Nahost-Konflikt
Neue LMU-Vortragsreihe zu Palästina ebenfalls umstritten
Am 7. Mai startet an der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München die dreiteilige Vortragsreihe "Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland". So gibt der Veranstaltungskalender des Instituts für den Nahen und Mittleren Osten bekannt. Die Reihe wird durch ihre Vorgeschichte und erneute Kritik belastet.
Im November 2025 wurde das Seminar "The Targeting of the Palestinian Academia" aufgrund zahlreicher Antisemitismusvorwürfe aus der Politik und vom Netzwerk jüdischer Hochschullehrender (NJH) abgesagt. Wie die Hochschule mitteilte, hätten Zweifel bestanden, "ob es sich um eine wissenschaftliche Veranstaltung auf dem erforderlichen Niveau gehandelt hätte". Nach der Absage wollte die LMU eine "integrative Strategie erarbeiten".
Als Ziel kommunizierte die Hochschule, mit dem zuständigen Professor Andreas Kaplony vom Lehrstuhl für Arabistik und Islamwissenschaft, Mitgliedern der Hochschulleitung und der Fakultät für Kulturwissenschaften "geeignete wissenschaftliche Formate auch für derart aufgeladene Themen zu entwickeln". Mit diesen Formaten solle gezeigt werden, dass es im universitären Umfeld möglich ist, harte Kontroversen mit respektvoller Rede zu verbinden sowie Engagement und wissenschaftliche Distanzierung in Einklang zu bringen.
Versuch eines Umgangs mit "aufgeladenen Themen" wie Palästina
Laut Beschreibung des Instituts soll sich die Vortragsreihe im Mai damit beschäftigen, welche "besondere Beziehung" palästinensische Universitäten zu Deutschland pflegen und was für ein "zwiespältiges Selbstbild" Palästinenserinnen und Palästinenser in Deutschland haben. Das Veranstaltungsprogramm und die konkreten Beschreibungen dazugehöriger Workshops sind geprägt von Erläuterungen wie "die dreizehn israelischen Universitäten funktionieren anders als die palästinensischen und die deutsche Öffentlichkeit redet über sie ganz anders. Daher sind sie nicht Thema dieser Vortragsreihe".
Die vorgesehenen inhaltlichen Brückenschläge deuten darauf hin, dass die LMU um ein integratives Konzept bemüht war: "Das Land zwischen Jordan und Mittelmeer ist ein globaler Sehnsuchtsort. Christlich gesprochen ist es das Land von Geburt, Leiden und Auferstehung Christi, jüdisch das Land der Verheißung und das Land Israels, muslimisch das Land von Nachtreise und Himmelfahrt, für alle drei das Land der Auferstehung am Ende der Zeit".
Gegenüber der Süddeutschen Zeitung (SZ) teilte Kaplony am 5. Mai mit, dass man bei der Konzeption insbesondere darauf geachtet habe, das Thema "sorgfältig zu framen" und stärker zu kontextualisieren. Ihn persönlich erreiche derzeit Kritik, aber ebenso viel Zuspruch – Diskussionen, die das "Kerngeschäft einer Universität" darstellten. Die Hochschulleitung habe laut SZ zugesichert, man habe einen aktivistischen Charakter der Veranstaltung, wie er der ursprünglich geplanten angehaftet habe, ausdrücklich vermeiden wollen.
Neu konzipierte Veranstaltung ebenfalls in der Kritik
In einem offenen Brief an die Universitätsleitung, Kaplony sowie den LMU-Antisemitismusbeauftragten Professor Karsten Fischer äußert sich das NJH erneut kritisch. Insbesondere zwei Gastrednerinnen und ein Gastredner werden als potentiell antisemitisch beurteilt: "Die Referentinnen und der Referent sind für die Vertretung von Thesen bekannt, die in das Spektrum des israelbezogenen Antisemitismus fallen". Es gäbe bei diesen durch Äußerungen und schriftliche Beiträge offensichtliche Beispiele "der Delegitimierung und Dämonisierung Israels sowie der Anwendung doppelter Standards". Zudem wird den Verantwortlichen vorgeworfen, bei Titeln und Beschreibungen der Vortragsreihe teils problematisch gerahmt oder "kontextverschoben" und "verfremdet" formuliert zu haben.
Der Vorstand des Netzwerks schließt den offenen Brief mit der Feststellung, dass es ihm bewusst sei, dass akademische Freiheit ein hohes Gut darstellt und nicht eingeschränkt werden dürfe. "Zugleich sehen wir ihre Grenzen dort erreicht, wo mit Verweis auf wissenschaftliche Arbeit Narrative verbreitet werden, die menschenfeindliche, insbesondere antisemitische Deutungsmuster reproduzieren oder legitimieren", heißt es zuspitzend. Das NJH erwartet die Prüfung der Bedenken und gegebenenfalls Maßnahmen, "um der Verbreitung antisemitischer Narrative an der LMU entgegenzuwirken".
Ebenfalls zu Wort gemeldet hat sich die pro-israelische Initiative Honestely Concerned am 5. Mai über die Social-Media-Plattform Facebook. Der 2002 in Frankfurt gegründete Verein wirft der LMU-Vortragsreihe vor, "politische Einflussnahme im akademischen Gewand" zu praktizieren und dass es sich um "einseitige Propaganda, durchzogen von Dämonisierung, Delegitimierung und gezielter Verzerrung von Realität" handle. Den Charakter eines offenen Diskurses, wissenschaftlichen Austausches oder differenzierter Auseinandersetzung spricht die Initiative der Veranstaltung explizit ab. "Besonders fatal ist das für jüdische Studierende, die genau an solchen Orten Schutz und sachliche Debatte erwarten sollten", resümiert Honestely Concerned.
Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik haben sich bisher – anders als bei der Veranstaltung im November 2025 – mit öffentlicher Kritik zurückgehalten.
cva