Forschung
Wissenschaftliche Vorträge meist humorlos
Humorvolle Kommentare im Rahmen von wissenschaftlichen Präsentationen können dabei helfen, das Eis zwischen Vortragenden und Zuhörenden zu brechen. Dabei muss ein Witz nicht einmal große Lacher hervorbringen. Daher rät ein internationales Forschungsteam zu mehr Mut zu Humor in Vorträgen. Zwischen 2022 und 2024 hatten die Forschenden Daten bei insgesamt 531 Präsentationen auf 14 Biologie-Konferenzen gesammelt und dabei 870 Witze gezählt. Das Team wollte nicht nur wissen, wie, sondern auch welche Art von Scherzen auf wissenschaftlichen Konferenzen eingesetzt wird und wer besonders dazu neigt, eine Prise Humor in Vorträge einzustreuen. Die Studie wurde am 18. März in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass ein großer Teil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (41,9 Prozent) keine Witze in seine Vorträge einbaut. In den meisten Fällen (42,2 Prozent) waren humoristische Kommentare improvisiert und bezogen sich auf komische Momente wie Probleme mit der Technik oder auf die Nervosität der Sprechenden selbst. 18,5 Prozent der Scherze zielten darauf ab, die Zuhörerschaft an das Thema zu binden, beispielsweise durch Anspielungen auf die Arbeit in der Wissenschaft oder Anekdoten aus der praktischen Forschung.
Geringe Erfolgsquote sollte nicht abschrecken
Die unmittelbare Erfolgsrate der Witze fiel gering aus. Nur auf neun Prozent folgte großes Gelächter, während 67 Prozent keine Reaktion oder nur leichtes Glucksen hervorriefen. Den Autorinnen und Autoren der Studie zufolge sollte dies Forschende jedoch nicht davon abhalten, ihre Vorträge lustig zu gestalten. Auch erfolglose humoristische Bemerkungen zu Beginn der Präsentation könnten das Publikum auflockern und es für spätere Lacher erwärmen. Scherze inmitten sowie am Ende des Vortrags erhöhten demnach die Aufmerksamkeit und sorgten dafür, dass er den Zuhörenden in Erinnerung blieb.
Ausbleibende Reaktionen auf Witze zu Beginn eines Vortrags hängen laut Forschungsteam mit der Erwartungshaltung des Publikums zusammen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besuchten Konferenzen nicht in der Erwartung, spontan zu lachen. Vortragende müssten daher aktiv darauf hinarbeiten, ihr Publikum an einen humorvollen Beitrag heranzuführen. Dazu diene beispielsweise ein skurriler Vortragstitel oder die Variation des Sprechtempos und der Tonhöhe, um lustige Bemerkungen zu kennzeichnen.
Soziale Erwartungen beeinflussen Humor in der Wissenschaft
Bemerkenswert ist dem Autorenteam zufolge, dass Männer eher dazu tendierten, Witze zu erzählen und dass sie mit neun Prozent höherer Wahrscheinlichkeit Lacher ernteten als Frauen. Dies führen die Forschenden auf geschlechtsspezifische Erwartungen in der Wissenschaft zurück. Frauen, die in männlich geprägten Umfeldern Humor verwendeten, verstießen demnach gegen vorhandene Geschlechternormen und müssten soziale Sanktionen befürchten. In informellen Gesprächen im Kontext der Konferenzen bestätigten Teilnehmerinnen dies. Nach eigenen Aussagen hatten sie Angst, durch den Einsatz von Humor unprofessionell zu wirken und so die eigene Karriere zu gefährden.
Im Interview mit dem Online-Portal Science ordnet der an der Studie beteiligte Ökologe Dr. Stefano Mammola ein: "Hier wird deutlich, dass Ungleichheit im akademischen Bereich viele Dinge betrifft. Ein Teil der Lösung ist, den Status quo zu ändern, diese Themen zu diskutieren und sie ans Licht zu bringen."
Der Zusammenhang zwischen Professionalität und Humor zeigt sich auch in einem anderen Aspekt: Vortragende, die sich in frühen Phasen ihrer Karriere befanden, schilderten laut Studie, dass Mentorinnen und Mentoren ihnen explizit geraten hätten, im Hauptteil ihrer Vorträge auf Witze zu verzichten. Die berufliche Norm grenze also Humor von "ernster Wissenschaft" ab. Grundsätzlich zeigten die Ergebnisse jedoch keinen unterschiedlichen Einsatz lustiger Bemerkungen nach Karrierestufen, so das Autorenteam.
Humor kann ein Gefühl von Gemeinschaft erzeugen
Witze in wissenschaftlichen Vorträgen angemessen einzusetzen, ist laut Autorenteam eine schwierige Aufgabe. Dennoch raten sie nicht davon ab. Im Gegenteil: "Zum richtigen Zeitpunkt und in angemessener Form wird Humor in Präsentationen zu einem Mittel, um Verbindungen und ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen." Auf diese Art könnte es beispielsweise dabei helfen, Imposter-Gefühle, das heißt die Wahrnehmung, eigene Erfolge nicht verdient zu haben und als Betrügerin oder Betrüger entlarvt zu werden, zu reduzieren. Dabei komme es nicht auf den perfekten Scherz an, sondern vor allem auf Authentizität und Menschlichkeit.
Ein weiterer Vorteil lustiger Auftritte ist laut Studie die Chance, einen unvergesslichen Eindruck zu hinterlassen. Gerade angesichts der Fülle an Artikeln, Konferenzen und Vorträgen sei es wichtig, sich aus der Menge abzuheben, sagt Mammola gegenüber Science: "Die Fähigkeit, sich von der Menge abzuheben und die Zuhörerschaft effektiv anzusprechen, ist etwas Wichtiges, worüber wir uns Gedanken machen müssen."
Diese Empfehlungen lassen sich auch auf die Hochschullehre anwenden. "In einer angespannten Situation kann ein gut platzierter humorvoller Kommentar Spannung lösen und die Aufmerksamkeit der Studierenden zurückgewinnen", schrieb Professor Harald Groß in Forschung & Lehre. Wie die Autorinnen und Autoren der Studie betont auch er die Bedeutung von Authentizität und Flexibilität in der Anwendung humoristischer Elemente, die Vertrauen, Integrität und Verbundenheit zu den Studierenden förderten und deren Engagement erhöhten.
hae