Studie der British Academy
Tausendfache Stellenstreichungen an UK-Hochschulen
Eingespartes wissenschaftliches Personal in geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen gefährdet strategisch wichtige Kompetenzen des Vereinigten Königreichs (UK). Das meldete die British Academy, die nationale Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften, am 15. Juli. Im Auftrag von The Guardian hatte die gemeinnützige Organisation die Entwicklungen im Personalbestand in der Hochschullehre je nach Fachdisziplin in den Geistes-, Sozial- und Kunstwissenschaften (social sciences, humanities, arts, SHAPE) untersucht.
Insgesamt ist die Anzahl der in der Hochschullehre Beschäftigten dieser Disziplinen laut Datenauswertung durch Stellenreduzierungen von 115.250 (2023) um rund 4.000 auf 111.300 (2024) gesunken. Im Verlauf des Jahres gingen nach Fachbereichen aufgeteilt knapp 3.000 Stellen in den Sozialwissenschaften, 820 in den Geistes- und 240 in den Kunstwissenschaften verloren.
Im zeitlichen Verlauf sind die Beschäftigtenzahlen an Hochschulen seit 2012 kontinuierlich von rund 93.000 auf den bisherigen Höchststand 2023 gestiegen – von einer leichten Delle im Coronajahr 2020 (105.100) abgesehen.
Hauptsächlich Personal in frühen Karrierephasen betroffen
"Die Analyse 'Mapping SHAPE Academic Staff' offenbart eine prekäre Lage für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Anfang ihrer Karriere", berichtete die British Academy. Insbesondere im vergangenen Jahr sei es zu massiven Stellenstreichungen beim Lehrpersonal an Hochschulen in ganz UK gekommen, wovon vor allem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen betroffen seien. Während 2025 die Zahl der an Hochschulen lehrenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen sowohl im Nordosten Englands als auch in den East Midlands um fast 20 Prozent gesunken sei, hätten London und Ostengland kaum rückläufige Zahlen aufzuweisen.
Sprach- und Geisteswissenschaften – etwa Anglistik und Klassische Altertumswissenschaften – hätten in diesem Berichtszeitraum (1. Dezember 2024 bis 1. Dezember 2025) die stärksten Einbußen zu verzeichnen. Die Fächer mit den größten Personalkürzungen waren The Guardian zufolge Soziale Arbeit (minus neun Prozent), Anglistik und Klassische Philologie (jeweils minus acht Prozent), Anthropologie (minus sieben Prozent) und Linguistik (minus sechs Prozent). Im Bereich Pädagogik und Soziale Arbeit gingen demnach zusammen fast 1.000 Stellen verloren, in Anglistik 440, in Medien und Journalismus 235, in Darstellenden Künsten 230, in Sprachen 225 und in Jura 215.
"Sollten die Chancen für die nächste Generation von Forschenden weiter schwinden, ist die Fähigkeit des Vereinigten Königreichs gefährdet, jene Expertise, jenes Wissen und jene Forschungskapazitäten aufzubauen, die zur Bewältigung künftiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen erforderlich sind", resümiert die Akademie diesen Trend. Absolventinnen und Absolventen dieser Fächer würden genau jene Kompetenzen erwerben, die dem Bedarf von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern entsprächen. Von der Identifizierung und Bekämpfung von Desinformation über den sicheren Einsatz von KI bis hin zur entscheidenden Rolle des Sprachenlernens in Diplomatie und nationaler Sicherheit – die Geistes- und Sozialwissenschaften sind der British Academy zufolge für diese aktuellen Fragen und Herausforderungen für UK von zentraler Bedeutung.
Bedrohen die Stelleneinbußen die Zukunft der Hochschulen?
Jo Grady, Generalsekretärin der Gewerkschaft der Universitäts- und Hochschulangehörigen (University and College Union, UCU), sagte gegenüber The Guardian: "Die Geisteswissenschaften werden von den Universitätsleitungen im ganzen Land ausgelöscht, und wir steuern rasant auf eine Situation zu, in der die akademischen Institutionen, wie wir sie seit Jahrhunderten kennen, nicht mehr existieren werden." Sie forderte ein "Soforthilfepaket, um das Sterben der großen britischen Universitäten zu verhindern".
Hetan Shah, Geschäftsführer der British Academy und Gastprofessor am King’s College London, erklärte laut Meldung: "Unsere Daten belegen eine Schwächung des Talentnachwuchses, von dem künftige Lehre, Forschung und Innovation abhängen. Ohne entschlossenes Handeln drohen strategisch wichtige Fachbereiche und Kompetenzen für das Vereinigte Königreich verloren zu gehen – sei es durch Zufall oder schlichtweg aus Unachtsamkeit." Eine wachstumsorientierte Industriestrategie lasse sich ohne qualifizierte Talente nicht erfolgreich umsetzen. "Wir benötigen einen schlüssigen Plan, um die langfristige Zukunftsfähigkeit der Universitäten für kommende Generationen zu sichern und regionalen Wohlstand zu ermöglichen", forderte Shah.
Ein Sprecher des britischen Bildungsministeriums versicherte auf Anfrage von The Guardian, dass man Maßnahmen ergriffen habe, um den Hochschulsektor auf "eine solide finanzielle Basis" zu stellen. Letztlich seien jedoch die Hochschulen selbst für die Verwaltung ihrer Finanzen verantwortlich.
"Studiengänge werden eingestellt, das Angebot schrumpft und geografische Ungleichheiten beim Zugang verfestigen sich."
Professorin Susan J. Smith, Präsidentin der British Academy
Die Präsidentin der British Academy, Professorin Susan J. Smith, äußerte sich Anfang Juli in einem öffentlichen Statement zu Kürzungen und Einschränkungen im Hochschul- und Forschungsbereich. Sie betonte, dass aus einem besorgniserregenden Trend in einigen wenigen Disziplinen inzwischen "ein Notfall" geworden sei, der alle Fächer bedrohe: "Studiengänge werden eingestellt, das Angebot schrumpft und geografische Ungleichheiten beim Zugang verfestigen sich." Bisher praktizierte "Quersubventionen" ließen sich zunehmend schwerer aufrechterhalten. Seien Kapazitäten erst einmal verloren, werde ihr Wiederaufbau schwierig und kostspielig sein. Es brauche einen neuen Ansatz für Finanzierung und Steuerung, koordiniert über alle Ministerien und Landesteile des Vereinigten Königreichs hinweg. "Angesichts des bevorstehenden Regierungswechsels in Großbritannien appellieren wir an die Regierung, diesem Thema Priorität einzuräumen", beendet Smith ihre Erklärung.
cva