Studie
Ist Nachhaltigkeit an Hochschulen nur symbolisch?
Internationale Hochschulbewertungssysteme wie das Times Higher Education Impact Ranking (THE IR) begünstigen unbeabsichtigt sogenannten Nachhaltigkeits-Symbolismus. Ihre Konzepte und Bewertungsmethoden fördern indirekt, dass Hochschulen ihren Beitrag zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) lediglich inszenieren anstatt sich substantiell zu wandeln.
Zu diesem Ergebnis kommt die Analyse von Assistenzprofessor Konstantin Weicht und Assistenzprofessorin I-Ting Chen. Die beiden Forschenden sind im Feld Organisationstheorie, Management, Organisationsverhalten sowie Forschungsmethodik an der taiwanesischen Tzu Chi University tätig.
"Auf der Grundlage institutioneller Reflexion und praxisnaher Einblicke legt der vorliegende Beitrag dar, wie Leistungskennzahlen interne Akteurinnen und Akteure des Wandels demotivieren, strukturelle Ungleichheiten verschleiern und institutionelle Ressourcen von sozial oder ökologisch wirksamen Initiativen abziehen können", kündigen der Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin einleitend an. Es handle sich um konzeptionelle Kritik an bestehenden globalen Rankingmodellen, die auf einer systematischen, empirischen Untersuchung fuße. Ihre Forschungsergebnisse haben sie am 30. April in der Fachzeitschrift "Studies in Higher Education" veröffentlicht. Die Vollversion liegt Forschung & Lehre zur Auswertung vor.
Nachhaltigkeit auf dem Papier und tatsächliches Verhalten
Der Einfluss struktureller Ungleichheiten auf Rankings
Das Autorenteam beschreibt, dass sie untersucht haben, wie die Rankings strukturelle Ungleichheiten und kontextspezifische Verantwortlichkeiten bei der Umsetzung der SDGs in Hochschulen ignorieren. So unterscheide die Methodik beispielsweise nicht zwischen Hochschulen mit und ohne Wohnheimplätzen auf dem Campus. Dadurch könnten Messungleichheiten bei operativen Kennzahlen wie Energie- und Wasserverbrauch oder Abfallmanagement entstehen.
Außerdem gebe es lokale Anforderungsunterschiede für eine maximal wirksame Nachhaltigkeitsstrategie: "Eine wirklich aussagekräftige Nachhaltigkeitsbewertung würde erfordern, dass sich Institutionen intensiv mit jenen SDGs auseinandersetzen, die für ihren Auftrag und ihren ökologischen Fußabdruck am relevantesten sind – anstatt lediglich den vorteilhaftesten oder am einfachsten quantifizierbaren Indikatoren nachzujagen", geben die Forschenden zu Bedenken.
Strategische Berichterstattung als methodische Schwäche
Kritisch analysiert habe man auch die Abhängigkeit der Bewertung von selbstberichteten Daten und bibliometrischen Kennzahlen sowie interne Rechenschaftsmechanismen an Hochschulen. So seien Selbstberichte anfällig für strategische Berichterstattung. Verifizierungsverfahren und unabhängige Audits seien von entscheidender Bedeutung, um deren Richtigkeit und Glaubwürdigkeit sicherzustellen.
Die Übertragung der Erhebung von Nachhaltigkeitsdaten auf nicht eigens dafür angestellte und speziell geschulte Mitarbeitende könne "zu einem fragmentierten und unterfinanzierten Berichtsumfeld führen, in dem die Datenqualität schwankt und institutionelles Lernen minimal ist". Universitäten stünden vor der Wahl, die Nachhaltigkeitsberichterstattung entweder weiterhin als rein administrative Angelegenheit zu behandeln oder in professionalisierte und verantwortungsvolle Strukturen zu investieren, die deren Bedeutung widerspiegelten.
Unabhängigkeit der Begutachtung gewährleistet?
Näher betrachten haben Weicht und Chen zudem den Faktor Subjektivität und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Rahmen der Begutachtung, den zeitlichen Versatz zwischen der Datenerfassung und der Ranking-Veröffentlichung sowie die Einbettung der Bewertung seitens THE in ein gewinnorientiertes Modell. Die Forschenden bewerten den Begutachtungsprozess als wenig transparent und mangelhaft in seiner Konsistenz. Auch durch den Einsatz von KI sei weniger gewährleistet, dass "komplexe Dokumente, Kontextinformationen oder institutionelle Nuancen" richtig interpretiert würden. Dies betreffe insbesondere mehrsprachige, narrative oder vielschichtige Formate. Hierin sieht das Autorenteam ernsthafte Risiken für Fairness und Legitimität der Bewertungssystematik.
Hinzu komme, dass aufgrund von systemischen Prozessbedingungen beispielsweise Rankings, die 2026 veröffentlicht würden, tatsächlich nur die institutionelle Leistung aus dem Jahr 2023 widerspiegeln. Diese Verzögerung gebe Anlass zu erheblichen Bedenken. Für alle beteiligten Stakeholder, die sich auf diese Rankings als zeitnahe Indikatoren für das Nachhaltigkeitsengagement einer Universität verließen, sei das Risiko einer Fehlinterpretation hoch. Es brauche hingegen "transparente Echtzeit-Berichtsmechanismen".
Die Forschenden problematisieren darüber hinaus das Spannungsverhältnis zwischen Nachhaltigkeit als globalem öffentlichen Gut und den kommerziellen Interessen eines privaten, gewinnorientierten Unternehmens. THE generiere Einnahmen durch institutionelle Rankings, Datenanalysen, Beratungsleistungen, hochpreisige Veranstaltungen und andere, hinter Bezahlschranken verborgene Dienstleistungen wie Vergleichsanalysen.
Reaktionen von "Spannungsfeld ist real" bis "nicht empirisch belegt"
University World News stellt in einem Bericht vom 8. Mai erste Reaktionen auf die Ergebnisse von Weicht und Chen dar. So räumt Ben Sowter, Senior Vice President bei einem weiteren weltweiten Hochschul-Ranking namens QS World University Ranking, durchaus Mängel an den bestehenden Methoden ein. Jeder Leistungsrahmen schaffe Anreize und nicht alle davon seien beabsichtigt. Das Spannungsfeld sei real. Es bestehe durchaus das Risiko, dass bloße Verfahrenskonformität an die Stelle substantieller Veränderungen trete. Allerdings hätten globale Bewertungssysteme erheblich dazu beigetragen, dass das Thema Nachhaltigkeit überhaupt in die Agenda der Hochschulen Einzug gehalten habe.
Duncan Ross, ehemaliger Chief Data Officer von Times Higher Education (2015–2025), erklärte dem Online-Nachrichtenportal, die Forschenden lieferten keine empirischen Belege für ihre Behauptungen. Weicht und Chen würden zudem die Position von THE hinsichtlich Datenaustausch und Methodentransparenz "falsch darstellen". Weicht hat diese Kritik gegenüber University World News zurückgewiesen. Die Ergebnisse basierten auf drei Jahren systematischer, praktischer Forschung.
Neue Form des Monitorings von Nachhaltigkeitserfolgen
Nach Einschätzung des Autorenteams ist es notwendig, dass die Verantwortlichen auf politischer Ebene sowie in den Hochschulen die Definition, die Messung sowie die Anreizsysteme für nachhaltige Entwicklung überdenken: "Anstatt ein präskriptives Modell vorzuschlagen, plädiert dieser Beitrag für einen kontextsensibleren, inklusiveren und transparenteren Ansatz der Nachhaltigkeitsbewertung – einen Ansatz, der die institutionelle Verantwortung über die Reputation stellt", formulieren Chen und Weicht.
Das Team schlägt in einem weiteren Beitrag ein neunstufiges Reifegradmodell für das Nachhaltigkeits-Management vor. Dies könne als praxisnahes Diagnose- und Entwicklungsinstrument dienen, das jene organisatorischen Rahmenbedingungen aufzeige, die ein sinnstiftendes Engagement für die SDGs erst ermöglichten. Das Stufenmodell sei für eine kritischere Bewertung des Nachhaltigkeitsengagements einsetzbar, indem es transparent mache, wie Nachhaltigkeitsaktivitäten trotz anfänglich guter Absichten paradoxerweise zu kontraproduktiven Ergebnissen führen können.
"Besonders wertvoll für die Praxis ist die Identifizierung von Stufe -1 (Regressive Compliance). Hier hilft das Modell Rektoraten zu erkennen, ob der immense Druck globaler Rankings bereits zu einer 'pathologischen Bürokratie' geführt hat, bei der die bloße Datenproduktion die eigentliche Nachhaltigkeitsarbeit verdrängt – ein Zustand, den wir als Impact Paradox bezeichnen", schildert Weicht gegenüber Forschung & Lehre.
Konkrete Einsatzszenarien für wirkungsorientierte Bewertung
Das neue Modell soll Hochschulinstitutionen dabei unterstützen, die Integrität, Kohärenz und langfristige Glaubwürdigkeit ihrer Nachhaltigkeitsverpflichtungen zu stärken. Weicht beschreibt das neunstufige Reifegradmodell auf Anfrage von Forschung & Lehre als "Reflexinstrument" für die Tiefe und Authentizität der Umsetzung: "Um den Reifegrad einer Hochschule zu bestimmen, nutzt das Modell fünf analytische Dimensionen: Intentionalität, Organisationsstrukturen, Verhaltensdynamiken, Risiken sowie die daraus resultierende SDG-Integrität".
Im deutschen Kontext lasse sich dies im Zusammenspiel mit bestehenden Frameworks wie dem HOCH-N-Netzwerk illustrieren. "Während HOCH-N definiert, was zu tun ist (Handlungsfelder), fungiert unser Modell als Reflexionsinstrument für die Tiefe und Authentizität der Umsetzung", erläutert Weicht. Darüber hinaus könne das Instrument in Gremiensitzungen genutzt werden, um Divergenzen zwischen Statusgruppen sichtbar zu machen. "Wenn das Rektorat die Hochschule bei 'Leadership' (Stufe 6) verortet, die Studierenden oder die Forschungskommission aber bei 'Symbolic Engagement' (Stufe 1), bietet das Modell die wissenschaftliche Sprache, um diese Lücke konstruktiv zu schließen und Ressourcen gezielter zu allokieren", führt der Management-Experte aus.
"Es macht den Weg frei für eine authentische Transformation, indem es aufzeigt, wo das Berichtswesen bereits mehr Ressourcen frisst als die eigentliche Veränderungsarbeit."
Assistenzprofessor Konstantin Weicht, Tzu Chi University
Weicht beschreibt das Beispiel, dass eine deutsche Hochschule den HOCH-N-Leitfaden für Governance bereits erfolgreich implementiert hat, unter anderem durch den Aufbau eines Nachhaltigkeitsbüros. "Auf dem Papier wäre dies Stufe 2 (Formalization). Mithilfe unserer fünf Dimensionen kann die Leitung nun prüfen: Bleibt dieses Büro ein 'Papiertiger' für das Berichtswesen, oder ist es bereits tief in die Budgetprozesse und die Kultur der Fakultäten eingebettet (Stufe 4: Embedment)?" Das Modell helfe so dabei, den Fokus von der bloßen Kennzahlen-Optimierung weg und hin zur langfristigen Stewardship (Stufe 7) zu lenken. "Es macht den Weg frei für eine authentische Transformation, indem es aufzeigt, wo das Berichtswesen bereits mehr Ressourcen frisst als die eigentliche Veränderungsarbeit", beschreibt Weicht den Unterschied zur Orientierung an globalen Rankings.
cva