Wissenschaftsfreiheit
US-Philosophieprofessor darf Platon nicht uneingeschränkt unterrichten
Ein Philosophieprofessor der Texas A&M University darf ausgewählte Abschnitte aus Platons "Symposion" nicht unterrichten. Das habe ihm die Departmentleitung zu seinem in der kommenden Woche beginnenden Kurs "Contemporary Moral Problems" mitgeteilt. Professor Martin Peterson solle die Inhalte, die Verweise auf Rasse und Gender enthalten könnten, aus seiner Literaturliste entfernen. Alternativ müsse er eine andere Veranstaltung unterrichten. Das geht aus zahlreichen Berichten US-amerikanischer Medien hervor, darunter die New York Times, Forbes.com und Inside Higher Education.
Neue Regelungen sollen bis zu 200 Kurse betreffen
Vorausgegangen war eine großangelegte Prüfung der Lehrpläne und Kursinhalte an der Universität entsprechend im November 2025 eingeführter neuer Regeln, die auch die Unterrichtsinhalte betreffen. Laut Bericht des philosophischen Nachrichtenportals Daily Nous von Mitte November dürfen an der Universität keine verpflichtenden Kernkurse "Rassen- oder Geschlechterideologien befürworten sowie Themen, die mit sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität zusammenhängen, ansprechen". Für Wahlkurse, die diese Inhalte notwendigerweise thematisieren müssten, sei eine Sondererlaubnis der Hochschulleitung einzuholen.
Die online einsehbaren Regeln enthalten Definitionen, was unter sogenannten Rassen- und Geschlechterideologien verstanden werden soll: Demnach bezeichne Geschlechterideologie die Vorstellung einer selbstgewählten Geschlechtsidentität, die die biologische Kategorie des Geschlechts ersetze und von dieser losgelöst sei. Zur Rassenideologie gehörten Konzepte, die eine bestimmte Rasse oder ethnische Gruppe beschämten und sie als Unterdrücker darstellten oder ihr aufgrund der Handlungen ihrer mutmaßlichen Vorfahren oder Verwandten eine intrinsische Schuld zuwiesen. Untersagt werden auch Kursinhalte, die Aktivismus oder ethnische Zugehörigkeit fördern könnten.
The Texas Tribune berichtete Anfang Januar 2026, dass an der Universität etwa 200 Kurse von den neuen Regeln betroffen sein könnten. Demnach seien bereits Veranstaltungen abgesagt oder aus dem Kernangebot der Hochschule entfernt worden.
Wissenschaftsfreiheit statt untersagter Platon-Texte
Im Fall Peterson handelt es sich um Auszüge aus Platon, in denen Themen wie das Patriarchat, Maskulinität, Geschlechtsidentität und das Menschsein besprochen werden, berichtet Inside Higher Education. Es gehe etwa um den Textausschnitt, in dem der antike Philosoph Aristophanes erzählen lässt, dass es unter den Menschen einst drei Geschlechter gegeben habe, das männliche, das weibliche und eines, das männliche und weibliche Anteile mischte.
Peterson habe sich entschieden, seinen Lehrplan zu überarbeiten und statt der kritisierten Texte nun mit seinen Studierenden über Wissenschaftsfreiheit zu sprechen und dazu auch die Berichterstattung durch die New York Times über seinen Fall zu nutzen. Er wolle, dass die Studierenden wissen, was zensiert worden sei.
Organisationen äußern Kritik, Universität verteidigt Entscheidung
Die Abteilung der Amerikanischen Vereinigung der Universitätsprofessoren (AAUP) an der Texas A&M University hat sich am 7. Januar zu dem Fall geäußert: Die Entscheidung der Hochschule verstoße gegen die verfassungsmäßig geschützte akademische Freiheit. "Eine Forschungsuniversität, die Platon zensiert, gibt ihre Verpflichtung gegenüber der Wahrheit, der Forschung und dem öffentlichen Vertrauen auf", so die Berufsvertretung weiter.
"Eine Forschungsuniversität, die Platon zensiert, gibt ihre Verpflichtung gegenüber der Wahrheit, der Forschung und dem öffentlichen Vertrauen auf." AAUP-Chapter der Texas A&M University
Auch PEN America kritisierte am gleichen Tag den Umgang der Universität mit Peterson: "Die Zensur klassischer Texte im Dienste der politischen Orthodoxie widerspricht den Zielen von Bildung. Universitäten existieren, um Studierende zu anspruchsvollen Fragestellungen anzuregen, und nicht, um Ideen zu unterdrücken, die vielleicht einigen unangenehm sind." Der Vorfall reihe sich in weitere beunruhigende Entwicklungen bei den texanischen Hochschulen in der jüngsten Vergangenheit ein.
Die Texas A&M University äußerte sich gegenüber The Texas Tribune zu den Vorwürfen. Die Anweisung an Peterson sei kein grundsätzliches Verbot, Platon zu unterrichten. Schriften Platons seien schließlich in weiteren Modulen des Kurses zugelassen – abgesehen von den kritisierten Abschnitten.
cpy