Versinnbildlichung der 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen
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DatenCHECK
Nachhaltigkeitsprofile an Hochschulen

Die UN-Nachhaltigkeitsziele sind an deutschen Hochschulen thematisch etabliert. Die Fachdisziplinen setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

02.06.2026

Nachhaltigkeitsthemen sind fester Bestandteil in Lehre, Forschung und Transfer an Hochschulen. Der Zugang zu den Themen unterscheidet sich allerdings zwischen den Fächern, wie ein neuer DatenCHECK des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) vom 2. Juni zeigt. Demnach lassen die Ergebnisse darauf schließen, dass die einzelnen Fächer Verantwortung im Kontext nachhaltiger Entwicklung übernehmen und dabei "fachspezifische Nachhaltigkeitsprofile" herausbilden. Häufig werden etwa Themen behandelt, "die eine besondere fachliche Nähe zu den jeweiligen Disziplinen aufweisen", erklären Dr. Nina Horstmann, Senior Expert Empirische Methoden, und Cort-Denis Hachmeister, Senior Expert Datenanalyse am CHE.

Die Studie basiert auf Daten, die im Rahmen der CHE Hochschulrankings von 2023, 2024 und 2025 erhoben wurden. Dabei wurden insgesamt 9.536 Professorinnen und Professoren der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen, der mathematisch-naturwissenschaftlichen, der medizinischen sowie der ingenieur- und geisteswissenschaftlichen Fächer befragt. Berücksichtigt wurden sowohl Universitäten als auch Hochschulen für angewandte Wissenschaften und duale Hochschulen. Das CHE wollte erfahren, ob die Befragten im Rahmen ihrer Tätigkeit in Forschung, Lehre und Transfer einen substantiellen Beitrag zu den Sustainable Development Goals  (SDGs) der Vereinten Nationen leisten, die bis 2030 erreicht werden sollen.

Wie Beiträge zu den SDGs aussehen können

Gegenüber Forschung & Lehre erklärt Horstmann, dass in der Studie zunächst nicht zwischen Beiträgen in Lehre, Forschung oder Transfer unterschieden wurde. "Grundsätzlich kann man aber sagen, dass es in der Lehre darum geht, dass Studierende zum einen Wissen über verschiedene Nachhaltigkeitsthemen, zum anderen aber auch nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen wie Transformations- und Reflexionskompetenzen erwerben und weiterentwickeln", führt sie aus. Dies könne etwa curricular durch Pflicht- und Wahlmodule oder ganze Studiengänge mit Nachhaltigkeitsbezug erfolgen. Eine fachintegrierte Möglichkeit sei die Einbettung nachhaltigkeitsrelevanter Fragestellungen in die reguläre Fachlehre, wie beispielsweise Sustainable Finance in den Betriebswirtschaften oder Planetary Health in der Medizin. Die co- beziehungsweise extracurriculare Thematisierung erfolge zum Beispiel durch Zertifikatsprogramme, Ringvorlesungen oder Summer Schools.

"Aufgabe der Forschung ist die Wissensproduktion zu Ursachen, Folgen und Lösungsansätzen von Nachhaltigkeitsherausforderungen", erläutert Horstmann weiter. Diese umfasse sowohl Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung in Themenfeldern der SDGs – etwa zu Technologien der Wasseraufbereitung, klimafreundlichen Energiesystemen oder nachhaltigen Produktionsverfahren – als auch transformative Forschung, die zum Beispiel nach Gelingensbedingungen für sozial-ökologischen Wandel fragt.

Über den Transfer könnten wissenschaftliche Erkenntnisse in die gesellschaftliche Praxis überführt werden, erklärt Horstmann. Dies geschehe beispielsweise in Kooperationen mit Unternehmen, Kommunen, Politik und Zivilgesellschaft etwa durch Reallabore, Gründungen, wissenschaftliche Politikberatung oder Citizen-Science-Projekte.

Spezifische Schwerpunktsetzungen

Die Analyse der Daten lässt laut Studie auf zwei grundsätzliche Muster schließen. Zunächst habe sich gezeigt, dass in den Fachbereichen "nicht nur punktuell einzelne Nachhaltigkeitsziele bearbeitet werden". Vielmehr bilden sich in den Fächern spezifische Nachhaltigkeitsprofile aus mehreren SDGs heraus, die sich an zentralen Themen der Disziplinen orientieren. Für die Medizin führt das Autorenteam unter anderem die SDGs 3 (Gesundheit und Wohlergehen), 5 (Geschlechtergleichheit), 10 (Weniger Ungleichheit), 9 (Industrie, Innovation und Infrastruktur), sowie 17 (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele) auf. In den Politikwissenschaften finden sich am häufigsten die SDGs 16 (Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen), 5 (Geschlechtergleichheit), 10 (Weniger Ungleichheit), 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz), 8 (Menschenwürde, Arbeit und Wirtschaftswachstum) und 1 (Keine Armut).

Die Breite dieser Nachhaltigkeitsprofile fällt demnach unterschiedlich aus: "So konzentrieren sich etwa die Angaben in den Fächern Mathematik und Informatik vergleichsweise auf wenige Schwerpunktthemen, während sich in vielen Fächern ein breiteres Nachhaltigkeitsprofil erkennen lässt", schreiben Horstmann und Hachmeister in ihrer Analyse.

Eine zweite grundlegende Beobachtung macht das Autorenteam in den "fachübergreifenden Clustern" aus. "Bestimmte Nachhaltigkeitsziele konzentrieren sich nicht nur auf einzelne Fächer, sondern auf ganze Fachgruppen mit ähnlichen professionsbezogenen Ausrichtungen", erklären sie in der Studie. So fokussierten insbesondere ingenieurwissenschaftliche Fächer SDG 9 – Industrie, Innovation und Infrastruktur, während SDG 3 – Gesundheit und Wohlergehen – oft in Bereichen der Medizin, Pflegewissenschaft oder Sport/Sportwissenschaft zu finden seien.

Überraschend sei, so Horstmann gegenüber Forschung & Lehre, dass sich in vielen Fächern ein kleinerer Anteil an Teilnehmenden findet, der sich mit eher unerwarteten SDGs beschäftige. "Beispielsweise bearbeiten 11 Prozent der Professorinnen und Professoren im Fach Sport/Sportwissenschaft das Thema nachhaltige(r) Konsum und Produktion, 14 Prozent im Fach Informatik das Thema Klimaschutz oder 5 Prozent im Fach Architektur den Bereich Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen", führt sie aus.

Welche SDGs werden fächerübergreifend häufig thematisiert?

Die Ergebnisse des CHECKs zeigen insgesamt, erklärt Horstmann, dass Nachhaltigkeit an Hochschulen "kein Nischenthema einzelner Disziplinen mehr, sondern in der Vielzahl der untersuchten Fächer fest verankert" ist. Wie aus der Studie hervorgeht, werden fünf Nachhaltigkeitsziele fächer- und hochschulübergreifend besonders häufig thematisiert:

"Nachhaltigkeit an Hochschulen ist kein Nischenthema einzelner Disziplinen mehr."

Dr. Nina Horstmann

SDG 4 – Hochwertige Bildung erzielte in der Befragung die höchsten Werte und bildet vor allem in Fächern wie Erziehungswissenschaften (76 Prozent), Romanistik (74 Prozent) und Germanistik (65 Prozent) einen thematischen Schwerpunkt. Das Autorenteam merkt hier einschränkend an, dass dieser Punkt außerhalb bildungs- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen möglicherweise "eher im Sinne eines allgemeinen Bildungsauftrags der Hochschule interpretiert wurde".

SDG 3 – Gesundheit und Wohlergehen wird laut Studie von durchschnittlich 25 Prozent der Professorinnen und Professoren thematisiert – insbesondere in der Pflegewissenschaft (92 Prozent), in Sport/Sportwissenschaft (71 Prozent), in der Medizin (64 Prozent), der Psychologie (62 Prozent) und der Zahnmedizin (61 Prozent).

Knapp hinter SDG 3 landete die Geschlechtergerechtigkeit (SDG 5) mit einer Gesamtnennung von 24 Prozent. Sie wird in Romanistik (59 Prozent), Germanistik (53 Prozent) und Sozialer Arbeit (49 Prozent) am meisten behandelt.

Gleichauf liegt mit ebenfalls 24 Prozent den Ergebnissen des CHECKs zufolge SDG 9 – Industrie, Innovation und Infrastruktur. Sie wird an Universitäten am häufigsten in den Fächern Maschinenbau, Material-, Werkstoff- und Prozessingenieurwesen (60 Prozent), im Fach Mechatronik (54 Prozent) und an HAWs in der Fächergruppe Maschinenbau, Materialwissenschaft, Werkstofftechnik HAW/FH (52 Prozent) genannt.

Ebenfalls 24 Prozent Nennung erzielte SDG 13 – Maßnahmen zum Klimaschutz. Dieser Schwerpunkt tritt am häufigsten in der Architektur (57 Prozent), den Geowissenschaften (57 Prozent), der Geographie (52 Prozent) sowie dem Bau- und Umweltingenieurwesen (52 Prozent) auf.

Unter den SDGs mit der geringsten durchschnittlichen Nennung seitens Professorinnen und Professoren sind laut Studie beispielsweise SDG 6 – Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen (5 Prozent) und SDG 2 – Kein Hunger (3 Prozent).

Welche Perspektiven eröffnen die Ergebnisse?

Nach Einschätzung von Nina Horstmann liegt bislang ungenutztes Potential in der interdisziplinären Zusammenarbeit. "Globale, nachhaltigkeitsbezogene Herausforderungen lassen sich nicht innerhalb einzelner Fächer bearbeiten, sondern erfordern interdisziplinäre Zugänge", betont sie gegenüber Forschung & Lehre. Die Studie könne dazu beitragen, fachübergreifende Anknüpfungspunkte im Bereich nachhaltiger Entwicklung sichtbar zu machen und potentielle Kooperationsstrukturen zwischen den Fächern zu identifizieren und weiterzuentwickeln.

"Globale, nachhaltigkeitsbezogene Herausforderungen erfordern interdisziplinäre Zugänge."

Dr. Nina Horstmann

Dabei gehören für sie die Bearbeitung von Nachhaltigkeitsthemen in Lehre, Forschung und Transfer einerseits und konkrete Nachhaltigkeitsziele der Hochschulen andererseits zusammen. Erst wenn Nachhaltigkeit auch strategisch in der Hochschule verankert sei, werde das Engagement der wissenschaftlichen Disziplinen besonders wirksam.

Im gesamtgesellschaftlichen Kontext sei bedeutend, so Horstmann, dass es längst nicht nur um Umwelt- oder Klimaforschung gehe, sondern verschiedene nachhaltigkeitsbezogene Themen von Gesundheit über Gleichstellung bis hin zu Innovation und Infrastruktur bearbeitet würden. "Gerade vor dem Hintergrund aktueller Themen wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz ist es wichtig, Nachhaltigkeit nicht als nachrangiges Thema zu betrachten. Die Frage ist nicht, ob wir Digitalisierung oder Nachhaltigkeit priorisieren, sondern wie wir technologische Innovationen so gestalten, dass sie zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen", erklärt sie und hebt hervor: "Die Ergebnisse unserer Studie verdeutlichen, dass die einzelnen Fächer Verantwortung im Kontext nachhaltiger Entwicklung übernehmen."

hae