Eine Lehrperson steht vor einer Gruppe junger Erwachsener an Computer-Desks in einem Seminarraum.
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Hochschullehre
Studierende messen der Hochschule weiterhin Bedeutung zu – trotz KI

Eine Umfrage unter amerikanischen Studierenden gibt Einblicke in ihre KI-Nutzung. Viele sehen einen negativen Einfluss auf das kritische Denken.

04.09.2025

Für fast 60 Prozent amerikanischer Studentinnen und Studenten haben die rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) keine Auswirkungen auf den Wert ihres Hochschulstudiums, für fast ein Viertel ist die Bedeutung des Studiums dadurch sogar gewachsen. Zu diesem Ergebnis kommt die regelmäßige Umfrage "Student Voice" der Nachrichten-Plattform Inside Higher Ed. Die im Juli durchgeführte Blitzumfrage unter 1.047 Studierenden an 166 öffentlichen und privaten Institutionen legte einen Schwerpunkt auf das Thema generative KI.

KI verändere den wahrgenommenen Wert eines Studiums womöglich gar nicht in der erwarteten Weise, wird Professor Jason Gulya zitiert, der mit der Auswertung der Ergebnisse befasst war. Die Studierenden würden sehr differenziert mit dem Thema KI umgehen. So hätten 55 Prozent der Befragten angegeben, dass die Nutzung von KI gemischte Auswirkungen auf ihren Lernfortschritt habe: Obwohl sie einerseits hilfreich sei, könne sie andererseits tiefgründiges Nachdenken unterbinden. Tatsächlich ablehnend gegenüber KI eingestellt seien aber nur sieben Prozent.

Welchen Stellenwert Wissensvermittlung zukünftig hat

Dass KI den Stellenwert von Wissensvermittlung nicht grundsätzlich verändern wird, stellen auch Professor Alexander Pretschner und Professor Dirk Heckmann in der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre fest, die sich schwerpunktmäßig dem Thema "Künstliche Intelligenz – falscher Hype oder große Chance" beschäftigt. Am Beispiel des Fachs Informatik erläutern die Autoren, dass Studierende weiterhin etwa das Programmieren erlernen müssten, um insbesondere bei potentiell kritischen Anwendungen die Verantwortung für den erzeugten Code übernehmen zu können.

Künstliche Intelligenz – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"

Die September-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich in einem Themenschwerpunkt der Faszination und den Ängsten im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Die Beiträge: 

  • Catrin Misselhorn: Mehr als ein Werkzeug. Reiz und Risiken Künstlicher Intelligenz aus ethischer Sicht 
     
  • Matthias Buschmeier: Verlockung mit Folgen. Zum Einsatz Künstlicher Intelligenz in den Geisteswissenschaften 
     
  • Jürgen Bajorath: Black-Box-Charakter. Künstliche Intelligenz in den Naturwissenschaften 
     
  • Alexander Pretschner | Dirk Heckmann: Tiefgreifende Umbrüche. Künstliche Intelligenz im Lehr- und Prüfungsbetrieb 
     
  • Hannah Ruschemeier: Neue Form der Machtausübung. Künstliche Intelligenz als soziotechnische Entwicklung 
     
  • Oliver Brock | Kristian Kersting: Konstruktionsmerkmale. Zur Intelligenz von Maschinen 
     

Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!

Vergleichbares gelte für andere Fächer: So müssten Juristinnen und Juristen das Handwerkszeug zunächst beherrschen, um in einem zweiten Schritt KI-Werkzeuge sinnvoll in die Fallbearbeitung zu integrieren. Der Nutzen der KI-generierten Antworten hänge jedoch von der Qualität der Eingabe – des Prompts – ab. Die Autoren schlussfolgern, "dass im Studium wieder verstärkt Grundlagen gelegt werden müssen für präzises Denken und klaren Ausdruck sowie für die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden".

Wofür und warum Studierende KI benutzen

Circa 85 Prozent der Teilnehmenden an der "Student Voice"-Umfrage gaben an, im letzten Jahr KI im Rahmen des Studiums genutzt zu haben – zumeist für das Entwickeln von Ideen, als erweiterte Suchmaschine und beim Lernen. Höchstens ein Viertel habe generative KI genutzt, um Aufgaben zu lösen oder ganze Aufsätze zu schreiben. Als Gründe für eine Nutzung, die gegen die akademische Integrität verstößt, vermuten die befragten Studierenden Noten- und Zeitdruck (37 Prozent beziehungsweise 27 Prozent). Auch mangelndes Interesse an entsprechenden Richtlinien werde von gut einem Viertel der Befragten angeführt.

Dass der hohe Leistungsdruck Studierende zur unlauteren Nutzung von KI verleite, betrachtet Gulya als zentrales Problem des US-amerikanischen Bildungssystems. Das Sammeln von Punkten und Noten werde über das Lernen gestellt. Eine Lösung könnten alternative Bewertungsmethoden bieten, die den Lernprozess in den Mittelpunkt stellten und Druck von den Studierenden nähmen.

Den Wert des Lernens betont auch der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Professor Lambert T. Koch, in einem aktuellen Gastbeitrag zum Thema Künstliche Intelligenz in DIE ZEIT: "Was wir brauchen, ist ein neu justiertes pädagogisch-didaktisches Ethos, das den Dialog wieder ins Zentrum stellt: Lernen als gemeinsamer Erkenntnisprozess von Lehrenden und Lernenden, der eigenständiges Denken belohnt."

Was sich die Studierenden von der Uni wünschen

Dringenden Regelungsbedarf sehen beinahe alle befragten Studierenden: Fast 97 Prozent würden laut "Student Voice"-Umfrage eine Reaktion der Bildungseinrichtungen auf die Bedrohung der akademischen Integrität durch KI erwarten. Eher unbeliebt seien jedoch Maßnahmen wie die Einschränkung von Technologien in der Lehre oder KI-Erkennungssoftware. Stattdessen wünsche sich gut die Hälfte der Befragten mehr Aufklärung über den ethischen Einsatz von KI. Insgesamt würde mehr Flexibilität in Verbindung mit mehr Transparenz beim Einsatz von KI gefordert – und zwar für Studierende und Lehrkräfte.

Monitor Digitalisierung 360°

Das Hochschulforum Digitalisierung hat am 4. September 2025 seinen KI-Monitor 2025 vorgestellt. Als allgemeiner Trend lasse sich feststellen, dass sich die institutionelle Verankerung von KI nun beschleunige. Während erst 15 Prozent der Hochschulen eine eigene KI-Strategie verabschiedet hätten, würden weitere 50 Prozent daran arbeiten. Im Vorjahr seien es erst rund ein Drittel der Hochschulen gewesen. 77 Prozent würden sich zudem um datenschutzkonforme Zugänge zu KI-Tools bemühen.


Fast alle Hochschulen (97 Prozent) würden die Auswirkungen von KI auf das Prüfungswesen beobachten. 87 Prozent hätten mit einer Anpassung der Eigenständigkeitserklärung reagiert, bislang seien aber erst an 43 Prozent der Hochschulen die Prüfungsordnungen überarbeitet worden. Hier sieht der KI-Monitor noch ungenutztes Potential für innovative Prüfungsformate.

hes