Umfrage
Die meisten europäischen Unis wollen nachhaltiger sein
Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit bringen vielfältige Vorteile für Universitäten mit sich, im Campusleben, bei Forschungs- und Innovationsmöglichkeiten sowie wirtschaftliche Vorteile durch Kosteneinsparungen. Das geht aus der heute veröffentlichten Umfrage der Europäischen Hochschulvereinigung (European University Association, EUA) zu Nachhaltigkeit hervor, an der 400 Hochschulen aus 43 Ländern teilgenommen haben. Auch 43 deutsche Hochschulen haben sich beteiligt.
Im Vergleich zur erstmaligen Umfrage 2021 hat laut dem Autorenteam Henriette Stoeber und Michael Gaebel eine Verlagerung hin zu institutionellen Richtlinien und strategischeren, stärker integrierten Ansätzen stattgefunden. Die meisten Initiativen basierten auf freiwilliger Verpflichtung und der Einbindung interner und externer Interessengruppen. Fast alle Befragten (95 Prozent) verfügen demnach inzwischen über konkrete Governance- und Steuerungsmechanismen für Maßnahmen in den Bereichen Nachhaltigkeit und Ökologisierung. Europäische und nationale Fördermittel werden der Umfrage zufolge als wichtigste Finanzierungsquellen für Nachhaltigkeitsaktivitäten bewertet.
Nahezu alle befragten Einrichtungen setzen für einen umweltfreundlichen Campus Maßnahmen um wie ein Recycling- und Abfallmanagement, Begrünung, die Priorisierung erneuerbarer Energiequellen, die Verbrauchsreduzierung von Ressourcen sowie nachhaltige Sanierung. Etwas weniger verbreitet, aber dennoch von mehr als 60 Prozent der Hochschulen angewendet, sind demzufolge Maßnahmen, die nachhaltigen Verkehr fördern, die Verwendung von verantwortungsvoll produzierten Lebensmitteln und die Anwendung einer Lebenszykluskostenrechnung.
Beteiligte aktiv einbinden: Campusleben, Lehre, Forschung
Alle teilnehmenden Institutionen führen laut Umfrageergebnissen Sensibilisierungs- und Kommunikationsinitiativen zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz durch, 95 Prozent bieten Schulungen und Kapazitätsaufbau zum Thema für Mitarbeitende an. An 83 Prozent der Hochschulen seien die institutionenweiten Nachhaltigkeitsziele in die Ziele der Fakultäten und Fachbereiche integriert. Allerdings sei die Anerkennung des Engagements der Mitarbeitenden wenig etabliert: Nur 60 Prozent der akademischen Einrichtungen berücksichtigten dieses bei der Bewertung der Karriereentwicklung.
Alle Befragten engagieren sich laut Umfrage aktiv mit anderen Hochschulen und in ihrer lokalen Gemeinschaft für Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Die meisten gingen außerdem Partnerschaften mit Studierendengruppen oder -organisationen ein. Maßnahmen für nachhaltige Mobilität werden laut Bericht eher empfohlen als gefördert oder vorgeschrieben. Virtueller Austausch von Mitarbeitenden beziehungsweise Studierenden als Alternative zur physischen Mobilität werde von 49 Prozent beziehungsweise 44 Prozent der Institutionen gefördert.
Drei Viertel der Institutionen engagieren sich aktiv dafür, Nachhaltigkeit stärker in ihre Forschungs- und Innovationsaktivitäten zu integrieren. Jedoch verfügt laut EUA-Bericht nur rund ein Fünftel über entsprechende Nachhaltigkeits- und Umweltrichtlinien, um beispielsweise den ökologischen Fußabdruck der Laborforschung zu reduzieren, Forschungs- und Innovationsaktivitäten zum Thema gezielt zu fördern, die ökologische Nutzung eigener oder gemeinsam genutzter Forschungsinfrastrukturen zu unterstützen oder Reallabore für die Kooperation zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu betreiben. Forschungskooperationen mit CO₂-intensiven Industrien werden an etwa einem Drittel der Institutionen geprüft.
68 Prozent der Hochschulen deckten sowohl grüne Kompetenzen als auch die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs) in einigen Studiengängen oder Disziplinen ab. Etwas mehr als ein Viertel biete Pflichtmodule zum Thema für alle oder die meisten Studierenden an.
Schwerpunkt "Nachhaltigkeit"
Der Mensch nutzt die Ressourcen der Erde für seine Zwecke. Dabei entnimmt er mehr Rohstoffe als die Natur regenerieren kann. Weltweit versuchen Menschen, dem entgegenzuwirken, auch an Hochschulen. Wir haben herausragende Aspekte des Themas für Sie in unserem Online-Schwerpunkt "Nachhaltigkeit" zusammengetragen.
Keine Kernaufgabe, aber erkennbare Vorteile
Die Werte und das Engagement der Hochschulleitung sind laut Bericht die Hauptmotivatoren für das Bemühen um Ressourcenschonung und Umweltschutz: Fast alle Institutionen bewerten die Verbindung von Nachhaltigkeit mit ihren institutionellen Werten als sehr wichtig (66 Prozent) oder wichtig (33 Prozent). Für 88 Prozent der Befragten sei eine gesteigerte Effizienz, beispielsweise beim Energie- und Materialverbrauch, ein weiterer wichtiger Motivationsfaktor. Über 80 Prozent bewerten europäische Fördermittel sowie europäische Leitlinien und politische Ziele als sehr wichtig bis wichtig.
Mehr als drei Viertel der Hochschulen sehen den Umfrageergebnissen zufolge starke bis moderate Auswirkungen auf die Förderung von Forschung und Innovation sowie auf Lehre und Lernen, einschließlich der Schaffung praxisnaher Lernmöglichkeiten für Studierende, beispielsweise durch aktive Lernansätze, Projekte und Nachhaltigkeitstage. Die Mehrheit hob zudem positive Auswirkungen auf die Lebensqualität auf dem Campus (79 Prozent), das Bewusstsein und Verhalten der Mitarbeitenden (82 Prozent) und Studierenden (77 Prozent) sowie auf externe Partnerschaften (78 Prozent) hervor.
Mit Blick auf die Zukunft erwartet den Ergebnissen nach ein Viertel der Hochschulen positive Auswirkungen in Bereichen wie der Gewinnung von Mitarbeitenden und Studierenden, der Erzielung wirtschaftlicher Vorteile und von Kosteneinsparungen sowie der Unterstützung wissenschaftsbasierter Politik auf lokaler und regionaler Ebene.
Mini-Schlaglicht:
KI im Einsatz für Nachhaltigkeit
Hochschulen haben aufgrund ihrer energieintensiven Infrastruktur hohe CO₂-Emissionen. Sie betreiben Einrichtungen wie Rechenzentren und Labore, die deutlich mehr Energie verbrauchen als beispielsweise normale Büros. Das Projektteam der Hochschule Karlsruhe (HKA) um die Professorin Christine Preisach aus der Fakultät für Informatik und Wirtschaftsinformatik möchte ein neues System entwickeln, das mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) den Betrieb dieser Einrichtungen energetisch optimieren kann.
Die Ergebnisse des auf drei Jahre angelegten Forschungsprojekts sollen nicht nur den Hochschulen, sondern auch anderen Unternehmen helfen, ihre energieintensiven Infrastrukturen effizienter und umweltfreundlicher zu betreiben. So könne der CO₂-Ausstoß gesenkt und die gesamte Digitalisierung ressourcenschonender gestaltet werden.
cva