Philipp Humbsch steht beim Erste-Hilfe-Kurs vor einer Grundschulklasse
Pépinière e.V.

Interview mit dem Studenten des Jahres "Wir brauchen mehr Menschen mit Zivilcourage"

Der Medizin-Student Philipp Humbsch bietet Erste-Hilfe-Kurse an Schulen an. Damit will er auch politisch etwas bewegen.

16.02.2018

F&L: Mit Ihrer Initiative "Jeder kann ein Held sein" bieten Sie mit Ihrem Team ehrenamtlich in Brandenburg Erste-Hilfe-Kurse an Grundschulen und Förderschulen an – warum dieser Fokus?

Philipp Humbsch: Die meisten Menschen nehmen als verpflichtende Voraussetzung für den Führerschein an Erste-Hilfe-Kursen teil. Die Motivation lässt dabei oft zu wünschen übrig. Kinder dagegen sind unendlich begeisterungsfähig und interessiert. Außerdem haben sie keine Berührungsängste. Wenn sie nach den Kursen nach Hause kommen, spielen sie das, was sie gelernt haben, mit ihren Eltern nach. Diese wiederum merken, dass sie sich nicht mehr in allen Aspekten sicher fühlen und nehmen vielleicht auch noch einmal an einem Kurs teil. So erzielen wir eine sehr große Reichweite. Mittelfristig wollen wir erreichen, dass Erste-Hilfe-Kurse von der Kultusministerkonferenz in den Grundschullehrplan aufgenommen werden.  

F&L: Nehmen die Kinder die Informationen denn bereits so jung auf?

Philipp Humbsch: Unsere Auswertungen haben gezeigt, dass Kinder ab der dritten Klasse den Stoff bereits sehr gut aufnehmen und anwenden können. In der ersten und zweiten Klasse fällt es ihnen zum Beispiel schwer, eine künstliche Beatmung durchzuführen. Trotzdem können wir dann bereits ein Bewusstsein für die Bedeutung von erster Hilfe schaffen und das brauchen wir dringend in Deutschland. Deutschland hat kein Recht, Leute liegenzulassen. Wir brauchen unbedingt mehr Menschen mit Zivilcourage, die anderen helfen. In Polen oder den skandinavischen Ländern rufen Passanten viel häufiger den Notdienst als in Deutschland. Hier schauen zu viele Menschen weg. Und wenn ich im Einsatz als Rettungssanitäter mit Autofahrern diskutieren muss, warum sie eine Rettungsgasse bilden sollen, erschüttert mich das einfach nur.

F&L: Wie vereinbaren Sie Arbeit und Ehrenamt mit Ihrem Medizin-Studium?

Philipp Humbsch: Da muss ich ganz ehrlich sagen, dass man Abstriche machen muss. Bei mir muss es dann eben auch schon einmal eine schlechtere Note tun. Dennoch habe ich bisher alle Prüfungen bestanden und bin in der Regelstudienzeit. Ich glaube, dass ich durch den engen Zeitrahmen fokussierter arbeite und mich nicht so viel ablenken lasse. Meine ehrenamtliche Tätigkeit kann ich mir für immerhin vier Unterrichtseinheiten pro Semester anrechnen lassen. Das ist hilfreich, weil im Medizin-Studium die Anwesenheitspflicht gilt und wir an 85 Prozent der Semesterstunden teilnehmen müssen. Die Anrechnung steht aber natürlich nicht im Verhältnis zu meinen tatsächlich aufgebrachten Stunden im Ehrenamt.  

F&L: Sie sammeln eine Menge praktischer Erfahrungen außerhalb Ihres Studiums – wie steht es Ihrer Meinung nach um den Praxis-Anteil im Studium?

Philipp Humbsch: Die Charité, an der ich studiere, gibt sich meiner Meinung nach wirklich Mühe, möglichst viele Praxis-Einheiten in das Studium einzubinden. Ein Problem dabei ist nur, dass Dozenten oft aus Veranstaltungen gerissen werden, weil sie eben auch Ärzte sind und zu Patienten müssen. Da müsste sich meiner Meinung nach etwas ändern. Hier wird an der falschen Stelle gespart. Was mir gegenüber anderen Kommilitoninnen und Kommilitonen, glaube ich, helfen wird, ist meine Arbeit mit Kindern, weil Kinder in Studieneinheiten nicht als Testpersonen eingesetzt werden. Die Medizin ist eine sehr soziale Naturwissenschaft. Wenn ich gelernt habe, einem Kind zu erklären, was eine bestimmte Krankheit bedeutet oder warum ich als Arzt etwas Bestimmtes mache, hilft mir das später in meinen Patientengesprächen.

Die Fragen stellte Katrin Schmermund.