Im Morgenlicht vor blauem Himmel ist ein massives Steinschild zu sehen mit der Aufschrift: Texas A&M University.
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Wissenschaftsfreiheit
US-Philosophieprofessor kündigt nach Zensur seiner Lehrinhalte

Petersons gewählte Kursinhalte zu Platons "Symposium" waren von der Texas A&M University verboten worden. Nun wechselt er an eine Privatuniversität.

17.04.2026

"Ich schreibe Ihnen, um Sie darüber zu informieren, dass ich meine unbefristete Stelle an der Texas A&M University zum 31. Juli 2026 kündige", schrieb der US-Philosophieprofessor Martin Peterson vor einigen Tagen an den Interims-Dekan Dr. Simon North. So ist es in zahlreichen Medienberichten und Postings auf sozialen Plattformen zu lesen. 

Dieser Kündigung vorangegangen war eine großangelegte Prüfung der Lehrpläne und Kursinhalte an der Universität, die den neu eingeführten "Systemrichtlinien" von November2025 entsprechen. Demnach dürfen verpflichtende Kernkurse weder "Rassen- oder Geschlechterideologien befürworten noch Themen, die mit sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität zusammenhängen", überhaupt erst ansprechen. Die daraus resultierenden Zensuren hatten neben 200 weiteren Kursen auch die Inhalte von Petersons Kurs zu aktuellen moralischen Fragen betroffen.

Studiengänge im Bereich Frauen- und Geschlechterforschung werden schrittweise komplett eingestellt, teilte die Vizepräsident der Universität, Dr. Alan Sams, in einer öffentlichen Erklärung Ende Januar mit. 

Kündigung im Namen der akademischen Freiheit 

In Folge der Inhaltsverbote haben laut Online-Berichten des lokalen TV-Senders Spectrum News im Januar zahlreiche Demonstrationen für die Wissenschaftsfreiheit stattgefunden. "Wir sind heute hier, weil Texas A&M sich für Zensur statt Bildung entschieden hat", sagte des TV-Senders Leonard Bright, Professor an der Bush School of Government and Public Service der Texas A&M University. Er ist außerdem Präsident der Ortsgruppe der American Association of University Professors (AAUP). Peterson habe ebenfalls teilgenommen. Auf seinem Transparent hat demzufolge gestanden: "Man muss es nicht glauben, aber Rasse und Gender müssen in Diskussionen thematisiert werden dürfen." 

"Man muss es nicht glauben, aber Rasse und Gender müssen in Diskussionen thematisiert werden dürfen." 
Martin Peterson, Philosophieprofessor, Texas A&M University

Peterson wird im Sommer an die Southern Michigan University (SMU) in Dallas wechseln und begründet dies mit Bedenken hinsichtlich der akademischen Freiheit: "Ich lehne die neuen Zensurregeln des Kuratoriums strikt ab. Keine andere ernstzunehmende Forschungsuniversität besitzt derartige Verbote. Als Vorsitzender des Rats für akademische Freiheit betrachte ich dies als unrechtmäßige Verletzung eines der bedeutsamsten Grundprinzipien der Wissenschaftsfreiheit", schreibt er in seinem Brief. 

Der Philosophieprofessor betont, dass er die vielen Professorinnen und Professoren im ganzen Land bewundere, die bereits eine Kündigung "der Befolgung illegaler und unmoralischer Befehle" vorgezogen hätten. Seines Wissens nach hätte sich niemand aus dem Hochschulmanagement der Texas A&M University durch die Verteidigung der akademischen Freiheit hervorgetan. "Die Lehrpläne sollten von der Fakultät und nicht von einem politisch ernannten Gremium bestimmt werden", erläutert er seine Position. 

"Sie versuchen nicht, die Studierenden mit republikanischer oder irgendeiner anderen Ideologie zu indoktrinieren, und so sollte es auch sein"
Martin Peterson, Philosophieprofessor, Texas A&M University

In einem Interview mit dem TV-Sender FOX26 Houston hob er am 10. April hervor, dass private Einrichtungen nach wie vor gut funktionierende, seriöse Forschungsuniversitäten seien. "Sie versuchen nicht, die Studierenden mit republikanischer oder irgendeiner anderen Ideologie zu indoktrinieren, und so sollte es auch sein", argumentierte er. Die eigentlichen Opfer seien die Studierenden. Aber auch sie hätten etwas darüber gelernt, was es bedeutet, eine gute Bürgerin beziehungsweise ein guter Bürger zu sein und für grundlegende Freiheiten und Rechte einzustehen. 

Viel Verständnis und Fürsprache in der Wissenschafts-Community 

Spectrum News berichtete am 14. April, dass die Inhaltsanpassungen auf ein 2025 verabschiedetes Landesgesetz in Texas zurückgehen, das von dem ehemaligen republikanischen Senator Brandon Creighton initiiert worden war. Dieser habe öffentlich kundgetan, es gebe "so einiges an Schrott in den Lehrplänen der amerikanischen Universitäten". Das Gesetz räumt den Leitungsgremien öffentlicher Hochschulen mehr Kontrollbefugnisse über die Lehrpläne ein. 

Auf sozialen Plattformen amüsieren sich Kritikerinnen und Kritiker der restriktiven Regeln an der Texas A&M University seit einigen Monaten offen darüber, dass Platon wohl zu "woke" sei. Ein Ausdruck, der die Aufmerksamkeit für Minderheitenrechte und Rassismus beschreibt und insbesondere von der US-Regierung unter Donald Trump abwertend für "links ideologisierend" benutzt wird. Platon-Kenner David Turnbull schreibt in seinem Substack-Beitrag, dass Studierende aus Protest „Platon-Sitzblockaden“ organisierten und öffentliche Lesungen aus "Das Symposium" standfanden. Im besagten Text liebten Männer Frauen, Männer und Jungen, während Frauen Männer und Frauen liebten. "Vielleicht war das genug für die Verantwortlichen, um einen Text zu verbieten, der die westliche Kultur seit 2500 Jahren maßgeblich geprägt hat", resümiert der Autor. 

Als die Dallas Morning News ihren Online-Beitrag zur Kündigung Petersons am 17. April auf der Social-Media-Plattform facebook veröffentlichte, folgten direkt solidarische Kommentare. "Gut gemacht, Professor. Meine Alma Mater ist in mehr als einer Hinsicht eine absolute Schande" und "Zu meiner Zeit lehrten die Philosophieprofessorinnen und -professoren der A&M das gesamte Werk Platons" oder "Die Verantwortlichen für die Zensur in der texanischen Republikanischen Partei sollten sich schämen. Es ist beschämend, was sie mit der Hochschulbildung in diesem Bundesstaat anstellen" ist da zu lesen. Auf LinkedIn heißt es, Peterson sei ein Beispiel für die vielen hervorragenden Professorinnen und -Professoren, die Universitäten verlassen haben und verlassen werden, welche der akademischen Freiheit und der Hochschulbildung als öffentlichem Gut den Rücken gekehrt haben. Peterson sei ein gutes Beispiel für alle anderen Hochschullehrenden. 

Inhaltsüberprüfungen an der Texas A&M weiter im Vollzug 

Zum kommenden Sommer- und Herbstsemester 2026 weist der Vizepräsident der A&M University auf der Hochschul-Website darauf hin, dass die Hochschullehrenden in Zusammenarbeit mit den Fachbereichsleitungen und Dekanen die Überprüfung der Lehrpläne mittels einer eigens dafür eingerichteten internen FAQ-Seite vollziehen können. "Zur Erinnerung: Pflichtkurse dürfen keine Inhalte vermitteln, die gemäß Systemrichtlinie 08.01 verboten sind, und können daher nicht durch einen Ausnahmeantrag erlaubt werden", heißt es dort. 

Ausnahmeanträge würden anhand verschiedener Faktoren bewertet: 

  • der Übereinstimmung mit dem Lehrplan,
  • des Niveaus des Kurses (zum Beispiel Bachelor, Master oder Promotion),
  • ob der Kurs Pflicht- oder Wahlfach ist,
  • des Bildungszwecks der Inhalte,
  • deren Anteil am Kursinhalt und
  • ob die Einbeziehung der Inhalte zur Erfüllung der Akkreditierungsanforderungen erforderlich ist. 

Ein Ad-hoc-Ausschuss aus Dozierenden und Verwaltungsangestellten prüfe die Anträge und entscheide, ob die Begründung belege, dass die Inhalte dem erwarteten Wissensstand des Fachbereichs entsprechen und für den Kurs notwendig sind. Die Empfehlungen des Ausschusses würden anschließend dem Prorektor und danach dem Präsidenten zur endgültigen Entscheidung vorgelegt.

cva