Lehre
Mit Eule im Hörsaal

Professor Ingo Zimmermann lässt sich an der IUBH Dortmund von einer Eule in Vorlesungen begleiten. Im Gespräch erklärt er, warum.

Von Friederike Invernizzi 07.03.2020

Forschung & Lehre: Herr Professor Zimmermann, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Eule in den Hörsaal mitzunehmen?

Ingo Zimmermann: Die Idee entstand in Folge einer Aneinanderreihung von Zufällen. Ich interessiere mich schon sehr lange für Eulen. Seit ich mit meiner Partnerin, die als Falknerin einen sibirischen Uhu besitzt, auf einem Bauernhof lebe, kam der Gedanke auf, sich eine "Therapieeule" anzuschaffen, da ich auch psychotherapeutisch tätig bin. Ich war also auf der Suche nach einem Tier, das sowohl vom Wesen als auch von der Größe her geeignet ist. Der sibirische Uhu meiner Partnerin ist einfach zu groß, wenn der sich auf die Schulter eines Menschen setzt, besteht Verletzungsgefahr. Es ergab sich dann, dass eine Züchterin, die Greifvögel für Tierparks züchtet, auf der Suche nach Aufzieheltern für eine kleine amerikanische Kreischeule war, die von ihren Eltern abgelehnt wurde. Wir haben Hugo dann ab seinem zehnten Lebenstag mit der Hand aufgezogen. So konnte ich eine feste Bindung zu der Eule aufbauen. Damit hatte ich meine "Therapieeule" gefunden. Für mich war das ein Glück, denn auch vom Wesen her sind Kreischeulen sehr gut geeignet: Sie sind sehr neugierig und wenig ängstlich.

Prof. Ingo Zimmermann
Ingo Zimmermann ist Professor für Soziale Arbeit an der IUBH Internationale Hochschule Dortmund. In Vorlesungen begleitet ihn seine Eule "Hugo". IUBH

F&L: Nun sitzt Hugo während der Vorlesung oder des Seminars bei Ihnen auf der Schulter: Welche Wirkung hat die Eule auf die Studierenden?

Ingo Zimmermann: Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass Eulen im therapeutischen Setting völlig andere Tiere sind als zum Beispiel Hunde, Katzen oder Pferde. Letztere bauen sehr schnell einen Kontakt zum Menschen auf, der auch auf Körperkontakt beruht. Hier geht es um Zuwendung und um Nähe, die über Anfassen und Streicheln aufgebaut wird. Das ist bei einer Eule völlig anders. Eulen haben einen ganz anderen Zugang zur Welt. Wenn man beispielsweiser einer Eule die Hand direkt vor die Augen hält, sieht sie nichts. Auf lange Distanz sieht sie aber sehr scharf. Das bedeutet, dass man sich einer Eule ganz anders nähern muss als einem Hund. Eulen eignen sich also ganz hervorragend im Kontakt mit Personen, die generell Probleme mit Nähe und sozialem Kontakt haben, wie zum Beispiel autistische Personen oder auch traumatisierte Personen. Eulen haben zudem eine faszinierende Wirkung. Dadurch, dass sie mit ihren großen Augen Blickkontakt halten, ziehen sie sehr stark die Aufmerksamkeit auf sich. Die meisten Studierenden finden Eulen auch spannend, weil sie das in der Natur so meist noch nicht gesehen haben. Generell kann man also sagen, dass die Studierenden sehr fasziniert von Hugo sind und sich die Aufmerksamkeit sehr stark auf ihn fokussiert.

F&L: Ist die Wirkung der Eule dann nicht kontraproduktiv, weil die Studierenden abgelenkter sind?

Ingo Zimmermann: In der Tat sind die Studierenden durch die Eule abgelenkt. Gleichzeitig sind sie aber auch zentrierter. Generell muss man sagen, dass die Konzentrationsspanne der heutigen Studierenden relativ gering ist. Wenn nicht alles hochinteressant ist, was der Dozent vorne bietet, ist die Aufmerksamkeit nach zehn Minuten weg. Dann wird an den Handys herumgedaddelt, geredet, gegessen oder getrunken. Es setzt sich immer mehr so eine Art "Kinomentalität" durch und die Unruhe steigt. In dem Moment, wo der Hugo da ist, fokussieren sie die Eule und sind wenigstens nicht durch das Handy, das Pausenbrot oder durch etwas anderes abgelenkt. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass es mit Hugo ruhiger ist im Seminar. Die Studierenden bekommen mehr mit, da sie sich auf den Vogel und nicht auf was anderes konzentrieren.

F&L: Hugo ist also unter anderem dazu da, Nebenbeschäftigungen im Hörsaal oder im Seminar zu reduzieren. Warum verbieten Sie diese nicht?  

Ingo Zimmermann: Wir sind eine private Hochschule, da stellt sich diese Frage nicht, das wird einfach gemacht. Trotz meiner Hinweise, dass dies unerwünscht sei, passiert es dauernd wieder. Wenn man den Studierenden die Handys wegnimmt, begibt man sich zudem in eine juristische Grauzone. Generell hat sich immer mehr eine andere Mentalität durchgesetzt, die Studierenden wollen versorgt werden. Selbstständigkeit und sich selbst Dinge anzueignen, das sind Verhaltensweisen, die seltener werden.

F&L: Wie geht es Hugo mit seinen Ausflügen an die Hochschule? Könnte man Ihnen nicht artgerechte Haltung vorwerfen?

Ingo Zimmermann: Bei dieser Eule ist es so, dass sie allein im Wald gar nicht überleben könnte, da sie sich selbst gar kein Futter besorgen könnte. Sie ist deshalb auf den Menschen angewiesen. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass man amerikanische Westkreischeulen auf drei Quadratmeter mit einem Meter Höhe halten muss. Hugo hat natürlich eine Voliere bei uns auf dem Bauernhof, fliegt aber meist bei uns zuhause auf dem Bauernhof frei herum. Er hat also deutlich viel mehr Platz als vorgeschrieben.

Artenschutz und Tierhaltung von Eulen

In Deutschland ist das Halten von Eulen grundsätzlich erlaubt, jedoch bedarf es einer Sondergenehmigung vom Veterinäramt, da Eulen unter Artenschutz stehen. Alle in Deutschland vorkommenden Eulenarten sind unter Schutz gestellt und dürfen weder gefangen, verkauft oder gehalten werden. In der Regel ist eine Haltungserlaubnis meist Tierparks oder Zoos vorbehalten, die über geschultes Personal (Falkner) verfügen. Nur in seltenen Fällen gibt es Ausnahmen mit behördlichen Auflagen.

Die Haltung wird durch die Artenschutzbestimmungen sowie die "Mindestanforderungen für die Haltung von Greifvögeln und Eulen" (1995) des Verbraucherministeriums genau geregelt. Es ist eine Halteerlaubnis für Eulen als besonders geschützte Tierarten nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen erforderlich. Dazu werden persönliche und sachliche Voraussetzungen geprüft, zum Beispiel Kenntnisse in Haltung und Pflege.