Hochschullehre
Offener Brief fordert Verbot von KI im akademischen Unterricht
Ende Juni forderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler niederländischer Universitäten ihre Leitungen in einem Offenen Brief dazu auf, die Einführung von Künstlicher Intelligenz (KI) in hochschuleigene Softwaresysteme und den akademischen Unterricht grundsätzlich zu überdenken. Viele der 31 Unterzeichnenden beschäftigen sich selbst schwerpunktmäßig mit Künstlicher Intelligenz. Neben der wissenschaftlichen Integrität sehen sie insbesondere das kritische Denken der Studierenden gefährdet. In einem aktuellen Positionspapier unter Beteiligung einer deutschen Wissenschaftlerin hat die Gruppe ihre Forderungen nun untermauert. Zuerst berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Künstliche Intelligenz steht nach Ansicht der Autorinnen und Autoren im Widerspruch zu wissenschaftlicher Integrität. Als undurchsichtige, extrahierende Technologie lasse sie sich etwa nicht mit dem niederländischen Verhaltenskodex für Forschungsintegrität und seinen fünf Grundprinzipien Ehrlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Transparenz, Unabhängigkeit und Verantwortung in Einklang bringen.
Das Positionspapier wendet sich unter anderem gegen das Argument, dass sich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen lasse. Eine bewusste Entscheidung gegen die Nutzung der neuen Technologien sei möglich, erklärt die Expertengruppe und bemüht eine Analogie: "Genauso wie wir das Rauchen in öffentlichen Räumen verboten haben, könnten wir dieses Verbot weiterhin fördern, indem wir uns individuell dafür entscheiden, mit dem Rauchen aufzuhören und eine Regulierung der Tabakindustrie fordern." Entsprechend könne man sich auch dafür entscheiden, "uns selbst und andere von schädlichen Rahmenbedingungen, Produkten und Lebensstilen der Technologieindustrie zu befreien".
Sinkende Schreibfähigkeiten durch KI-Nutzung
In den Blick genommen werden im Papier insbesondere die Schreibfähigkeiten der Studierenden. Diese würden durch Large Language Models ebenso wenig verbessert, "wie eine Taxifahrt die Fahrkünste verbessert". Akademisches Schreiben solle Studierenden die Möglichkeit geben, unabhängig vom Einfluss der Industrie Wissen aufzunehmen und sich eine Meinung zu bilden. Vergleichbares gelte auch für andere Fertigkeiten – etwa das Programmieren –, die kontinuierlich trainiert und verbessert werden müssten.
Dass die Folgen des Einsatzes von KI insbesondere im Hinblick auf das akademische Schreiben gravierend sein dürften, stellt auch Dr. Matthias Buschmeier in der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre fest. Neueste Studienergebnisse von Forschenden des Massachusetts Institute of Technology belegten, dass sich bei dauerhafter KI-Nutzung "kognitive Schulden" aufbauten: "Die Gehirnaktivität in Bereichen, die bei Aufmerksamkeit, Erinnerungsleistungen und der Integration von Informationen involviert sind, war bei Teilnehmenden während des KI-gestützten Schreibens deutlich geringer." Zudem erinnerten sich die Studierenden kaum an die entstandenen Texte. Nach längerer KI-Nutzung verblieb die Gehirnaktivität beim selbstständigen Schreiben dann auf ähnlich niedrigem Niveau.
Förderung von KI-Kompetenz bei Studierenden
Die Position, KI wieder vom Campus zu verbannen, wird in der aktuellen Debatte dennoch eher selten vertreten. Vielfach beanstandet wird aber der unreflektierte Umgang mit ihr. In einem australischen Debattenbeitrag, der kürzlich bei University World News erschienen ist, fordern Professor Amir Ghapanchi und Dr. Afrooz Purarjomandlangrudi von der Victoria University etwa die gezielte Förderung von KI-Kompetenz bei Studierenden. Obwohl diese als Digital Natives an die Hochschulen kämen, wären sie oftmals nicht in der Lage, KI-generierte Ergebnisse kritisch zu bewerten.
Die beiden Autoren benennen zwölf wesentliche KI-Kompetenzen, darunter die effektive Eingabe (Prompt engineering) und die Formulierung von Folgefragen, die Fakten- und Qualitätsprüfung, allgemeines Wissen über die Funktionsweise von KI sowie über die Vorteile und Grenzen verschiedener Tools. Weitere Kompetenzen zielen auf eigenständiges Lernen und eine ethische Nutzung von KI ab. KI-Kenntnisse seien in einer sich wandelnden Arbeitswelt unerlässlich, heißt es im Resümee. Einrichtungen, die entsprechende Kompetenzen systematisch förderten, würden Absolventinnen und Absolventen hervorbringen, die dafür gerüstet sind.
hes