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Kommentar
Bologna vorm Kopf

Bachelor und Master als Berufsabschlüsse sollen das Ausbildungssystem nach vorne bringen. Doch dürfte das nach hinten losgehen.

Von Katrin Schmermund 30.11.2018

Anja Karliczek hält an ihrem Vorhaben fest: Künftig soll es zum Beispiel den "Berufsbachelor in Kfz-Technik" geben. Denn die Bundesbildungsministerin will mit neuen Fortbildungs-Labels für Schwung in der Ausbildung sorgen. Auszubildende sollen mehr Wertschätzung erfahren, ihr Gehalt soll steigen. Das Ziel ist gut, der angedachte Weg führt in die Irre.

Karliczek gefährdet nicht nur den ohnehin schon lädierten Ruf des Studiums seit der Bologna-Reform. Sie schadet auch der Ausbildung, die sie eigentlich voranbringen will.

Ihr Vorstoß vermittelt das Signal, dass die berufliche Ausbildung eine Angleichung an das Studienmodell brauche, damit sie etwas wert sei. Hätte man den Berufsbachelor in der Tasche, wäre es immer noch nicht der "richtige Bachelor" – und das sollte auch nicht das Ziel sein.

Statt "Bologna vor dem Kopf" brauchen wir starke Absolventen aus Studium und Ausbildung. Karliczeks Vorstoß verwässert wie von der HRK zurecht kritisiert die Abgrenzung zwischen beiden Bildungswegen und dürfte nicht nur auf dem deutschen Arbeitsmarkt für Verwirrung sorgen.

Ausbildungssystem international anerkannt

Zahlreiche Länder orientieren sich an dem deutschen System der dualen Ausbildung mit Praxis im Betrieb und Theorie in der begleitenden Berufsschule. Gleiches gilt für das Duale Studium, das die Stärken von Ausbildung und Studium sinnvollerweise optimal verknüpft.

Bestehende Fortbildungsabschlüsse sind etabliert und Fachleute der Branche wissen, was zum Beispiel ein Kaufmann nach der Weiterqualifizierung zum Fachwirt oder Betriebswirt mitbringt, und was ein handwerklich Ausgebildeter als Techniker oder Meister kann.

Die einheitlichen Bezeichnungen könnten dazu führen, dass der Berufsmaster zur Regel wird. Denn Fortbildungen verlieren ihr berufsspezifisches Alleinstellungsmerkmal und machen eine pauschale Bewertung nach Qualifizierungs-Stufen wahrscheinlicher.

Doch welche Mitarbeiter finden Arbeitgeber dann noch für Aufgaben, für die eine solche Qualifizierung nicht erforderlich ist und wie gut passen Fortbildungen noch zu der daran anschließenden berufsspezifischen Tätigkeit? Was ist mit der Arbeitszufriedenheit all Derjenigen mit einem über- oder falsch-qualifizierenden Berufsmaster? Und was bedeutet eine solche Struktur für diejenigen, die diesen nicht haben – bleiben sie auf ihrem schlechteren Gehalt sitzen?

Anstelle der Ausbildung die Qualifikationsbegriffe aus der akademischen Bildung überzustülpen, sollte Karliczek an den Inhalten ansetzen und sich auf ihr Ziel konzentrieren, die Arbeitsbedingungen und den Ruf der Ausbildung zu verbessern. Denn letztlich sorgt nur das für die Gleichwertigkeit beider Bildungswege und damit für ein starkes Bildungssystem.

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