Greifswald
Medizinstudium ohne Spitzen-Abi
Wer ein Medizinstudium auch ohne glattes Einser-Abitur anstrebt, hat an der Universität Greifswald im Vergleich zu anderen Hochschulen besonders gute Karten. Abiturientinnen und Abiturienten auch ohne Bestnote ein Medizinstudium zu ermöglichen und andere Qualifikationen stärker zu gewichten, dabei ragt Greifswald bundesweit heraus, wie das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) laut Bericht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) bestätigt. Die Fakultät hat diesen Ansatz nun weiter verstärkt.
"Wo wir eigentlich von wegwollen ist, dass Leute Medizin studieren, weil sie ein gutes Abitur haben", erklärt Klaus Hahnenkamp, Direktor der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin in Greifswald gegenüber der dpa. "Ich hätte viel lieber die Leute, die gerne Medizin machen wollen und deswegen versuchen, das beste Abitur zu machen, das sie können." Nach dem Weggang des bisherigen Chefs der Universitätsmedizin Greifswald (UMG), Uwe Reuter, leitet Hahnenkamp derzeit auch die UMG als Stellvertretender Ärztlicher Vorstand.
Greifswald verdoppelt Plätze für Interview-Verfahren
Um einen Medizinstudienplatz kann man sich in Deutschland über ein zentral organisiertes Verfahren bewerben, wobei hierbei grundsätzlich die Abiturbesten die größten Chancen haben. Über dieses Verfahren werden 30 Prozent der Studienplätze je Hochschule vergeben. Weitere zehn Prozent werden unabhängig von Schulnoten vergeben, etwa auf Grundlage von Tests und vorheriger Berufserfahrung. 60 Prozent der Studienplätze stellen die Hochschulen nach eigenen Kriterien bereit.
Die UMG setzt hierbei unter anderem auf ein aufwendiges Interview-Verfahren und hat die Zahl der Studienplätze, die so vergeben werden, auf 85 für das kommende Wintersemester nahezu verdoppelt. Dass eine Hochschule so viele Plätze über ein solches Verfahren vergibt, sei in der Form einzigartig, hieß es vom CHE.
Neben der Abiturnote werden dabei naturwissenschaftliche Vorerfahrungen, aber auch soziales Engagement und Berufspraxis als Kriterien berücksichtigt. Abiturnoten von 1,0 bis 1,5 werden für die Auswahl zum Interview gleich bewertet. Über die anderen Kriterien können Bewerberinnen und Bewerber ihre Abi-Note aufbessern. "Wenn man jetzt alle Hebel zieht hier bei uns, dann kann man bis zum Abitur von 2,4 zum Interview eingeladen werden", erklärte Hahnenkamp.
Viele Nachwuchkräfte frühzeitig überlastet
Wieso geht die UMG diesen aufwendigen Weg? Natürlich sei ein Medizinstudium kognitiv anspruchsvoll und die schulischen Leistungen daher nicht gänzlich unerheblich, sagt Hahnenkamp. Auch korreliere die Abi-Note mit der Frage, ob jemand das Studium in Regelstudienzeit schafft. "Also die mit 1,0 schaffen es besser als die mit 1,6. Es gibt natürlich Ausnahmen."
Die Abiturnote sage am Ende aber relativ wenig darüber aus, "wer gut als Arzt funktioniert und im System bleibt und nicht irgendwie was anderes macht, sondern Krankenversorgung". Viele Nachwuchskräfte seien heutzutage frühzeitig überlastet oder stellten fest, dass ihre Work-Life-Balance nicht stimme. "Das Resultat ist dann häufig genug, dass die ihre Stellen reduzieren." Das trage dazu bei, dass Personal fehle.
Die stärkere Gewichtung vorhergehender Berufsorientierung solle dazu beitragen, dass angehende Ärztinnen und Ärzte am Ende nicht davon überrascht seien, "dass es ein anstrengender Beruf ist".
Medizinstudium als großes staatliches Investment
Hahnenkamp verwies auch auf die Kosten eines Medizinstudiums. Diese lägen an einer staatlichen Hochschule bei etwa 200.000 bis 300.000 Euro. "Das ist ein echtes Investment vom Staat. Das ist einer der teuersten Studiengänge."
Es komme nicht immer gut an, aber Studienanfängern und -anfängerinnen sage er mitunter: "Wer jetzt nicht weiß, dass das ein Beruf ist, der 24/7 abdecken muss und da jeder eben seinen Teil, der jetzt hier sitzt, beitragen wird müssen, der sollte jetzt gehen. Weil den Platz können wir dann besser an andere vergeben." Das gelte umso mehr in einem System, dem Personal fehle.
"Es ist trotzdem der tollste Beruf auf der ganzen Welt. Wirklich", sagte Hahnenkamp, der nach eigener Aussage selbst kein Spitzen-Abitur hatte.
Die Bewerbungsphase für die zentrale Vergabe von Medizinstudienplätzen endet am 15. Januar. Bewerbungen zum Greifswalder Interviewverfahren für das kommende Wintersemester können bis einschließlich 31. Januar eingereicht werden.
dpa/hes