Luftaufnahme des Campus Westend der Goethe Universität Frankfurt mit Blick auf das IG-Farben-Haus
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Kürzungen
Wie die hessischen Unis sparen

Der Hochschulpakt diktiert den Hochschulen in Hessen Einsparungen: Stellen fallen weg, Institute werden teils geschlossen oder verkleinert.

02.03.2026

Bei Hessens Universitäten und Hochschulen regiert der Rotstift. Stellen werden gestrichen oder vorerst nicht mehr nachbesetzt, Projekte laufen aus, und die Hochschulen tasten ihre Rücklagen an. Hintergrund ist der Hochschulpakt für die Jahre 2026 bis 2031, der die 14 staatlichen Universitäten und Hochschulen in Hessen zum Sparen zwingt. Macht sich das in der Forschung und Lehre bemerkbar? Und bleiben Hessens Universitäten trotz angespannter Finanzsituation im Rennen um vielversprechende Nachwuchstalente und Drittmittel auch künftig wettbewerbsfähig?

Universität Kassel streicht 30 Professuren

Wegen der Sparzwänge plant die Universität Kassel nach Angaben eines Sprechers, in den kommenden Jahren unter anderem auf bis zu 30 Professuren zu verzichten. Trotzdem betonte der Sprecher: "Der Erhalt der Funktionsfähigkeit, einer guten Betreuungsrelation und Studienqualität und der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit der Universität Kassel haben oberste Priorität."

Auch in Verwaltung und zentralen Einrichtungen werde gespart. Zudem verzichte die Universität beispielsweise auf ein Gebäudesanierungsprojekt, eine große Anmietung und spare an Sachausgaben. "Die Universität Kassel ist durch den Hochschulpakt 2026 bis 2031 zu Maßnahmen gezwungen, die wir kritisch sehen", erklärte der Sprecher. "Wir halten es für falsch, an Wissenschaft und Hochschulbildung zu sparen." Unter den gegebenen Bedingungen seien jedoch an der Universität Kassel, wie an allen hessischen Hochschulen, Einsparungen unausweichlich.

Keine Abstriche bei Forschung und Lehre in Marburg

Um 141 Millionen Euro muss die Marburger Philipps-Universität ihre Ausgaben bis 2031 kürzen. Dafür setzt die Universität auf eine Vier-Punkte-Strategie, wie Universitätspräsident Thomas Nauss bekräftigt: Entnahme aus Rücklagen, die Streichung von 100 Dauerstellen in zentralen Bereichen, eine verzögerte Nachbesetzung von Stellen in Fachbereichen und wissenschaftlichen Zentren gehören dazu. Zudem wird weitgehend auf den Inflationsausgleich verzichtet.

Betroffen vom Stellenabbau seien auch das Rechenzentrum und die Unibibliothek, sagt Nauss. Er will die Einsparungen nicht nur negativ sehen, sondern auch als Chance zur Verschlankung: Der Abbau von 100 der 700 Verwaltungsstellen heiße auch, "dass wir jetzt mal das tun müssen, über was alle reden, nämlich Bürokratie überall abbauen". Auswirkungen auf die wissenschaftliche Qualität sollen die Einsparungen nach den Worten des Präsidenten nicht haben – im Gegenteil: Die Zahl der Berufungen solle eher noch ausgebaut und Promovierenden trotz der Sparzwänge auch weiterhin ermöglicht werden, ihre Dissertationen abzuschließen. Auch bei den Studiengängen plane die Universität keine Einschnitte, so Nauss.

Schließung und Verkleinerung von zwei Instituten an TU Darmstadt 

Anders sieht es bei der Technischen Universität (TU) Darmstadt aus – hier schlägt sich der Sparzwang direkt auf das Studienangebot nieder: So wird zum Jahresende das Institut für Sportwissenschaft geschlossen sowie das Institut für Angewandte Geowissenschaften verkleinert, das im Fachbereich Bau- und Umweltingenieurwissenschaften aufgeht. Im Dezember kommentierte TU-Kanzler Martin Lommel gegenüber der Hessenschau die Schließung der Sportwissenschaft: "Wir müssen unsere Kernbereiche stärken und uns schweren Herzens von Bereichen trennen, die nicht zum Kern einer technischen Universität gehören."

Weitere Sparmaßnahmen betreffen die Fachbereiche sowie die Zentrale Verwaltung – dadurch sei mit Serviceeinschränkungen und -anpassungen zu rechnen.

Die Sparmaßnahmen hätten aber nicht nur an der TU, sondern an allen Hochschulen Hessens direkte Konsequenzen für alle Fachdisziplinen – von Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften über Natur- und Ingenieurswissenschaften bis zu Lebenswissenschaften und Medizin ‒ "und das in einer Zeit, in der qualifizierte Fachkräfte und wissenschaftsbasierte Innovationen für einen wirtschaftlichen Aufschwung Hessens dringend benötigt werden".

"Sofortmaßnahmen" und Kürzung von Personalkosten in Gießen 

Die Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen sieht ihr Einsparziel von jährlich 25 Millionen Euro als erreichbar, wenn "Sofortmaßnahmen" wie die ausgesetzte Neubesetzung von Stellen noch bis Jahresende weiterlaufen. Mehr als 100 Vollzeitstellen seien im vergangenen halben Jahr weggefallen, wie die JLU auf ihrer Homepage bekanntgab – durch auslaufende Projekte, frei werdende Dauerstellen und die Reduktion befristeter Stellen in Fachbereichen. Bis Jahresende soll zudem eine zehnprozentige Kürzung der Personalkosten vereinbart werden, die allerdings unter Vorbehalt kommender Tarifabschlüsse stehe.

Stellenmoratorium und Investitionsstopp an der Goethe-Uni

"Die Frankfurter Goethe-Universität hat bereits im vergangenen Jahr Berufungen und Stellenbesetzungen kurzfristig gestoppt und Investitionen weitgehend angehalten, zunächst bis September 2026", sagt ein Hochschul-Sprecher. "Dabei handelt es sich um Sofortmaßnahmen, damit die Universität und ihre Fachbereiche in 2025 und 2026 zahlungsfähig bleiben."

Aber wie geht es langfristig weiter? Darüber wird an Hessens größter Hochschule gerade intern heftig gerungen. Die Fachbereiche seien dabei, "Entwicklungskonzepte" auszuarbeiten, so der Sprecher. "Dieser partizipative Prozess wird noch mehrere Monate andauern."

Wie schätzt die Goethe-Universität die Folgen für Forschung und Lehre ein? "Wenn Stellen nicht besetzt und Investitionen nicht getätigt werden, können Aufgaben in Forschung, Lehre und Transfer, aber auch in der Verwaltung nicht mehr im selben Maße erfüllt werden", sagt der Sprecher. "Damit die Qualität nicht langfristig leidet, wird die Universität identifizieren, welche Aufgaben sie künftig nicht mehr erfüllen kann."

Bereits im Dezember vergangenen Jahres kündigte ein Sprecher der Hochschule gegenüber der Hessenschau an, dass für wichtige Baumaßnahmen kein Geld mehr übrig sei. Eine geplante Solaranlage auf einem der Dächer liege daher auf Eis. Auch Reparaturen am IG-Farben-Haus müssten warten, während Gerüste und Zäune für Sicherheit sorgten. Verpflichtungen in Forschung und Lehre würde Priorität gegeben, sagte damals der Sprecher. "Schönheit muss leider dahinter zurückstehen."

Minister Gremmels sieht Hochschulen auf "richtigem Kurs"

Währenddessen sieht Hessens Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) die hessischen Hochschulen trotz der derzeitigen Sparzwänge auf dem "richtigen Kurs". Der im vergangenen Sommer beschlossene Hochschulpakt schaffe Planungssicherheit, finanzielle Verlässlichkeit und strukturelle Perspektiven, erklärte der Minister auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. "Wir reagieren strategisch auf die gegenwärtigen Haushaltsbedingungen, um Hochschulen in Hessen auch künftig stark, innovationsfähig und zukunftsbereit zu halten."

Man sei sich der Herausforderungen bewusst, vor der die Hochschulen stünden und nehme wahr, was bislang an Sparmaßnahmen bekannt geworden sei, hieß es von dem Ministerium. Die Hochschulen müssten im Rahmen ihrer Autonomie und Budgetverantwortung sowie der gesetzlichen Vorgaben selbstständig entscheiden, auf welche Bereiche sie ihre Schwerpunkte legten und wie sie ihre Mittel verwalteten.

Gutes Abschneiden bei Exzellenzclustern

Gremmels hob hervor, der Wissenschaftsstandort Hessen sei "stark wie lange nicht, und wir arbeiten dafür, dass Hessen noch mehr Bedeutung gewinnt". Dabei verwies er auf die sechs erfolgreichen hessischen Exzellenzcluster-Anträge im vergangenen Jahr – das seien fünf Cluster mehr als bei der vorangegangenen Runde 2019. "Dadurch fließen in den kommenden sieben Jahren mehr als 220 Millionen Euro zusätzliche Bundesmittel nach Hessen, die vom Land neben dem Hochschulpakt kofinanziert werden."

Bei der Vorbereitung auf den hart umkämpften Exzellenz-Wettbewerb habe das Land seine Universitäten intensiv unterstützt und tue das auch weiterhin bei der Bewerbung zweier hessischer Verbünde um den begehrten Rang der Exzellenzuniversität, so Gremmels. Vertreten sind als "H_CORE – Hessian Collaboration for Research Excellence" die Universitäten Gießen und Marburg.  In der bundesländerübergreifenden "Allianz der Rhein-Main-Universitäten" kooperieren die TU Darmstadt und die Goethe-Universität Frankfurt mit der rheinland-pfälzischen Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

dpa/cpy