CHE-Studie
Zwei Drittel der Hochschulleitungen sind älter als 55 Jahre
Fast sieben von zehn Rektorinnen, Rektoren, Präsidentinnen oder Präsidenten an deutschen Hochschulen sind 55 Jahre alt oder älter (68,2 Prozent) und steuern somit in den kommenden zehn bis zwölf Jahren auf den Ruhestand zu. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Demografischer Wandel im Hochschulmanagement – Chancen und Herausforderungen" des CHE – Centrum für Hochschulentwicklung. Bei den Prorektorinnen und -rektoren, bei den Vizepräsidentinnen und -präsidenten sind demnach 55 Prozent, bei den Hochschulkanzlerinnen und -kanzlern beziehungsweise bei den Verwaltungsleitungen 45 Prozent in dieser Altersgruppe. In allen drei Top-Positionen stünden in den kommenden Jahren zahlreiche Wechsel bevor.
In der CHE-Pressemitteilung vom 30. September heißt es erläuternd zu den Studienergebnissen: "Wie stark das Hochschulpersonal vom demografischen Wandel betroffen ist, unterscheidet sich erheblich – je nach Tätigkeit, Hochschultyp, Trägerschaft und Region". Gleichzeitig veränderten sich viele Berufsbilder und die technischen Unterstützungsmöglichkeiten, so dass der Generationenwechsel Herausforderung und Gestaltungschance zugleich sei.
Grundlage der Analyse sind Daten des Statistischen Bundesamts zur Altersstruktur des Hochschulpersonals aus dem Jahr 2024 sowie eine bundesweite Online-Befragung von Hochschulkanzlerinnen und -kanzlern beziehungsweise hauptamtlichen Vizepräsidentinnen und -präsidenten für Haushalt und Personal.
Handlungsdruck variiert, neue Tätigkeitsprofile entstehen
Der demografische Wandel verschärft den Wettbewerb um Personal: Die befragten Kanzlerinnen und Kanzler nennen schwierige Nachbesetzungen, den Verlust von Erfahrungswissen und die begrenzte Wettbewerbsfähigkeit von Hochschulen als Arbeitgeber als zentrale Herausforderungen. Besonders bei spezialisierten Tätigkeiten können längere Vakanzen entstehen.
"Hochschulen sollten deshalb wissen, wo bei ihnen welche Personalabgänge zu erwarten sind, und frühzeitig darauf reagieren."
Dr. Sigrun Nickel, Leiterin Hochschulforschung, CHE
Wie groß der Handlungsdruck sei, variiere stark. So sind laut Studie 59 Prozent der Kanzlerinnen und Kanzler an Universitäten mindestens 55 Jahre alt, an Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaften sind es indes nur 37 Prozent. Auch die Trägerschaft mache einen Unterschied: Unter Rektorinnen und Rektoren sowie Präsidentinnen und Präsidenten beträgt der Anteil der über 55-Jährigen an staatlichen Hochschulen 73 Prozent, an privaten 57 Prozent. Insgesamt weisen die westdeutschen Länder höhere Anteile älterer Beschäftigter auf als die ostdeutschen. Dr. Sigrun Nickel, Leiterin Hochschulforschung beim CHE, resümiert: "Die Zahlen zeigen, dass es einen einheitlichen, flächendeckenden demografischen Wandel an deutschen Hochschulen nicht gibt. Hochschulen sollten deshalb wissen, wo bei ihnen welche Personalabgänge zu erwarten sind, und frühzeitig darauf reagieren."
Ein besonders wichtiger Abschnitt der Studie ist die qualitative Auswertung offener Antworten. Für die kommenden zehn Jahre sehen die im Rahmen der Analyse befragten Kanzlerinnen und Kanzler besonders großes Wachstumspotential bei der Digitalisierung der Verwaltung, der Digitalisierung von Lehre und Studium sowie im IT-Management. 62 Prozent erwarten, dass neue Arbeitsbereiche entstehen oder an Bedeutung gewinnen. Künstliche Intelligenz spielt dabei eine wichtige Rolle. Genannt werden unter anderem KI-Governance, Prozessautomatisierung, Organisationsentwicklung, Datenmanagement und Cybersecurity. "In den vergangenen fünf Jahren ist im nicht-wissenschaftlichen Personal von Hochschulen vor allem bei der Digitalisierung von Lehre und Studium (83,7 %) ein Stellenaufwuchs zu verzeichnen", heißt es dazu beispielhaft in der Studie. Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und technologische Transformation müssten gemeinsam gedacht werden.
Auch bei Leitungspositionen verändern sich demzufolge die Anforderungen. Bei künftigen Kanzlerinnen und Kanzlern bleiben fachliche Kenntnisse wichtig, zugleich gewinnen aber übergreifende Management- und Schnittstellenkompetenzen an Bedeutung. Früher standen juristische Kompetenzen im Vordergrund, heute sind es eher spezifische Qualifikationen im Hochschul- und Wissenschaftsmanagement. Zudem sehen die Befragten starre staatliche Vorgaben für Karrieren im Hochschul- und Wissenschaftsmanagement überwiegend kritisch. Rund drei Viertel (74,6 Prozent) lehnen etwa eine Promotion als formale Voraussetzung eher oder vollständig ab.
Längere Vakanzen im Hochschulmanagement gezielt vermeiden
"Der Generationenwechsel fällt in eine Zeit, in der sich Aufgaben und Kompetenzanforderungen stark verändern", fasst Nickel zusammen. "Hochschulen sollten deshalb nicht einfach bestehende Stellenprofile fortschreiben. Sie brauchen Spielraum für neue Profile und Karrierewege. Neue Aufgaben brauchen neue Kompetenzen – aber keine neuen starren Schubladen."
"Der Generationenwechsel fällt in eine Zeit, in der sich Aufgaben und Kompetenzanforderungen stark verändern."
Dr. Sigrun Nickel, Leiterin Hochschulforschung, CHE
Die Autorinnen der Studie empfehlen deshalb neben vorausschauender Personalplanung auch attraktivere Arbeitsbedingungen und sichtbare Entwicklungswege. Eine wichtige Zielgruppe befinde sich direkt auf dem Campus: Hochschulen könnten Studierenden bereits während des Studiums Einblicke in die vielfältigen Tätigkeitsfelder von Hochschulverwaltungen und anderen wissenschaftsunterstützenden Managementbereichen geben und berufliche Perspektiven jenseits von Forschung und Lehre sichtbar machen.
cva