Texas Tech Universitäten
Keine freie Inhaltswahl mehr in der Hochschullehre, bei Master und Dissertation
Ein verbindliches Memorandum vom 9. April legt fest, dass zukünftig die Themen sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität innerhalb des Texas Tech University (TTU) Systems nur ausnahmsweise in der Lehre, in Masterarbeiten oder Dissertationen behandelt werden dürfen. Grundlage seien Bundesgesetze, in welchen beim Menschen nur die beiden Geschlechter "männlich" und "weiblich" anerkannt würden.
Teile der verbotenen Inhalte werden mit dem Akronym SOGI für sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität (Sexual Orientation and Gender Identity) umschrieben. Das Memorandum kündigt die schrittweise Abschaffung aller Kurse an, die sich mit SOGI in Bachelor-, Master- und Zertifikatsstudiengängen befassen.
Untersagt ist es demzufolge auch, Folgendes als bewiesen darzustellen:
- Eine Rasse oder ein Geschlecht ist einer anderen von Natur aus überlegen.
- Ein Individuum ist aufgrund seiner Rasse oder seines Geschlechts von Natur aus rassistisch, sexistisch oder unterdrückend, bewusst oder unbewusst.
- Individuen werden aufgrund ihrer Rasse oder ihres Geschlechts diskriminiert oder benachteiligt.
- Der moralische Charakter oder Wert wird durch Rasse oder Geschlecht bestimmt.
- Einzelpersonen tragen Verantwortung oder Schuld für die Handlungen anderer derselben Rasse oder desselben Geschlechts.
- Das Leistungsprinzip oder eine starke Arbeitsmoral sind per se rassistisch, sexistisch oder Konstrukte der Unterdrückung.
Für die Einhaltung an den Hochschulen werde ein formalisierter Prüfprozess etabliert.
Memorandum: Nur zwei Geschlechter empirisch belegt
Verfasser des neuen Regelwerks ist der ehemalige republikanische Senator Brandon Creighton. Er ist seit 2025 Kanzler des TTU-Systems und richtete sein Schreiben an die Präsidentinnen und Präsidenten der betroffenen Hochschulen und medizinisch-wissenschaftlichen Campi Angelo State University, Midwestern State University und TTU sowie TTU Health Sciences Center El Paso und TTU Health Sciences Center.
"Zur Wahrung der institutionellen Objektivität schreibt dieses Regelwerk die rechtliche Anerkennung von nur zwei menschlichen Geschlechtern vor und verbietet strikt die Befürwortung eines Geschlechterspektrums oder fluider Geschlechtsidentitäten als empirische biologische Wissenschaft", heißt es im Memorandum.
Unterricht, der Konzepte angeborener rassischer oder sexueller Überlegenheit, angeborener Voreingenommenheit oder kollektiver Schuld propagiere, sei verboten. Es handle sich hierbei um ein unrechtmäßiges Eintreten (prohibited advocacy) für unbelegte Thesen: "Jegliche Lehre, die diese Konzepte einbezieht, muss diese streng und objektiv als rein theoretisch und nicht als empirische Fakten darstellen", schreibt das Regelwerk vor.
Obwohl bei Neueinstellungen auch bei Forschungsschwerpunkten auf die neu eingeführten Einschränkungen geachtet würde, könnten derzeit angestellte Lehrpersonen weiterhin zu Themen ihrer Wahl forschen und publizieren.
Auswirkungen auf Geistes-, Kunst- und Naturwissenschaften
Für alle Studienfächer gilt dem Memorandum zufolge, dass die Diskussion biografischer Informationen historisch bedeutender Persönlichkeiten als Kontextinformationen dienen kann. Solche Bezüge müssten jedoch "rein beiläufig" sein, und die Lehre und die gestellten Aufgaben dürften "Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung nicht in den Mittelpunkt" stellen.
Bei der Diskussion politischer oder gesetzgebender Maßnahmen beispielsweise in den Politikwissenschaften, sei die Behandlung der verbotenen Themen im Rahmen der "Analyse von Primärquellen" wie Gesetzestexten erlaubt.
Für Lehrveranstaltungen höherer Semester im Bachelor- und Masterstudium der klinischen Psychologie, der Beratungspsychologie und der Schulpsychologie gilt, dass Dozierende dieser Kurse SOGI-Themen ausschließlich anhand objektiver klinischer Beurteilungen und der aktuellen Diagnosekriterien behandeln und bewerten dürfen.
Im Fach Biologie ist es laut Memorandum zwar zulässig, Wissen über Chromosomenvariationen, Störungen der Geschlechtsentwicklung und intersexuelle Merkmale zu vermitteln. Die rechtliche Anerkennung zweier menschlicher Geschlechter verbiete nicht die objektive wissenschaftliche Vermittlung von Anatomie, Genetik oder Endokrinologie. "Dozierende dürfen diese biologischen Merkmale jedoch nicht nutzen, um soziologische Konzepte fließender Geschlechtsidentitäten zu befürworten oder zu bestätigen", heißt es einschränkend.
Hochschullehrende berichteten gegenüber dem Online-Nachrichtenportal University World News von ihre Zweifeln und Befürchtungen, was die neuen Einschränkungen für ihre jeweiligen Fächer bedeuten könnten: Zensur bei ethischen Diskussionen, keine Ausstellung von Werken Caravaggios mit androgynem Amor oder Jean Delvilles "Schule Platons", die Streichung des Bestsellerromans "Das Schweigen der Lämmer" vom Lehrplan wegen der womöglich transsexuellen Figur des Täters, das Untersagen indigener Literatur, in welcher Homosexualität breit thematisiert wird.
Reaktionen aus der Wissenschafts-Community
Wie University World News am 22. April einordnete, ist Creightons Memo "bahnbrechend", da es als erstes in den USA ein Verbot für "inakzeptable" Masterarbeiten und Dissertationen vorsehe. Demnach haben Dozierende an Hochschulen, die amerikanische Professorenvereinigung (American Association of University Professors, AAUP), die amerikanische Vereinigung der Colleges und Universitäten (American Association of Colleges and Universities, AAC&U) sowie der Autorenverband PEN America das Memorandum "scharf kritisiert".
Andrew Martin, Professor für Bildende Kunst mit Schwerpunkt Zeichnung und Malerei und Präsident der AAUP-Ortsgruppe der Texas Tech University, habe Creightons Schreiben gegenüber dem Nachrichtenportal als "schockierend", "invasiv" und "eklatant verfassungswidrig" bezeichnet. Sowohl Martin als auch Professorin Amy Reid, Programmdirektorin von Freedom to Learn, PEN America, zweifeln an, dass es ein Bundesgesetz gebe, das vorschreibt, dass es nur zwei Geschlechter gebe. Lediglich ein Gesetz zur Klassifizierung von Geschlechtern in Dokumenten wie Geburtsurkunden sei vorhanden, das man nicht 1:1 auf die Hochschullehre anwenden könne.
Die AAC&U-Präsidentin Professorin Lynn Pasquerella äußerte gegenüber dem Onlineportal die Einschätzung, dass eine "rote Linie" überschritten worden und die garantierte akademische Freiheit verletzt worden sei. Nur den Dozierenden stünde die Kontrolle über die Lehrpläne auf Basis ihrer akademischen Expertise zu. Hier werde versucht, angeblicher "woken liberalen Indoktrination" mit einer eigenen Form der Indoktrination und Konformität entgegenzuwirken. Die Legitimität der Institution werde dadurch untergraben. Die AAC&U habe betont, dass offene Auseinandersetzung und die Konfrontation mit einem breiten Spektrum an Standpunkten wesentliche Bestandteile der Reifebildung seien und auf dem Arbeitsmarkt mehr gefragt seien als nur Fachkenntnisse.
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cva