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Kommentar Avenidas

Der Beschluss der Alice Salomon-Hochschule, ein Gedicht Eugen Gomringers übermalen zu lassen, hat hohe Wellen geschlagen. Ein Kommentar.

Von Michael Hartmer Ausgabe 2/18

Wer als Mann eine Frau bewundert, macht sie zum Objekt. Auf dieser zweifelsfrei zweifelhaften These beruht der Beschluss der Alice Salomon Hochschule (ASH), ein Poem nicht nur zu kritisieren, sondern öffentlich zu diskreditieren.

Nun muss es dem Senat einer deutschen Hochschule erlaubt sein, auch einmal etwas Kritikwürdiges zu beschließen. Was dem Senat der Universität Greifswald recht ist, darf der ASH billig sein. Akademische Freiheit und Hochschulautonomie bewähren sich gerade im Ertragen von als falsch empfundenen Entscheidungen.

Bemerkenswert an dieser Affäre ist zweierlei: Ein Rektor, der sich nicht entblödet, die zensuraffine Entscheidung dem staunenden Publikum als "klares Bekenntnis zur Kunst" zu verkaufen. Das ist schlichtweg dreist. Und – wieder einmal – eine Auseinandersetzung um political correctness ohne Augenmaß und Streitkultur. Da ist es nicht verwunderlich, dass nicht nur die verblüfften Herren, sondern auch die verehrten Damen der insgesamt zu sehr als übersensibilisiert und geifernd wahrgenommenen Geschlechterdebatte bei aller gebotenen Toleranz und gesellschaftspolitischen Aufgeschlossenheit überdrüssig werden.

Wohin werden uns diese Avenidas führen? Zu mehr Freiheit? Zu mehr Gerechtigkeit? Posse oder Me­nete­kel, das ist hier die Frage.