Mitarbeiter sitzen bei einer Besprechung um einen Tisch
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Interview mit Dr. Freya Gassmann Wie führen Professoren?

Der Führungsstil von Professorinnen Professoren ist kaum erforscht. Dr. Freya Gassmann hat Mitarbeitende an der Universität des Saarlandes befragt.

Von Katrin Schmermund 09.03.2018

Forschung & Lehre: Frau Dr. Gassmann, Sie haben als Teil Ihrer Doktorarbeit das Führungsverhalten von Professorinnen und Professoren aus Sicht der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes untersucht – warum dieser Fokus?

Freya Gassmann: Zu wissenschaftlichen Mitarbeitern an deutschen Universitäten gibt es nicht sonderlich viele Studien. Doch sind diese als Personalkategorie gerade in den letzten Jahren sehr wichtig für ein funktionierendes Forschungs- und Lehrsystem innerhalb von Universitäten geworden, auch da ihre Zahl sehr stark gestiegen ist. Der interessante und auch deutliche Unterschied von Universitäten zu Unternehmen ist, dass wissenschaftliche Mitarbeiter in erster Linie mit dem Lehrstuhl und dem Professor verbunden sind und erst in zweiter Linie mit der Universität als eigentlicher Arbeitgeberin. Das hat mit der historischen Genese der Universität als Zusammenschluss von Wissenschaftlern und ihren Schülern und dem daraus resultierenden Aufbau der Universität zu tun.

F&L: Wie spiegelt sich das in der Hochschulpraxis?

Freya Gassmann: Häufig übernehmen die vorgesetzten Professoren Aufgaben eines Arbeitgebers, beispielsweise in der Gestaltung von Arbeitsverträgen. Ein weiterer Unterschied ist, dass sich die Mehrheit der wissenschaftlichen Mitarbeiter innerhalb ihrer Tätigkeit qualifizieren und der Professor daher auch derjenige ist, der ihre Leistung  – in Form von Noten – bewertet, also noch eine Art Lehrer-Schüler-Verhältnis besteht. Darüber hinaus forschen Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter gemeinsam, woraus sich auch eine Art Kollegenverhältnis ergibt. Das Verhältnis von Professoren und ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern entscheidet daher sehr stark darüber, unter welchen Bedingungen wissenschaftliche Mitarbeiter arbeiten.

F&L: Ihre Ergebnisse zeigen, dass die meisten wissenschaftlichen Mitarbeiter das Führungsverhalten ihrer Vorgesetzten als kooperativ und gut empfinden. Professoren beziehen sie etwa in Entscheidungen ein und unterstützen sie bei Forschungsprojekten. Es gibt nach ihrer Studie aber Unterschiede zwischen den Fachbereichen: Medizin-Professoren werden im Vergleich zu Kollegen aus anderen Fächern etwa häufiger als bestimmend wahrgenommen. Wie erklären Sie sich das?

Freya Gassmann: Die Unterschiede sind zum einen durch die Arbeitsprozesse, aber auch durch die Fachkultur beziehungsweise die historischen Entwicklungen des Faches geprägt. Die Medizin ist als Fach im Vergleich zu anderen Fächern wie beispielsweise denen der Philosophischen Fakultät in einem höheren Ausmaß durch Ablaufroutinen geprägt und damit auch standardisierter. Das gilt sowohl für Abläufe im Klinikbereich als auch im Kontakt mit den Patienten und der Forschung im Labor. Dies führt wiederum dazu, dass es in der Regel formaler zugeht und eine klarere Hierarchie zwischen Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern ausgelebt wird als in anderen Fächern. Insgesamt dominiert aber auch hier ein kollegiales Klima. Das Verhältnis zwischen Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern ist auf gegenseitigem Vertrauen aufgebaut und es gibt wenig Kontrolle von außen.

F&L: Vor allem in den Fakultäten für Mathematik und Informatik geht es nach ihrer Analyse sehr kollegial zu – wie lässt sich dies mit Arbeitsprozessen und Fachkultur erklären?

Freya Gassmann: Insbesondere in der Informatik sind Arbeits- und Forschungsprozesse nicht in einer vergleichbaren Art wie etwa in der Medizin standardisiert, was auch damit zusammenhängt, dass die Informatik als Fach eher jung ist. Außerdem kann man hier auch damit rechnen, dass wissenschaftliche Mitarbeiter aufgrund der schnellen Entwicklungen ein großes Expertenwissen und damit funktionale Autorität aufweisen, sodass die bestehende administrative Hierarchie flexibler gelebt wird.



Forschung & Lehre: Wie wirken die verschiedenen Führungsstile auf die Mitarbeiter?

Freya Gassmann: Wie auch in anderen Arbeitskontexten führt vor allem der kooperative Führungsstil dazu, dass Mitarbeiter zufriedener und motivierter sind und damit bessere Ergebnisse erzielen können. Darüber hinaus ist unter einem kooperativen Vorgesetzten das Arbeitsklima besser. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter erleben ihre Arbeit als sinnvoller und haben deutlich mehr eigenen Gestaltungsspielraum, was ihnen sehr wichtig ist. Auch haben sie unter einem kooperativen Führungsstil eine stärkere Bindung zur Universität als diejenigen mit einem sehr dominanten Lehrstuhlinhaber, was im Einzelfall auch dazu führen kann, dass diese die Universität verlassen.

F&L: Versuchen wissenschaftliche Mitarbeiter nicht, die Probleme an der Universität zu lösen?

Freya Gassmann: Anders als in einem Unternehmen haben wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität nicht so einfach die Möglichkeit, sich an ihren Arbeitgeber zu wenden, wenn sie Schwierigkeiten mit dem Vorgesetzten nicht alleine lösen können. In einem Unternehmen könnten sie beispielsweise um die eigene Versetzung in eine andere Abteilung bitten. Das ist an einer Universität eher nicht möglich, da das Arbeitsverhältnis praktisch zwischen wissenschaftlichem Mitarbeiter und Professor besteht. Hinzu kommt die Besonderheit, dass sie sich in einer Qualifikationsphase befinden, in der ihre Leistungen vom Professor bewertet werden, woraus eine gewisse Abhängigkeit entsteht. Wissenschaftliche Mitarbeiter haben aber natürlich die Möglichkeit, sich an den Personalrat, einen Vertrauensdozenten, andere beratende Stellen innerhalb der Universität oder in schwerwiegenden Fällen auch an den DFG Ombudsman zu wenden. Die Frage, wie sie ihre eventuelle Unzufriedenheit mit dem Lehrstuhlinhaber lösen können, stellen sich viele aber gar nicht.

F&L: Wie meinen Sie das?

Freya Gassmann: Das Verhältnis zwischen Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern ist meist ein Verhältnis auf Zeit, da rund 90 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Universitäten in Deutschland befristet beschäftigt sind. Sie neigen daher dazu, durchzuhalten, wenn möglich ihre Promotion noch abzuschließen und mit Abschluss ihres Vertrags zu gehen. Den Lehrstuhl innerhalb einer Universität zu wechseln ist unüblich.

F&L: Zeichnet sich ein Trend ab, wie sich das Führungsverhalten in den letzten Jahren verändert hat?

Freya Gassmann: Dafür ist die Datenlage zu dünn. Es gab beispielsweise eine Studie vor etwas weniger als zehn Jahren. Die Ergebnisse, was die Zusammensetzung der Führungsstile anbelangt, sind im Großen und Ganzen vergleichbar zu den jetzigen, aber daraus lässt sich kein Trend ableiten.

F&L: Sie wollen sich auch künftig mit dem Verhältnis zwischen Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern beschäftigen. Welche Folgestudien planen Sie?

Freya Gassmann: Es wäre wichtig, die Professoren zu befragen, um das Beziehungsverhältnis auch aus ihrer Perspektive untersuchen zu können. Dabei interessiert mich auch, wie sie zum Beispiel auf unterschiedliche Typen von wissenschaftlichen Mitarbeitern reagieren und möglicherweise ihren Führungsstil anpassen. Wie bereits gesagt, findet das Verhältnis von wissenschaftlichen Mitarbeitern und Professoren auf sehr vielen unterschiedlichen Ebenen statt. Diese betreffen das administrative Angestelltenverhältnis, den Bereich der Qualifikation, das gemeinsame Arbeiten in der Forschung und natürlich auch mögliche Absprachen in der Lehre. Diesen Fragen möchte ich mich gerne widmen, um mögliche Differenzen herauszuarbeiten.

Wie beurteilen Professoren der Universität des Saarlandes ihren Führungsstil? Zwei Einschätzungen.

Professorin Dr. Stefanie Haberzettl, Fachrichtung Germanistik: "Meinen Führungsstil würde ich als kooperativ bezeichnen, mit häufigen Ausrutschern ins Laissez-Faire, aus Not und mit schlechtem Gewissen. Gute Führung bedeutet für mich in erster Linie, verlässlich eine Ansprechpartnerin ohne Launen zu sein, an die man sich auch bei  Problemen angstfrei wendet und die das Gefühl vermittelt, dass man eine Lösung finden wird. Idealerweise hat sie auch die eine oder andere gute Idee parat, wie man die Sache anpackt, und bekommt es mit, wann etwas mehr Druck hilfreich wäre. Dabei liegt es für mich auch auf der Hand, dass Mitarbeiter in ihrem jeweiligen 'Spezialgebiet'  zumindest nach einer gewissen Zeit vermutlich kompetenter ist als ich. Wenn sie anerkennen, dass ich trotzdem an dem einen oder anderen Wendepunkt die entscheidende Eingebung habe, wie es am besten weitergeht, freue ich mich."

Professor Dr. Bastian Popp, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Handelsmanagement: "Ich pflege eine kooperativen Führungsstil, bei dem Mitarbeiter entsprechend Ihrer Aufgaben in die Erarbeitung von Problemlösungen einbezogen werden, die Delegation von Aufgaben der Erfüllung gemeinsamer Zielen dient und die gegenseitige Wertschätzung des Engagements wichtig ist. Wissenschaftliche Mitarbeiter sind ein zentrales Element im Wissenschaftssystem und die Zukunft qualitativ hochwertiger Forschung, weshalb mir Ihre Unterstützung sehr wichtig ist. Gute Führung wissenschaftlicher Mitarbeiter unterstützt sie bei der Entfaltung Ihrer Interessen und der Entwicklung Ihrer Forschungspersönlichkeit."