Person ölt Getriebe von Zahnrädern
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Serie: 25 Jahre Forschung & Lehre
Zu wenig Wissenschaft – zu viel Betrieb?

Wissenschaft lebt von Freiraum. Dennoch sind Strukturen und Regeln notwendig. Auf die richtige Balance kommt es an, meint der HRK-Präsident.

Von Peter-André Alt 07.01.2019

In einem immer noch lesenswerten Aufsatz aus dem Jahr 1968 schrieb Niklas Luhmann, die Wissenschaft habe "die spezifische Funktion, die Welt für die Gesellschaft offen zu halten. Für diese Funktion wird sie freigestellt."

Das ist die denkbar lapidarste Begründung für die Bestimmungen des Artikels 5, Absatz 3 unseres Grundgesetzes, der die Freiheit von Forschung und Lehre sicherstellt. Wissenschaft hat dafür zu sorgen, dass wir die Welt in unterschiedlichen Möglich­keitsformen denken und damit weiterentwickeln können. Im Gegenzug räumt ihr die Gesell­schaft Autonomie ein, damit sie die erforderlichen Räume für ihre Kernoperationen – Expe­rimente, Erhebungen, Datenanalysen, Theoriebildung – gewinnt.

Die Organisation dieser Frei­heit obliegt Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie zielt auf die Bereitstellung finan­zieller, technischer und personeller Ressourcen, die ihrerseits Freiheit in Lehre und Forschung ermöglichen. Indem sie die für die Organisation von Wissenschaft erforderlichen Rahmen­bedingungen schaffen, 'betreiben' Hochschulen und Forschungseinrichtungen Wis­senschaft. Im Wortsinn meint also 'Wissenschaft als Betrieb' ganz wertfrei die Bereitstellungs- und Ermöglichungsfunktion von institutionellen Einheiten, die Forschung und Lehre in Gang halten.

Neue IT-Strukturen: Priorisierung des Betriebs vor Wissenschaft

Sieht man von den seltenen Fällen einer ressourcenunabhängigen privaten Forschung ab, die heute nur noch in den Geisteswissenschaften denkbar ist, dann erzeugt der Betrieb auf der Grundlage von Personal und Infrastruktur die Wissenschaft als System. Im Licht dieser einfachen Definition bilden Wissenschaft und Betrieb funktional gesehen keinen Gegensatz, sondern eine Einheit, denn der Betrieb ist die Voraussetzung dafür, dass frei geforscht und gelehrt werden kann.

Was aber geschieht, wenn der Betrieb seine Aufgabe verfehlt und sich von einer dienenden in eine selbstständige Rolle bewegt? In einem solchen Fall kommt es zum Überschuss an Orga­nisation, der sich in einer Ablösung von den Kernfunktionen bekundet. Solche Tendenzen gibt es allenthalben, wo formale oder technische Regularien für Sicherheitsfragen, Personal­ent­wick­lung oder Ausstattung gelten.

Unterstützende Systeme können dann zu sich verselb­ststän­digenden Einheiten werden, wie das folgende Beispiel zeigt. Im Rahmen der gestuften Stu­diengänge (BA, MA) führten alle Hochschulen eine neue IT-Struktur ein, in der Lehrveranstaltungen durch Management-Systeme online verwaltet werden.

"Freiheit wird Chaos, wenn man sie nicht in Strukturen organisiert." Peter-André Alt

Auf internen Platt­formen melden sich die Studierenden für die jeweilige Veranstaltung an, während die Dozie­renden dort Prüfungsnoten hinterlegen und Kursmaterialien bereitstellen. Als bei der Implementierung des Bachelors eine Notengebung mit unterschiedlicher Akzentuierung gefordert wurde – am Studienbeginn geringer, am Studienende stärker gewichtet –, da hieß es an vielen Hochschulen, das könne man nicht realisieren, weil es sich im IT-System nicht ab­bil­den lasse. Ein typischer Fall von Priorisierung des Betriebs gegenüber der Sache, und natürlich eine falsche Argumentation.

Dass solche Formen der Verschiebung vorkommen, ist evident. Allerdings sollte man deshalb den Grundsatz des Systems keineswegs in Frage stellen: Freiheit wird Chaos, wenn man sie nicht in Strukturen organisiert; das gilt auch für Forschung und Lehre. Um die Prioritäten im Blick zu behalten, wäre es womöglich sinnvoll, über den Verwaltungsgebäuden deutscher Hochschulen und Forschungseinrichtungen ein Motto anzubringen: "Die Administration dient der Wissenschaft". Als vorsorgliche Erin­nerung an die Arbeitsteilung, die das Verhältnis von Wissenschaft und Betrieb klar regelt.

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