Bild einer Hand, die eine Person wie eine Marionette führt
mauritius images / fStop / Malte Mueller
Beliebt

Forschung
Studie analysiert subtile Arten von Machtmissbrauch

Abhängigkeiten begünstigen verdeckte Formen von Machtmissbrauch in der Wissenschaft. Betroffene suchen oftmals Lösungen außerhalb des Systems.

20.04.2026

Die spezifischen Hierarchien und Abhängigkeiten, die den Wissenschaftssektor strukturieren, ermöglichen subtile und verdeckte Formen des Machtmissbrauchs. Diese werden von den gängigen Meldestrukturen allerdings kaum erfasst. Das hat eine Studie dreier Wissenschaftlerinnen ergeben, die sich mit geschlechtsspezifischer Gewalt und Ungleichheit auseinandersetzen. Sie ist Anfang April in der Fachzeitschrift Gender and Justice erschienen. Subtile Formen von Machtmissbrauch schaden demnach insbesondere Promovierenden sowie Forschenden in frühen Karrierephasen. Deren Umgang mit missbräuchlichem Verhalten hänge direkt mit den Rahmenbedingungen zusammen, in denen Machtmissbrauch stattgefunden habe. So versuchten sowohl Betroffene als auch unterstützende Personen oftmals, Lösungen "um das System herum" zu finden.

In ihrer Studie stützen sich Assistenzprofessorin Nicole Ovesen von der Universität Uppsala, Dr. Angelica Simonsson von der Universität Göteborg und Dr. Vilana Pilinkaitė Sotirovič des Lithuanian Centre for Social Sciences auf Interviews mit Betroffenen von Machtmissbrauch sowie Personen, die an institutionellen Maßnahmen gegen Machtmissbrauch mitwirken.

Formelle und informelle Abhängigkeiten in der Wissenschaft

Grundlage für das Ausnutzen von Macht bilden die hierarchisch geprägten Strukturen, die im Wissenschaftssystem – in den formellen wie auch in den informellen Kontexten – vorherrschen, so die Autorinnen. Abhängigkeitsverhältnisse entstünden beispielsweise zwischen Promovierenden und Betreuungspersonen, befristeten und festangestellten Forschenden, aber auch im institutionellen Sinne zwischen Forschungseinrichtungen und "Star-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern", die hohe Drittmittelsummen einwerben.

Aus diesen Abhängigkeitsverhältnissen erwachsen laut den Forscherinnen subtile Formen der Machtausübung und des -missbrauchs, bei denen es um Kontrolle, Isolation, Demütigung und Ausbeutung gehe. Auf formeller Ebene erleide beispielsweise die Karriere von Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern Schaden, wenn sie von Forschungsgruppen und -projekten ausgeschlossen oder ihnen Referenzen verweigert würden. Auch fahrlässiges Verhalten falle unter diese Kategorie, wenn beispielsweise "Beschwerden ignoriert, die Arbeitsbelastung erhöht oder die Unterstützung entzogen wird".

Eine wichtige Rolle in der wissenschaftlichen Arbeitswelt spielen außerdem informelle Netzwerke und Kontakte, deren Zugänglichkeit ebenfalls durch asymmetrische Machtverhältnisse bestimmt werde, betonen die Autorinnen. Gerade für Forschende, die sich am Beginn ihrer Karriere befänden, hänge die Teilnahme an solchen Netzwerken oftmals von der Förderung ihrer Betreuerinnen und Betreuer ab, die somit als Gatekeeper über In- oder Exklusion bestimmen könnten. Hier zeige sich deutlich, wie der akademische Raum als geschlossener oder bestenfalls auf Einladung zugänglicher Raum konstruiert werde: "Wer sich nicht beschwert, darf in dieses Feld eintreten."

Betroffene suchen nach nicht-institutionellen Lösungen

Wie die Studie zeigt, entscheiden sich viele Betroffene, nicht die institutionellen Beschwerdewege zu nutzen, sondern informelle Wege zu suchen, mit dem Erlebten umzugehen. Die Strategien reichen dabei vom Ziehen persönlicher Grenzen – beispielsweise der strikten Trennung von Arbeits- und Privatleben – über den Wechsel der Betreuungsperson bis hin zum Umzug in eine andere Stadt oder gar ins Ausland. Laut Autorinnen sehen selbst diejenigen, die sich auf institutioneller Ebene gegen Machtmissbrauch einsetzen, vorhandene Mechanismen kritisch und suchen mit den Betroffenen Wege um das System herum.

Abschließend appellieren die Forscherinnen an die Wissenschaft, sich mehr mit subtilen und verdeckten Formen von Machtmissbrauch auseinanderzusetzen und durch gezielte Befragungen Muster aufzudecken. Als konkrete Maßnahmen für Hochschulen und Forschungseinrichtungen empfehlen sie, große Förderprojekte nicht ausschließlich an eine Person zu binden. Zudem sollte Doktorandinnen und Doktoranden ermöglicht werden, die Betreuungsperson ohne eigene Nachteile zu wechseln.

hae