Interview
Führung mit Konsensualität
Forschung & Lehre: Was verstehen Sie unter guter Führung?
Helge Braun: Im Kern besteht gute Führung darin, dass man in einer Organisation wie zum Beispiel einer Universität ein gemeinsames Ziel- und Zukunftsbild entwickelt, hinter dem sich alle versammeln können. In allen Einzelentscheidungen muss man dann auf dieses Zielbild hinarbeiten. Alle Führungsentscheidungen sollten im Hinblick auf das Ziel nachvollziehbar sein und nicht unverständlich oder autoritär wirken.
F&L: Haben Sie besondere Vorbilder, die Ihr Führungsverhalten beeinflussen?
Helge Braun: Ich habe im Laufe meines Lebens verschiedenste Führungskulturen erlebt: zunächst die klassische hierarchische Führungskultur im medizinischen Kontext mit Chef-, Ober- und Assistenzärztinnen und -ärzten; dann Führung in der Politik und jetzt die Leitung einer Universität. Bei den unterschiedlichen Führungsstilen verschiedener Menschen kann man sich viel abgucken.
Wesentlich für mich ist neben dem klaren Zielbild, dass man die Perspektiven aller Beteiligten berücksichtigt. Das ist bei der Leitung einer Organisation, die aus vielen verschiedenen Gruppen besteht, überaus wichtig. Das habe ich in der Politik gelernt. Man kommt nicht voran, wenn man nur die eigenen Überzeugungen durchsetzen will. Konsensfindung ist wichtig, da es in der Politik meist um Mehrheiten geht. Auf europäischer Ebene wird das besonders deutlich: 27 Mitgliedsstaaten bringt man nicht überein, indem man einfach erklärt, was das Interesse des eigenen Landes ist. Es gilt zu überlegen, was auch für andere am Ende relevant sein könnte.
F&L: Wie überträgt sich das auf Ihre Leitung der Universität zu Lübeck?
Helge Braun: Als Hochschulpräsident muss man alle Fragen des Hochschulsystems insgesamt – die Bedürfnisse, die das Land an die einzelne Hochschule heranträgt, ebenso wie solche, die die Stadtgesellschaft hat – einfangen und nach innen und außen kommunizieren sowie in der Hochschule verständlich machen. Das wird mir an der Universität zu Lübeck allerdings sehr leicht gemacht, weil die Bereitschaft, auf Argumente einzugehen und sich in andere Kontexte hineinzuversetzen, generell sehr hoch ist.
F&L: Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten fallen Ihnen bei der Führung von politischen und wissenschaftlichen Organisationen auf?
Helge Braun: Rein operationell unterscheidet sich die Führung fast gar nicht. Die Aufgabe von politischer Führung ist meist, frei gewählte Abgeordnete zu einer gemeinsamen Position zu bringen, um Mehrheiten in Koalitionen zu bilden. Dabei ist ein hohes Maß an Konsensualität erforderlich.
Ähnlich ist die Führung von in Forschung und Lehre freien Professorinnen oder Professoren. Es ist meine Aufgabe als Universitätspräsident, alle mitzunehmen und letzten Endes eine Hochschulcommunity mit möglichst breitem Konsens für Führungsentscheidungen herbeizuführen. Allerdings sind Entscheidungen in der Politik sehr wirkmächtig und ihre Ergebnisse unmittelbar erfahrbar – wenn es beispielsweise um die Gesetzgebung oder um den Entzug von Fördermitteln geht. In Hochschulen hängt der Erfolg von strategischen Entscheidungen im weiteren Verlauf von vielen zusätzlichen Parametern ab. Auch richtige strategische Entscheidungen können sich im Zeitverlauf ohne eigenes Zutun als erfolgreich oder nicht erfolgreich erweisen.
F&L: Könnten Sie das genauer erläutern?
Helge Braun: Nehmen wir an, man will in einem speziellen Bereich Exzellenz erreichen und investiert in diesen. Dann verlassen zentrale Persönlichkeiten die Universität, weil sie einen anderen Ruf erhalten. Da unterscheidet sich die Bundespolitik doch deutlich von der Hochschulstrategie. Unsere universitäre Kultur ist historisch gesehen geprägt von einem starken Individualismus und weniger von strategischen Steuerungen. An den Hochschulen ringt man mit der Frage, wie viel Freiheit jedem Einzelnen überlassen sein sollte, wie viel gemeinsame Strategie gebraucht wird und wer für diese eigentlich verantwortlich ist.
F&L: Können Sie dabei Erfahrungen aus Ihrer Zeit in der Politik einbringen?
Helge Braun: Mein ganzes berufliches Leben hindurch hat mich bewegt, strategische Ideen zu erarbeiten und diese dann in komplexen Organisationen umzusetzen. Die Universität zu Lübeck ist eine hoch dynamische Universität. In den letzten zehn Jahren hat sie ihre Studierendenzahlen um 60 Prozent gesteigert, ebenso wie die Drittmittel. Sie befindet sich in einem Wachstumsprozess und ist jetzt insofern in einer schwierigen Phase, weil die allgemeine Finanzlage dazu führt, dass ihr Wachstum und die weitere Exzellenzentwicklung ohne positive Grundfinanzierungsdynamik erfolgen muss. Die Frage, wie wir ungeachtet der Finanzlage das Maximum an Exzellenz, Entwicklung und Wachstum für die Uni erarbeiten können, finde ich hoch spannend. Die Hochschule hatte wohl auch das Gefühl, dass jemand, der mit einer Außenperspektive und mit einem großen nationalen und zum Teil internationalen Netzwerk kommt, der Richtige ist.
F&L: Sie sind nun seit einem knappen Jahr Präsident der Universität zu Lübeck. Wie fällt Ihr Resümee aus? Was ist Ihre Vision für die Zukunft der Universität?
Helge Braun: Mein erstes Jahr war geprägt von der Feststellung, dass der limitierende Faktor trotz vieler Ideen die Ressourcen sind. Aus der Politik ist man gewohnt, dass die Ressourcen bei großen Herausforderungen angepasst werden. An der Universität zu Lübeck ist das nicht so: Die Universität ist enorm gewachsen, die Ressourcen aber sind endlich. In manchen Arbeitsbereichen gibt es trotz wichtiger Themen wie dem Studierendenmarketing oder der Internationalisierung nur eine oder eine halbe Stelle. Im vergangenen Jahr haben wir trotzdem viele große Themen angestoßen, wenngleich nach einem Jahr die meisten Dinge natürlich nicht abgeschlossen sind.
Wir haben eine Internationalisierungsstrategie auf den Weg gebracht und eine Weiterbildungsakademie gegründet. Wir sind dabei, ein neues Konzept für die Wissenschaftskommunikation zu verankern – in die Stadtgesellschaft hinein und überregional. Wir befinden uns in einem sehr offenen Diskurs darüber, was unsere zukünftigen Forschungsschwerpunkte sein sollen. In Zukunft wollen wir eine Universität sein, die in ausgewählten Forschungsfeldern in der Frage der Exzellenz ganz vorne mitspielt. Wir haben einen Strukturentwicklungsplan. Wir beobachten, in welchen Bereichen wir über potente Partner verfügen, um in Richtung Exzellenzinitiative zu gehen. Wir sind stolz, dass wir auf der Landkarte der Exzellenz durch das gemeinsame Exzellenzcluster "Precision Medicine in Chronic Inflammation" mit Kiel vertreten sind. Das wollen wir in der nächsten Runde halten oder ausbauen.
F&L: Es sind aktuell keine leichten Zeiten und in vielen Bundesländern werden die Mittel für die Hochschulen gekürzt. In Schleswig-Holstein wurden Mitte Dezember die neuen Ziel- und Leistungsvereinbarungen für die Hochschulen im Land unterzeichnet. War das ein zentrales Thema in Ihrem ersten Jahr?
Helge Braun: Ja, das Thema hat sich durch das gesamte Jahr gezogen. Die Verhandlungen hatten schon vor meinem Amtsantritt begonnen. Mit der Unterzeichnung haben wir nun unter den gegebenen Rahmenbedingungen Planungssicherheit. Der Transformationsprozess vom bisherigen in das neue Finanzierungssystem bedeutet für die Universität zu Lübeck seit Beginn 2025 bis 2028 Einsparungen von zehn Prozent unseres Globalhaushalts pro Jahr.
Das bisherige Mittelverteilungssystem in Schleswig-Holstein hat das enorme Größenwachstum der Universität zu Lübeck nicht berücksichtigt. Ein vom Land in Auftrag gegebenes Gutachten hat das bestätigt und zugleich ergeben, dass die Hochschulen in Schleswig-Holstein im bundesweiten Vergleich unterfinanziert sind. Diese generelle Unterfinanzierung macht die Mittelverteilung besonders schwierig. Aber Schleswig-Holstein ist kein reiches Bundesland und gibt sich mit den Hochschulen sehr viel Mühe. So werden zum Glück die Tarifsteigerungen in Zukunft abgedeckt. Das ist anderenorts nicht mehr gesichert. Dazu gibt es im Rahmen der Ziel- und Leistungsvereinbarungen jetzt einen neuen Verteilungsschlüssel. Wenn dieser durch einen phasenweisen Übergang am Ende der Ziel- und Leistungsvereinbarungsperiode 2029 voll wirkt, kommen wir wieder etwa bei unseren derzeitigen Mitteln heraus, das heißt, das aktuelle Tal ist dann durchschritten.
Nun liegen aber drei Jahre mit sehr schwieriger Finanzlage vor uns. Wir haben die Situation an der Universität zu Lübeck mit allen Instituten einzeln besprochen und haben kluge Einzelvereinbarungen geschlossen. Wir arbeiten daran, uns durch Drittmittel und intelligente Steuerung Freiräume zu erarbeiten, damit wir trotz der allgemeinen Finanzlage konkurrenzfähig sind.
F&L: Welche Art von Führung ist in einer solchen Situation nötig?
Helge Braun: Bei einer solchen Ziel- und Leistungsvereinbarung darf man erstens nicht mit Weltuntergangsjammern antworten, sondern muss sich klarmachen, was die neue Regelung konkret bedeutet und was ihre Folgen sein werden. Als Führungsperson braucht man ein klares Bild der Lage und sollte sie kommunizieren. Die Politik muss dann entscheiden, ob die erwarteten Konsequenzen tragbar sind oder nicht. Zweitens ist es wichtig zu kommunizieren, was man für eine positive Zukunftsentwicklung braucht. Dazu gehört ja nicht nur genügend Geld, sondern insbesondere auch mehr Hochschulautonomie. Dazu muss die Hochschulleitung eine konkrete Vorstellung davon haben, was die Hochschule weiterbringen würde.
In den finanziell schwierigen Zeiten haben wir beispielsweise mit dem Land einen Diskussionsprozess über mehr Freiheiten begonnen. Die Universität zu Lübeck ist eine Stiftungsuniversität. Die Stiftungsmodelle in Deutschland sind sehr unterschiedlich, an manch anderen Standorten haben Stiftungsuniversitäten mehr Freiheitsgrade als wir. Wir wünschen uns mehr Freiheit beispielsweise im Bereich der Bauherreneigenschaft und bei Veränderungen an unserem Studiengangsportfolio für mehr Agilität im Handeln und schnelleres Reagieren. Ich glaube, dass uns das erfolgreicher machen kann.
Führung – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Die Februar-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich mit einem Themen-Schwerpunkt den verschiedenen Aspekten von Führung. Die Beiträge:
- Im Gespräch mit Heike Bruch: Erschöpfung managen. Wie sollte sich Leadership in Krisenzeiten gestalten?
- Dieter Frey/Theresa Morner/Tamara Weindl: Die professorale Rolle. Was macht verantwortungsvolle Führung in Hochschulen aus?
- Claudia Peus: Zum Erfolg führen. Über die Bedeutung einer gemeinsamen Vision und spezifischer Spielregeln in wissenschaftlichen Teams
- Im Gespräch mit Helge Braun: Mit Konsensualität. Worauf es bei der Führung von politischen und wissenschaftlichen Organisationen ankommt
- Stefan Kühl/Judith Muster: Am Mischpult. Führung durch Organisationsstrukturen
- Michael W. Busch: Dynamische Strukturen. Geeignete Führungsstile im Hochschulkontext
- Im Gespräch mit Susanne Schmidt: Mehr Steuerung notwendig. Zur Führung interkultureller Teams
Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!