Eine Dreiergruppe aus formal gekleideten Personen präsentiert eine Gründungsurkunde, im Hintergrund ist "Technische Universität München" zu lesen.
Andreas Heddergott / TUM
Beliebt

Kritik an TUM
Sicherheitsrelevante Forschungskontakte nach China?

Forschende der TUM kooperieren mit der Shanghaier Universität. Ein Sprecher erklärt den Vorwurf, man riskiere riskanten Wissensabfluss, für haltlos.

11.08.2026

Mehrere Vorträge auf der internationalen Luft- und Raumfahrtkonferenz (International Conference on Aerospace System Science and Engineering) ICASSE im Juli in Hong Kong behandelten Technologien, die sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke genutzt werden können (Dual Use). So berichtete es das Handelsblatt (HB) in seiner Wochenendausgabe vom 17. bis 19. Juli und kritisierte aus diesem Grund die Konferenzteilnahme der Technischen Universität München (TUM). Auf Nachfrage von Forschung & Lehre erklärt ein TUM-Sprecher die Vorwürfe für haltlos: "Die Berichterstattung des Handelsblatts basiert auf unbelegten Vermutungen und künstlich hergestellten Zusammenhängen zwischen Themen, die in der Realität nichts miteinander zu tun haben." 

Die Wirtschaftszeitung hatte der TUM vorgeworfen, der veränderten geopolitischen Entwicklung mit der Teilnahme an der Konferenz zu wenig Rechnung zu tragen und damit sicherheitsrelevanten Wissensabfluss zu riskieren. Insbesondere die "strategische Partnerschaft" zwischen China und Russland stelle eine Gefahr dar. Der TUM-Sprecher reagiert darauf mit Unverständnis: "Beteiligungen der TUM an internationalen wissenschaftlichen Konferenzen, an denen auch Institutionen anderer NATO-Staaten teilnehmen, werden vom Handelsblatt als angebliche Zusammenarbeit mit russischen oder chinesischen Einrichtungen zu militärischen Zwecken skandalisiert." 

Besonders brisant ist dem HB zufolge die Gleichzeitigkeit mit dem landespolitisch forcierten Vordringen der TUM in die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsforschung: "Die TU München baut gerade mit Hochdruck eine 'Security and Defense Alliance' mit deutschen und europäischen Rüstungskonzernen wie Airbus, Diehl und Hensoldt sowie Start-ups wie Quantum Systems, Neuraspace und Isar Aerospace auf. Und kooperiert zur selben Zeit mit einer Universität, die als Treiber chinesischer Militärmodernisierung gilt." Damit ist die Shanghai Jiao Tong University (SJTU) gemeint, die Initiator und Veranstalter der seit 2017 jährlich stattfindenden Konferenz ist. Im April hätten TUM und SJTU darüber hinaus "feierlich eine Drohnenkooperation" verkündet. 

Tagesordnung der Konferenz: sicherheitsrelevant oder nicht? 

Laut Tagesordnung der ICASSE 2026 diskutierten die Forschenden in Hong Kong beispielsweise über Satellitennavigation, autonome und unbemannte Systeme (Unmanned Aerial Vehicle, UAV) wie Drohnen, militärisch nutzbare Sensorik, Bildverarbeitung und Strömungstechnik oder Künstliche Intelligenz (KI) im Einsatz bei Luftkampfszenarien oder bei der Verifikation von Datensätzen für sicherheitskritische Anwendungen. 

Gastgeber der Veranstaltung war in diesem Jahr die Hong Kong Polytechnic University. Zu den Geldgebern gehörten neben dem Moscow Aviation Institute (MAI) die TUM, die University of Toronto sowie die China Society of Aeronautical Education. 

"Die ICASSE ist eine internationale Konferenz, die jedes Jahr an einem anderen Standort stattfindet und an der jeweils eine Vielzahl von Wissenschaftseinrichtungen aus Europa, Asien und Amerika teilnehmen", erläutert der TUM-Sprecher gegenüber Forschung & Lehre. Die Vorträge basieren demzufolge auf bereits publizierten Arbeiten und die Diskussionsergebnisse werden allgemein zugänglich veröffentlicht. "Die Themen, mit denen sich die TUM an der ICASSE eingebracht hat, waren nicht-militärischer Natur", heißt es weiter seitens der Universität. 

Verschärfte Sicherheitsvorgaben seit der "Zeitenwende" 

Für den nicht verrechtlichen Bereich der Forschungssicherheit habe die TUM Sensibilisierungsmaßnahmen für Studierende und Mitarbeitende sowie ein Risikomanagement für internationale Kooperationen etabliert, das beispielsweise die Nutzung von national wie international gängigen Referenzrahmen umfasse, so der Sprecher der Universität. "Die TUM hat klare Regeln und Prozesse, um Forschungssicherheit nach besten Maßstäben zu gewährleisten und Wissensabfluss in sensiblen Bereichen zu minimieren", betont er. 

Es bestehe ein enger Austausch mit dem Bayerischen Wissenschaftsministerium sowie deutschen Sicherheitsbehörden wie dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) oder dem Verfassungsschutz. Bevor Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus Risikostaaten in sensiblen Forschungsbereichen an der TUM tätig werden können, führe das Auswärtige Amt nach eigenem Ermessen im Rahmen der Visumsbearbeitung eine sogenannte Proliferationsprüfung durch. 

"Seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs hat die TUM sukzessive klare Regeln und Prozesse eingeführt, um Forschungssicherheit nach besten Maßstäben zu gewährleisten und Wissensabfluss in sensiblen Bereichen zu minimieren", erläutert die Hochschule zur Frage nach strengeren Sicherheitsvorgaben seit der sogenannten Zeitenwende. Zunächst seien mit Beginn des russischen Angriffskrieges sämtliche institutionelle Partnerschaften mit russischen Universitäten ausgesetzt worden.

Schwerpunkt "China"

China ist ein wichtiger Forschungspartner Deutschlands. In unserem Online-Themenschwerpunkt "China" lernen Sie relevante Blickwinkel auf den Wissenschaftsstandort kennen.

TUM: Voneinander profitieren, ohne "blauäugig" zu sein 

Man forsche an der TUM mit chinesischen Partnern nicht an militärisch relevanten Themen und die Zusammenarbeit erfolge keineswegs blauäugig. Die Themenfelder, auf denen man Kooperationen eingehe, "werden streng auf ihre rechtliche Zulässigkeit und inhaltliche Sinnhaftigkeit geprüft sowie einer intensiven Nutzen- /Risikoabschätzung unterzogen", erläutert der TUM-Sprecher. "Auf Beschluss der Hochschulpräsidiums sind dennoch keine institutionellen Kooperationsprojekte mit einer Seven Sons-Universität an der TUM mehr möglich", so die Hochschule. 

Es sei zu berücksichtigen, dass sich China in den vergangenen Jahren "fulminant wissenschaftlich entwickelt" habe und chinesische Wissenschaftseinrichtungen inzwischen acht Plätze unter den Top-Einrichtungen im renommierten Nature Index Ranking belegten. Eine Verabschiedung der Akademia aus der Zusammenarbeit mit China wäre nicht nur hinderlich für die eigene Innovationskraft sowie den technologischen beziehungsweise wirtschaftlichen Fortschritt Deutschlands, sondern würde "in eine neue Ära wirtschaftlicher Abhängigkeiten" führen. 

"Die Anzahl der chinesischen Partnerschaften wurde drastisch reduziert auf wenige führende Universitäten wie die Tsinghua University oder die SJTU mit der klaren Intention, von internationalen Spitzenforschenden zu lernen und die eigenen wissenschaftlichen Fortschritte zu beflügeln", heißt es weiter. Genau deswegen sei die Hochschule bei der letzten Begutachtungsrunde der Exzellenzstrategie als "Vorzeigeeinrichtung gelobt" worden.

cva