Hochschulbildung
Studierende verkennen das Schreiben als reine Textproduktion
Studierende sind im akademischen Schreiben oft unsicher. So geht es aus einer britischen Studie hervor, die im Juni im Fachmagazin Educational Developments veröffentlicht wurde. Für die Analyse wurden in der Lehre tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen (Early Career Academics, ECA) aus verschiedenen Fachbereichen befragt.
Basierend auf qualitativen Interviews und Fokusgruppen-Daten analysierte die Studie die Perspektiven der ECAs von verschiedenen britischen Hochschulen auf die Entwicklung von Schreibkompetenzen, akademische Integrität, institutionelle Erwartungen und die praktische Realität der Lehre in Zeiten technologischer Umbrüche. Ziel war es laut Angaben der drei Autorinnen, die Erfahrungen der Hochschullehrenden bei der Unterstützung studentischen Schreibens in der Übergangsphase zu KI-gestützten Lernumgebungen zu verstehen und Handlungsempfehlungen daraus abzuleiten.
Das Autorinnenteam hebt hervor, dass viele Studierende "akademisch klingen" mit der Nutzung komplexer Vokabeln oder formelhafter Wendungen gleichsetzten – die bisweilen von Werkzeugen auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI) generiert wurden – "ohne die Bedeutung dieser wissenschaftlichen Konventionen zu verstehen". Die Verwendung von KI-Schreibtools verstärke diese Unsicherheit im akademischen Schreiben bisweilen, da die Studierenden ihre eigenen Texte zu ihren Ungunsten mit KI-generierten Inhalten verglichen.
Probleme beim Gesamtprozess "akademisches Schreiben"
Die Hochschullehrkräfte haben laut Studie in den Befragungen ausgeführt, dass Studierende nicht nur beim Schreiben selbst Schwierigkeiten hatten, sondern auch bei den kognitiven Prozessen, die dem Schreiben vorausgehen – etwa kritisches Denken, Bewertung, Synthese und Paraphrasieren. "Dies unterstreicht die Bedeutung einer Schreibförderung, die bei der Sinnstiftung ansetzt, anstatt sich auf Korrekturen zu konzentrieren", schlussfolgern die Autorinnen.
Gegenüber Times Higher Education führte die Hauptautorin der Studie, Kiu Sum, aus, dass die Befragten häufig beobachtet hätten, dass Studierende das Schreiben primär als zu erledigende Prüfungsaufgabe betrachteten und weniger als einen Prozess zur Entwicklung von Analyse- und Kommunikationsfähigkeiten sowie fachspezifischen Denkens. Sie würden folglich auch den Zweck schriftlicher Leistungsnachweise in Frage stellen, da KI mühelos Aufsätze und Berichte erstellen könne.
Es sind der Studie zufolge auch Fälle dokumentiert worden, in denen Studierende unbeabsichtigt gegen Regeln wissenschaftlicher Integrität verstoßen hatten, weil sie akademische Konventionen missverstanden oder angenommen hätten, KI-gestütztes Schreiben sei zulässig, solange der Text "originell" wirke. Die Studie ergab, dass Diskrepanzen zwischen den Erwartungen von Studierenden und Lehrenden häufig auf impliziten oder angenommenen disziplinären Normen beruhen.
Unterstützung der Lehrenden in Zeiten technischen Wandels
Die ECAs befürchteten insbesondere in den ersten Studienjahren Lernverluste und die Vernachlässigung wichtiger Entwicklungsprozesse durch eine übermäßige Abhängigkeit von KI. Dr. Nora Hoffmann und Dr. Sarah Schmidt hatten ähnliche Befürchtungen mit ihrer bundesweiten Befragung bei Studierenden deutscher Hochschulen in Bezug auf das Verwenden von KI-Schreibtools festgestellt: "Den Einsatz für das akademische Schreiben beurteilen mit 45 Prozent weniger als die Hälfte als ethisch zulässig und positiv. 50 Prozent haben dabei das Gefühl, weniger selbst geleistet zu haben. 46 Prozent zeigen Bedenken, kritisches Denken zu verlernen", führten Hoffmann und Schmidt in ihrem Beitrag für Forschung & Lehre zum akademischen Schreiben aus. Demnach nutzen Studierende mit höherer selbsteingeschätzter Schreibkompetenz generative KI-Schreibtools seltener.
Gemäß der britischen Studie sehen sich die Lehrkräfte unter Druck, ohne ausreichend institutionelle Unterstützung schnell KI-Kenntnisse erlangen zu müssen; parallel sollen sie den Studierenden den angemessenen Umgang beibringen. Auch fühlten sie sich auf die Vermittlung akademischen Schreibens "nicht ausreichend" vorbereitet.
Das britische Autorinnenteam empfiehlt die Umsetzung einfacher Mechanismen an Hochschulen – wie beispielsweise teamübergreifende Einführungsveranstaltungen für die Lehrkräfte –, um Unklarheiten und Unsicherheiten bezüglich ihrer Rolle und Kompetenzen zu beseitigen. Hoffmann und Schmidt schlussfolgern indes: "Um an den Ursachen für problematische KI-Nutzung Studierender anzusetzen, sollte Schreiben an Hochschulen nicht wie bisher in erster Linie als Prüfungsleistung thematisiert werden. Stattdessen ist es an der Zeit, Schreiben als Weg zum Denken und Lernen in den Vordergrund zu rücken und stärker in die Lehre zu integrieren."
cva