum stehen: die Einbindung, die Wissenschaftlichkeit und die Sicherheit. Wir haben uns aber in erster Linie bei der Konzipierung der zweiten Vortragsreihe mit viel Zeit auf das Framing konzentriert. Erstens ist Palästina als Ort im globalen Bewusstsein verankert. Und das in mehreren parallelen Diskursen, die sich widersprechen, also beispielsweise der jüdische und der muslimische. Zweitens ist das Reden über Palästina in der deutschen Öffentlichkeit mit zahlreichen Tabus versehen. Und drittens ist es ein Ort, dessen Bildungslandschaft mit der deutschen mehrfach verbunden ist.

Um die Vorträge breit einzubinden, habe ich im Voraus mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen gesprochen und die Hochschulleitung in die Vorbereitung strategisch einbezogen. Im November hatten über 20 Kolleginnen und Kollegen – hauptsächlich aus der Arabistik und Islamwissenschaft – die Wissenschaftlichkeit gegenüber der Hochschulleitung betont. 

Dieses Mal haben mir 24 renommierte Kolleginnen und Kollegen dies schon im Voraus und mit öffentlicher Namensnennung auf der Uni-Website bestätigt, um so der zu erwartenden Diffamierungskampagne den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Hochschulleitung selbst kennt sich ja mit den Quellen und der Forschung zu Palästina nicht aus. Sicherheitsbedenken werden meiner Ansicht nach aus politischen Gründen vorgeschoben. 

F&L: Warum war und ist es Ihnen wichtig, die palästinensische Perspektive in den Fokus Ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu stellen? 

Andreas Kaplony: Seit meiner Habilitation arbeite ich zu Palästina. Meine Spezialität ist es, arabische, griechische, hebräische, syrische, persische und andere Quellen philologisch zu analysieren und zusammenzuführen. Das sich ergebende Bild widerspricht häufig den Annahmen des westlichen Mainstreams. Ein Beispiel: Gern sagt man, der Islam habe sich durch "Schwert und Mission" ausgebreitet. Das ist falsch. Der Islam hat sich wie die römische Religion von oben nach unten ausgebreitet – der Islam konkret durch Rechtssicherheit. 

In den letzten Jahren habe ich nun gelernt, dass man den Schmerz über die aktuelle Gewalt produktiv in die akademische Lehre einbeziehen kann. Beispielsweise prägt die Überwachungstechnologie, mit der Israel seine nichtjüdische Bevölkerung im eisernen Griff hält, sowohl die israelische Selbstwahrnehmung als auch die palästinensische Bevölkerung. Und Gewalt ist global ein großes, medial präsentes Thema, ja es scheint sich vermehrt die Ansicht durchzusetzen, mit staatlicher Gewalt komme man weiter. Da hilft die palästinensische Perspektive, die Gewalt und das europäische Reden über Gewalt besser zu verstehen. 

"Ich habe gelernt, dass man den Schmerz über die aktuelle Gewalt produktiv in die akademische Lehre einbeziehen kann."

F&L: Inwiefern ist es vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts aus Ihrer Sicht sinnvoll, eine integrative Perspektive in der Forschung einzunehmen? 

Andreas Kaplony: Thema der drei Workshops war die aktuelle Situation der Universitäten in der Westbank und im Gazastreifen. Im Gazastreifen sind die Hochschulen fast vollständig zerstört und in der Westbank gerade am Überleben. Eigentlich ging es darum, wie Professorinnen, Professoren und Studierende dort gerade nicht zur Gewalt greifen, in Verzweiflung versinken oder flüchten, sondern einen vierten Weg finden: Wie sie unter extremen Bedingungen weiter forschen, lehren und lernen. 

Wenn wir das volle Bild haben wollen, brauchen wir Kontext. Da ist eben die Sehnsucht nach Palästina mit den sich widersprechenden Diskursen und dem Tunnelblick: Jede Gruppe kämpft für die eigene Sache und versteht nicht, dass auch andere für ihre eigene Sache kämpfen. Dann ist da das europäische zionistische Narrativ, dass da nichts ist oder nichts war in Palästina, dass man die Welt dort neu bauen kann. Das palästinensische Narrativ wiederum beschreibt die Sehnsucht nach der Heimat. In den deutschen Medien ist von einem Konflikt zwischen gleichen Parteien die Rede – tatsächlich ist es in der Westbank und im Gazastreifen seit vielen Jahren ein Kampf "Armee versus Zivilbevölkerung". Über die humanitäre Katastrophe wird geredet, als ob sie eine Naturkatastrophe wäre. Dann gibt es die Unsichtbarkeit der Palästinenserinnen und Palästinenser in der deutschen Öffentlichkeit: Man darf bestenfalls aus der Distanz über sie reden, aber selbst zu Wort kommen sie nicht in unseren öffentlichen Diskursen. Es gibt sie sozusagen gar nicht. Wir müssen verstehen, dass das palästinensische Schulsystem auch deutsche Wurzeln hat. Das universitäre Leben in der Westbank und im Gazastreifen ist geprägt von den Schließungen durch die Armee und von der Schwierigkeit der Mobilität. Und dann schließlich: wie erleben Studierende und Dozierende im Gazastreifen Forschung und Lehre, wenn es ihre Universitäten physisch kaum mehr gibt? 

Wer verstehen will, was an diesen Universitäten läuft, braucht einfach viel Zeit. Und ich habe verstanden, dass man es richtig framen muss. 

F&L: Wie ist die Vortragsreihe letztlich abgelaufen? 

Andreas Kaplony: Die Workshops waren grundsätzlich sehr ruhig. Am Anfang des ersten Workshops war die Stimmung gespannt, aber nach wenigen Minuten waren wir im aufmerksamen, akademischen Zuhören angekommen. Die Vortragenden haben sehr klar und bemerkenswert unaufgeregt gesprochen. Ich betone das, weil sich zwei Vortragende ja auf der Flucht befinden. Es gab keinerlei Hassrede. 

Wir hatten 70 Studierende und Zuhörende, auch Kolleginnen und Kollegen, die Solidarität zeigen wollten, Interessierte aus der Universität und von extern. Ungefähr 20 von ihnen haben klar markiert, dass sie pro-palästinensisch eingestellt sind. Ungefähr acht waren nur im letzten Workshop und haben markiert: "Wir sind Pro Israel!" Insgesamt hatten wir drei mal vier Stunden intensives Zuhören, Nachfragen, kritisches Nachfragen – einfach so, wie es sein sollte. In den Pausen gab es angeregte Gespräche. 

"Wir hatten also zwölf Stunden eine gute Veranstaltung und ein paar Minuten ein wenig Unruhe."

Nach dem vorletzten Vortrag wollte ein Zuhörer eine Antwort nicht akzeptieren, bis ich ihn bat, die nächsten Fragenden zu Wort kommen zu lassen. Im letzten Vortrag sprach derselbe Zuhörer drei Minuten in den Vortrag hinein und ich musste ihn bitten, den Saal zu verlassen. Das heißt, wir hatten also, wie ich gesagt habe, zwölf Stunden eine gute Veranstaltung und ein paar Minuten ein wenig Unruhe. Später gab es in den sozialen Medien einen verfälschenden, hetzerischen Post, der diese drei Minuten aufgebauscht hat und auf den ich mit einem langen Kommentar geantwortet habe. Nach dem letzten Workshop haben auf meine Bitte insgesamt 31 Zuhörerinnen und Zuhörer ihre Wahrnehmung in Kurzberichten an die Hochschulleitung geschildert. Auch wenn sie inhaltlich nicht unbedingt einverstanden waren, haben alle betont, dass es eine ruhige, spannende und produktive akademische Veranstaltung war. 

F&L: Welche Schlüsse ziehen Sie für sich aus den Erfahrungen mit den beiden Lehrveranstaltungen? 

Andreas Kaplony: Die Planung und Durchführung war ungeheuer zeitintensiv und hat Nerven gekostet. Es hat sich aber sehr gelohnt. Aus den Vorträgen und den Diskussionen habe ich selbst viel mitgenommen. Und das ganze Team des Lehrstuhls, unsere Studierenden und weitere Personen haben das Geschehen intensiv mitverfolgt. Wir haben unendlich viel gelernt über die Einbettung der Nah- und Mitteloststudien in die deutsche akademische Wissenschaft, in die deutsche Öffentlichkeit und über unsere Rolle dabei. Das Drumherum war also fast schon eine eigene Lehrveranstaltung: Man musste sich beispielsweise überlegen, was passieren könnte, wie es in den Medien wohl dargestellt wird und wie eben nicht. Das war sehr interessant. Wir haben die ganze Zeit geredet – das ist ja die Idee der Universität, dass man sich austauscht. In meinem Fach müssen die Studierenden und Lehrenden erlernen, solche Situationen auszuhalten und sorgfältig zu planen. Insofern war es richtig lehrreich. 

F&L: Worauf kommt es aus Ihrer Sicht letztlich an, wenn man sich wissenschaftlich und in Veranstaltungen mit emotional aufgeladenen Themen auseinandersetzt? 

"Bei manchen meiner Kolleginnen und Kollegen war die Angst vor politischem Aktivismus sehr groß." 

Andreas Kaplony: Ich wusste es eigentlich, war aber doch überrascht, wie übermächtig dieser öffentliche Diskurs zu Israel und Palästina ist. Wie schwer es ist, von der politischen Beurteilung auf die wissenschaftliche Beurteilung umzusteigen. Bei manchen meiner Kolleginnen und Kollegen war die Angst vor politischem Aktivismus sehr groß. Sie hatten quasi vergessen, dass ich seit 25 Jahren ganz unaufgeregt zu Palästina forsche, unterrichte und nach allen Seiten gute Beziehungen pflege. Was habe ich daraus mitgenommen? Reden, reden, reden – und das im Voraus. Reden nimmt Angst. Das ist ganz wichtig! Die Menschen müssen Vertrauen haben und das kann man nur in Gesprächen aufbauen. 

F&L: Für wie eindeutig halten Sie den Antisemitismusbegriff? 

Andreas Kaplony: Es gibt einerseits Antisemitismus, also Feindseligkeit gegenüber Jüdinnen und Juden. Andererseits gibt es Kritik an der israelischen Politik, die aus politischen Gründen als antisemitisch bezeichnet wird, obwohl sie es gar nicht ist. Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus betont diese Unterscheidung ausdrücklich. 

Wir haben an unserem Institut für den Nahen und Mittleren Osten die Arabistik und Islamwissenschaft, die Iranistik, die Judaistik und die Turkologie. Alle Studierenden müssen zwei Sprachen lernen, also beispielsweise Persisch und Arabisch oder Türkisch und Hebräisch. Nun weiß ich von unseren Studierenden, dass in München Studierende mit Kippa angepöbelt und Studentinnen mit Kopftuch ebenfalls belästigt werden. Das bedeutet, dass es in der deutschen Mehrheitsgesellschaft Leute gibt, die anders Aussehende ausschließen wollen. Das heißt, Antisemitismus, Islamophobie und Rassismus sind Teil einer größeren Fremdenfeindlichkeit. Wer sich also auf den Kampf gegen Antisemitismus beschränkt, blendet das größere Problem aus. 

In der Bewertung von Kritik an der israelischen Politik erlebe ich eine bewusste Überdehnung des Antisemitismusbegriffs. Das geschieht meines Erachtens mit der Zielsetzung, genuin politische Diskussionen zu vermeiden. Auch wo die politische Zielrichtung der Kritik klar ist, bleibt dann der Verdacht des Antijudaismus im Raum. 

F&L: Was halten Sie von der Forderung aus der Politik, dass sich Hochschulen klar "Pro Israel" beziehungsweise "Kontra Antisemitismus" zu positionieren haben? 

Andreas Kaplony: Dazu zwei Gedanken: Ich bin grundsätzlich dagegen, dass Hochschulen sich für Staaten einsetzen: Wer sich "für Israel" einsetzt, muss sich überlegen, ob er sich nicht auch "für Katar", "für den Libanon" und "für Ägypten" einsetzt. Wo führt das hin? Und Statements wie "Gegen Antisemitismus" und "Gegen Islamophobie" sind zwar medienwirksam, helfen aber in der Sache wenig. Was bei Benachteiligung und Diskriminierung wirklich hilft, sind doch echte Maßnahmen, um Nachteile auszugleichen, beispielsweise indem man Teams bewusst in Gender und Herkunft gemischt aufstellt. Es ist hilfreich, konsequent immer auch die Perspektive der Benachteiligten und Diskriminierten einzunehmen. 

F&L: Worin besteht Ihrer Meinung nach die Aufgabe der Wissenschaft, wenn es um die Analyse und Deutung von konfliktreichen Themen geht? 

Andreas Kaplony: Die Kernaufgabe ist immer die gleiche: ohne negative oder positive Energie über ein Thema nachzudenken und zu forschen. Und weil Lehre ja immer Interaktion bedeutet, heißt das, gemeinsam mit den Studierenden nachzudenken. Damit positioniert man die Universität als Ort des gemeinsamen Nachdenkens. 

"Aus Meinungsverschiedenheit entsteht erst Neues."

Nach unserem ersten Vortrag wollten ein paar Aktivistinnen und Aktivisten wissen, ob dieses ruhige Nachdenken nicht manchmal falsch ist, ob man nicht handeln sollte, statt nachzudenken. Da war es gut zu klären, dass Handeln richtig und wichtig ist, aber Nachdenken mindestens ebenso wichtig und richtig. Das Kerngeschäft der Wissenschaft ist gerade, Widerspruch zuzulassen, Widerspruch zu wollen, Widerspruch auszuhalten. 

Eine islamische Tradition sagt, dass die Meinungsverschiedenheit in der Gemeinschaft ein Geschenk ist, eine Gnade. Das bedeutet, aus Meinungsverschiedenheit entsteht erst Neues. Diese positive Bewertung von Meinungsverschiedenheit und Streit müssen wir wieder lernen. Man muss bittere Erkenntnis nicht verdrängen, sondern zulassen, aufnehmen und dann weiterdenken.