Dozentin steht in einem Seminarraum vor mehreren Studierenden
mauritius images / Cultura / Phil Boorman

Gesprächsebenen
Wieviel Autorität braucht die Hochschullehre?

In den digitalen Semestern wächst das Kontaktbedürfnis zwischen Lehrenden und Lernenden. Braucht es post-Corona eine neue Form des Miteinanders?

Von Christiane Bender 16.02.2021

In den 90er Jahren erhielt meine Schwester die Zulassung zum Besuch literaturwissenschaftlicher Vorlesungen. Damit ging ein langgehegter Wunsch in Erfüllung, endlich an dem Privileg teilzuhaben, sich unter der Leitung höchster wissenschaftlicher Professionalität mit ihrer so geliebten deutschen Literatur auseinanderzusetzen. Aber fassungslos und enttäuscht brach sie den Besuch nach einigen Semestern ab. Ob Weimarer Klassik, Thomas Mann oder die Nachkriegsliteratur den Gegenstand bildeten, eine permanente Unruhe und Lärmkulisse ließen jedes konzentrierte Zuhören im vollen Hörsaal zur Qual werden. Es herrschte ein Kommen und Gehen, verbunden mit lautem Hochklappen der Sitze, reihenweise erzwungenem Aufstehen und Hinsetzen der Bleibenden. Manche unterhielten sich laut, bisweilen brach Gelächter los. Der Grad der Respektlosigkeit gegenüber der Lehrkraft war erschreckend. Deren Interventionen, nachhaltig die Situation zu beruhigen, schlugen fehl. Ähnliche Verhaltensmuster waren damals auch aus den Sozialwissenschaften bekannt.

Zwanzig Jahre später begann sich das Szenario in den Hörsälen der Geistes- und Sozialwissenschaften zu wandeln. Es kehrte Ruhe ein, mitunter sogar Stille. Eine Kollegin war misstrauisch genug, darin nicht unbedingt ein Zeichen für den Lerneifer ihrer Zuhörerschaft zu sehen. Sie beging das Sakrileg, unangekündigt nach der Halbzeit ihrer Vorlesungsreihe zum Thema "Schweden, Deutschland, USA – Wohlfahrtsstaaten im Vergleich" (die englische Bezeichnung welfare regimes wurde eingeführt) einen schriftlichen Test durchzuführen. Ein Fünftel der Teilnehmer beantwortete die Frage nach den behandelten Regimebeispielen mit Libyen, Syrien, Algerien – Staaten, die niemals in der Veranstaltung erwähnt worden waren. Das Resultat zeigte deutlich: Die smarten multifunktionalen Kommunikationsgeräte der Studierenden ließen die räumlich abgegrenzte Exklusivität eines Hörsaals zur Illusion werden. Sie bescherten der studentischen Aufmerksamkeit einen jederzeit zugänglichen Fluchtweg in das Universum der persönlichen Kommunikation und Datenvielfalt dieser Welt. Der Grund für die Anwesenheit im Hörsaal geriet dabei außer Betracht, nämlich sich durch konzentriertes Zuhören auf den Weg der Gedanken zu begeben, in die Methode der Explikation, Prüfung und Weiterentwicklung des Wissens – welche in jeder guten Vorlesung demonstriert wird.

Mit Aufhebung der Anwesenheitspflicht in einigen Bundesländern beobachten Lehrende erneut ein verändertes Szenario: Viele Studierende sehen sich zum Vorlesungsbesuch gezwungen, um die Modulabschlussklausur zu bestehen, die seit der Bologna-Reform eine Disziplinierungsfunktion ausübt. Aber wenn ein heikles Thema multiperspektivisch angesprochen wird, etwa Migration, fühlt sich ein Teil der Zuhörerschaft unwohl, von unangenehmen Trigger-Assoziationen belästigt und verlässt den Hörsaal. Einst gehörte es zu den geistes- und sozialwissenschaftlichen Tugenden, "heiße Eisen" in ihrem komplexen Ursachen- und Wirkungsgeflecht zu analysieren und darüber aufzuklären, aber heutzutage wird das von Studierenden, die sich nach einem "safe space" im Hörsaal und nach einer Abhandlung ausschließlich aus einer Perspektive sehnen, nicht akzeptiert.

Autorität versus autoritär

In den vielen Jahrzehnten, in denen volle Hörsäle und mangelnde Aufmerksamkeit der Zuhörenden zu den alltäglichen Erfahrungen von Lehrenden gehören, fanden Diskussionen über den Technikeinsatz in der Lehre statt, etwa ob Folien, Power-Point-Präsentation oder Videos geeignete Hilfsmittel seien, das Verständnis des gesprochenen Worts zu erleichtern. Ein Thema aber kam und kommt selten in Debatten über die Hochschullehre zur Sprache: die Bedeutung der Autorität beziehungsweise der Ausübung der Autorität der Lehrenden, insbesondere dann, wenn Studierende nicht die Fähigkeit zum konzentrierten Zuhören als erlernte Kulturtechnik aus der Schule an die Universität mitbringen. Wird es angesprochen, beendet das folgende Argument die Diskussion: An der Universität habe man es mit Erwachsenen zu tun, die wissen, was sie tun, und da müsse es respektiert werden, wenn nicht zugehört werde; alles andere sei übergriffig, geradezu "autoritär".

Nach Monaten mit Online-Lehre artikulieren Studierende das Bedürfnis nach mehr unmittelbarem Kontakt zu "ihren" Lehrenden. Es ist nun zu fragen, wenn nach dem Ende der Pandemie schrittweise zur Präsenzlehre zurückgekehrt wird, ob seitens der Lehrenden ein Neuanfang gelingt und sie für sich und "ihre" Studierenden dort neue Akzente setzen, wo dies bei vorurteilslosem Rückblick notwendig erscheint. In keiner anderen Bildungs- und Ausbildungsstätte nehmen Erwachsene für sich das Recht in Anspruch, andere Zuhörer durch Störungen zu beeinträchtigen, und wenn es versucht wird, so erfolgen Sanktionen. Die Rückkehr in den Hörsaal sollte durch eine sich gegenseitig verstärkende Lust am Gewinn von Einsichten geprägt sein und der Hörsaal als ein besonderer kultureller Ort der Freiheit des wissenschaftlichen Lernens und Lehrens in Erinnerung gerufen und als solcher auch erfahrbar werden.

"Die Rückkehr in den Hörsaal sollte durch eine sich gegenseitig verstärkende Lust am Gewinn von Einsichten geprägt sein."

Die Präsenzvorlesung lässt sich nicht durch das digitale Bereitstellen von Materialien ersetzen. Es geht an der Universität um "kognitive Verlinkungen", um die genuin wissenschaftliche Methode der Analyse, die von der Zuhörerschaft durch Mit- und Nachdenken zu verinnerlichen ist, und wenn das nicht gelingt, sind Wiederholungen erforderlich (in der Vorlesung, am Ende und/oder im begleitenden Seminar). Wenn diese konzentrierte Arbeit am Begreifen nicht selbstverständlich praktiziert werden kann, sind die Lehrenden in der Verantwortung – im eigenen Interesse an ihrer Lehre, am Logos, und im Interesse der Studierenden am Lernerfolg –, dafür die Bedingungen zu schaffen. Die Macht dazu haben sie allemal. "Das Bedürfnis nach Autorität ist elementar" (Richard Sennett), auch im Hörsaal. Autorität üben Lehrende aus, die ihre statusbedingte Macht zur Herstellung einer auf den Lernerfolg der Studierenden ausgerichteten Lernsituation umsetzen. Darauf zu verzichten bedeutet, den "amorphen" (Max Weber), zerstörerischen Gegenkräften den Hörsaal zu überlassen. Bezahlen müssen es die Studierenden, die irgendwann einmal feststellen oder gespiegelt bekommen, merkwürdig wenig gelernt zu haben und dem weithin in der Arbeitswelt verbreiteten disziplinierten Lern- und Lehrstil nicht gewachsen zu sein.

Gegenwärtig verlassen sukzessive die Lehrenden aus der Generation der Babyboomer die Hochschulen. Viele von ihnen lehnten Autorität ab, getreu nach Adornos Maxime: "Ohne Leitbild". Sie waren und sind dennoch von den "ganz großen" Lehrenden (beispielsweise Habermas, Luhmann) beeinflusst, die damals ohne Vorrede und Folie in ihr Thema einstiegen und die sich bei Hunderten von anwesenden Studierenden im Hörsaal, viele stehend oder auf dem Boden sitzend, einer konzentrierten Gefolgschaft ihrer Gedankengänge und -sprünge gewiss sein konnten. Diese Innigkeit zwischen den Stars ihrer Fächer und den Studierenden wird sich vorerst nicht wiederholen. Tempi passati, zum Nachtrauern besteht kein Anlass. Der Besitz des Smartphones gibt den heutigen Studenten und Studentinnen eine ihr Selbstbewusstsein stärkende Machtempfindung, über einen Zugang zu umfangreicheren Informationen zu verfügen, noch dazu passend zum eigenen Weltbild, als ihnen die subjektiv beschränkte Wissensvermittlung im Vortrag eines/einer Lehrenden jemals wird bieten können.

Außerdem: Die heutigen Studierenden, deren schulische Karrieren zwar zum Abitur, aber nicht immer zur Hochschulreife geführt haben, kommen aus heterogenen Milieus: Als Nachkommen von Eltern, die aufgrund ihres einst hochmotiviert angeeigneten Bildungskapitals einen sozialen Aufstieg vollzogen haben, erscheint ihnen die Zulassung zum Studium als Selbstverständlichkeit, und ihre Vorstellung vom guten Leben verwirklichen sie nicht in erster Linie durch den akademischen Bildungsprozess. Andere Studierende kommen aus einem bildungsfernen Milieu und benötigen zusätzliche Unterrichtung, um zu verstehen, worum es überhaupt in den Geistes- und Sozialwissenschaften geht, möglicherweise müssen sie sich erst von Überzeugungen lösen, Wahrheit sei lediglich ein Irrtum oder eine Funktion des Inhabers einer politischen, religiösen oder familialen Position. In dieser Situation kann ein Lernerfolg nur gelingen, wenn die Lehrkräfte auf Einhaltung der Regeln konzentrierter Aufmerksamkeit bestehen und das Vorlesungsgeschehen streng ritualisiert abläuft: Wiederholung der zentralen Gedanken der letzten Vorlesung, Vortragen, Verständnisfragen beantworten, Pause, Fortsetzung des Vortrags und Abschlussgespräch mit Kritik. Wenn sich Studierende darauf nicht einlassen, gefährden sie den Lernprozess ihrer Kommilitonen und Kommilitoninnen und müssen den Hörsaal verlassen.

Ein solches Vorgehen seitens der Lehrkraft ist nicht autoritär, denn es ist am guten Ziel des Lernerfolgs der Studierenden, am Respekt vor dem eigenen Tun und am Sinn des uralten Kulturguts Vorlesung orientiert. Die "Laisser-Faire"-Haltung, die bei der "Boomer"-Generation in der Lehre beliebt war und ist, nämlich die Zuhörenden sich selbst zu überlassen und ab und zu hilflos um Aufmerksamkeit zu bitten, baut das vorhandene Macht- und Konfliktpotential im Hörsaal nicht ab, es verlagert sich auf die Studierenden, die ihre Chance zur Bildung von Gegenmacht wahrnehmen und sich darauf vorbereiten, ihre erwartbar schlechten Noten in der Klausur auf keinen Fall hinzunehmen. Hinzu kommt eine große Gefahr, dass diejenigen, die sich semesterweise an respektloses Verhalten gewöhnt haben, sich nur dann zu diszipliniertem Verhalten gegenüber Vortragenden bereitfinden, wenn diese autoritär auftreten.

Wichtige Kulturtechniken

Zum Schluss sei erinnert: In der Blütezeit der attischen Demokratie ist die hohe Kunst der gepflegten Reden (Rhetorik) und des Zuhörens (nicht zu Mythen, sondern zu Argumenten) entstanden. Die Athener folgten dem Politiker, der sie überzeugte. Ihr Interesse, geduldig zuzuhören, war zudem inspiriert durch die Chance, selbst einmal ein politisches Amt (etwa durch das Los) zu erringen, in welchem sie Rede und Antwort zu stehen hatten. Vortragen und konzentriertes Zuhören sind Kulturtechniken, die heutzutage erst recht zur Praxis einer stabilen repräsentativ-parlamentarischen Demokratie gehören. Wenn sie nicht beherrscht werden, so liegt jedoch die Verantwortung nicht allein bei jenen, die sie nicht gelernt haben, sondern auch bei denen, die es ihnen ermöglicht haben, sie nicht zu lernen.

0 Kommentare