Mann im Homeoffice spricht am Mobiltelefon
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Homeoffice
Für wen Mobile Work sinnvoll ist

Wohin wird uns die zunehmende Flexibilisierung der Arbeit führen? Ein Gespräch mit Stefan Süß über den Trend zum Homeooffice und "richtiges" Arbeiten.

Von Friederike Invernizzi 26.06.2020

Forschung & Lehre: Herr Süß, die flexible Gestaltung von Arbeit in Zeiten von Corona hat sich in den letzten Wochen immer mehr durchgesetzt. Werden die Vorteile von Homeoffice aus Ihrer Sicht überschätzt?

Stefan Süß: Es ist richtig, die flexible Gestaltung von Arbeit hat sich immer mehr durchgesetzt, allerdings sieht man nun schon gegenläufige Tendenzen. Die Unternehmen holen ihre Beschäftigten schrittweise in die Büros zurück. Das könnte neben der Verringerung des Infektionsrisikos unter anderem auch daran liegen, dass die anfänglich gesehenen Vorteile von Homeoffice zwar nicht überschätzt wurden, aber der ein oder andere Arbeitgeber beziehungsweise Beschäftigte Nachteile verspürt nach rund vier Monaten Praxis mit Homeoffice. Insofern würde ich nicht sagen, dass die Vorteile überschätzt wurden, denn diese gibt es, sondern dass auch Nachteile mehr in den Blick geraten.

Portraitfoto von Prof. Dr. Stefan Süß
Professor Dr. Stefan Süß, Lehrstuhl für BWL – insbesondere Arbeit, Personal und Organisation – an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ivo Mayr / HHU

F&L: Welche Nachteile haben sich denn ergeben?

Stefan Süß: In unserer Studie haben wir festgestellt, dass die Produktivität der Beschäftigten im Homeoffice insgesamt sinkt. Im Schnitt haben die von uns 1.027 befragten Beschäftigten ein Minus von zehn Prozent angegeben. Es ist davon auszugehen, dass der Rückgang sogar noch höher ist, da die Beschäftigten dieses Minus ungerne zugeben. Unsere Analysen zeigen aber auch, dass hier sicherlich die Parallele von Betreuung (Kinder oder Pflegebedürftige) und Homeoffice dafür sorgt, dass man bei der Arbeit zu Hause mehr gestört wird und daher weniger schafft. Der Produktivitätsverlust war bei den Jüngeren besonders hoch, da diese auch jüngere Kinder haben. Ein älterer Arbeitnehmer, der allein zu Hause in Ruhe arbeiten kann, kann also zu Hause genauso produktiv sein wie im Büro. Es hängt also viel von der persönlichen Situation ab, wie gut Arbeitnehmer im Homeoffice arbeiten können. Weiterhin haben wir aber gesehen, dass sich Beschäftigte im Homeoffice oft sozial isoliert sehen. Ihnen fehlt der spontane Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen beispielsweise im Büroflur oder an der Kaffeemaschine. Der ist durch formal angesetzte Meetings auch nicht zu kompensieren. Ein weiterer Nachteil entsteht durch die mangelnde Trennung von Beruf- und Privatleben, der sogenannte "work life conflict". Man muss allerdings dazu sagen, dass es höchst individuell ist, wie stark Beschäftigte Beruf und Privatleben trennen möchten. Für manche ist es wunderbar, wenn das eine in das andere übergeht, für andere ist eine klare Trennung für das Wohlbefinden sehr wichtig. Ein weiterer Nachteil ist, dass viele Unternehmen gar nicht die nötigen technischen Strukturen und den Support für Homeoffice haben. Das hat in der Shutdown-Zeit für besondere Frustration und auch Stress gesorgt.

F&L: Was beeinflusst eigentlich das Gefühl im Home Office produktiv zu sein? Kann dabei das Gefühl eine Rolle spielen, dass zu Hause arbeiten eigentlich kein "richtiges" Arbeiten ist?

Stefan Süß: Das hängt sehr stark davon ab, wie sehr Beschäftigte eine Trennung von Privat- und Berufsleben wünschen. Wenn jemand diese Bereiche lieber stärker trennt und nun durch die Corona-Krise gezwungenermaßen im Home-Office sitzen muss, dann wird er sich sehr unwohl fühlen. Bei den Beschäftigten, bei denen beide Bereiche stärker ineinander übergehen, dürfte dies weniger eine Rolle spielen. Auch die Erfahrungen, die Menschen mit Homeoffice gemacht haben, die also vor Corona schon viel zu Hause gearbeitet haben und schon eine Art "psychologischen Arbeitsraum" haben, sind deutlich weniger vom Gefühl weniger zu schaffen betroffen als diejenigen, die von heute auf morgen ins Homeoffice "gefallen" sind. Ob das letztlich der Küchentisch, Wohnzimmertisch oder sonst etwas ist, auf dem dann gearbeitet wird, ist letztlich sekundär.

"Die Frage des Rechts auf Homeoffice kann man durchaus stellen, etwa unter ökologischen Aspekten."

F&L: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat ein Recht auf Homeoffice gefordert. Was halten Sie davon, diese Flexibilisierung der Arbeitswelt gesetzlich zu fixieren?

Stefan Süß: Die zeitliche und räumliche Flexibilisierung der Arbeit ist schon länger in vollem Gange. Da ist Corona letztlich nicht der Auslöser. Die Frage des Rechts auf Homeoffice kann man durchaus stellen, in normalen Zeiten ohne Corona spielen da auch andere Fragen eine Rolle, etwa die ökologischen Aspekte: zum Beispiel die Vermeidung von Staus oder die Reduzierung von Wegzeiten. Dazu müsste allerdings gewährleistet sein, dass ein vollausgestatteter Arbeitsplatz und Möglichkeiten zum informellen Austausch zur Verfügung gestellt werden. Ich befürchte allerdings, dass mit einem Recht auf Homeoffice die Unternehmen eine Pflicht auf Homeoffice installieren könnten, um beispielsweise Miete in teuren Innenstadtlagen zu sparen. Das wäre dann der völlig falsche Weg. Es müsste also bei einem freiwillig auszuübenden Recht bleiben.  

F&L: Zurzeit wird die (neue oder wieder wie früher) empfundene Doppelbelastung von Frauen diskutiert, die durch Homeoffice vor allem aufgrund der Kinderbetreuung wieder in alte Rollenmuster zu fallen drohen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Stefan Süß: Durch den Schulausfall oder durch auch die zusätzliche Last durch Pflege von Familienangehörigen in der Coronakrise wird die Doppelbelastung überwiegend von Frauen getragen. Hier finden wir ein sehr komplexes Problemfeld vor: leider ist es ja in Deutschland immer noch so, dass Männer besser bezahlt werden als Frauen auch wenn sie den gleichen Job machen. Das führt dazu, dass viele Frauen dadurch auch automatisch mehr Elternzeit beantragen oder auch in Teilzeit gehen, da sie eh schlechter bezahlt werden als der Mann. Die Gefahr besteht dann, dass Frauen sich an dieser Doppelbelastung wieder mehr zerreiben. Diese Mechanismen könnten die aktuellen Entwicklungen begünstigen.

F&L: Ihre Vision von der Zukunft flexibler Gestaltung von Arbeit?

Stefan Süß: Ich bin sehr sicher, dass Arbeit immer flexibler gestaltet werden wird. Corona hat hier sicherlich einen großen Schub ausgelöst. Wo man vorher für eine Konferenz für eine Stunde eine Dienstreise gemacht hat, organisiert man heute eine Videokonferenz. Man darf aber nicht vergessen, dass wir immer Jobs haben werden, für die diese Flexibilität nicht gelten kann. Nach aktuellen Schätzungen geht man davon aus, dass nur 40 Prozent aller Jobs in Deutschland überhaupt Homeoffice-geeignet sind. Sämtliche Jobs im stationären Handel, in der Pflege oder bei Polizei und Feuerwehr können ihr Kerngeschäft nicht von zu Hause aus erledigen. Das heißt, wir sprechen von einer Gruppe, die zwar groß ist, die aber immer noch kleiner ist als die, für die Homeoffice nicht möglich ist. Die zeitliche Flexibilität ist bei letzterer durch feste Dienstpläne und Anwesenheitspflichten nicht möglich. Zu Hause arbeiten können "Wissensarbeiter", die im Bereich Dienstleistung, Wissensbeschaffung und –verbreitung im weitesten Sinne tätig sind. In diesen Bereichen ist die zeitliche und örtliche Flexibilisierung sicherlich noch nicht am Ende angelangt.

"Wir müssen in Zukunft darauf achten, dass nicht eine Zweiklassen-Gesellschaft entsteht."

F&L: Was unterscheidet das Homeoffice von Mobile Work?

Stefan Süß: Die technologischen Möglichkeiten werden sich dahin entwickeln, dass die Arbeit zu jeder Uhrzeit und überall erledigt werden kann. Aus diesem Grund sprechen viele Unternehmen auch nicht mehr vom Homeoffice, sondern vom "mobile work". Ich arbeite mal im Büro, mal von zu Hause aus, im Zug oder auch draußen auf der Wiese im Park. Dies wird in vielen Bereichen zunehmen. Wir müssen dabei aber in Zukunft darauf achten, dass nicht eine Zweiklassen-Gesellschaft entsteht: diejenigen, die die besser bezahlten Tätigkeiten haben, können sehr flexibel arbeiten und die anderen, schlecht bezahlten Jobs sind sehr stark örtlich und zeitlich an ein Unternehmen gebunden. Wir dürfen weiterhin nicht vergessen, dass Arbeit eine wichtige sinnstiftende Funktion für die meisten Menschen hat und dass es für jeden sehr individuell ist, wie er diese ausgestalten möchte. Aus diesem Grund kann ich mir gut ein Mischmodell vorstellen, zum Beispiel drei Tage im Büro und zwei Tage im Homeoffice arbeiten. So hat man die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen.