Zukunftsszenarien
Was auf europäische Hochschulen zukommen könnte
Die Europäische Universitätsvereinigung (EUA) hat drei Szenarien erstellt und analysiert, wie sich Hochschulbildung und Forschung unter den politischen Bestrebungen nach Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und nachhaltigem Wohlstand in den kommenden zehn Jahren entwickeln könnten. Der Report "Universitäten und Wettbewerbsfähigkeit" ist am 29. Oktober erschienen.
Der Bericht fasst aktuelle Debatten in der EU zusammen und stellt drei alternative Prognosen vor: die "Wiederauferstehung Europas", die "technologische Oligarchie unter der Vorherrschaft der USA" und die "fragmentierten Gesellschaften". Sämtliche Szenarien gehen vom Kontext einer Polykrise oder sogenannten VUCA-Welt aus – eine Welt, in der die Dinge volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig sind.
Das EUA-Gedankenspiel zur Zukunft der europäischen Hochschulen umfasst Rückmeldungen von Hochschulleiterinnen und Hochschulleitern zu den verschiedenen Szenarien. Das Autorenteam hat sie in einer Reihe von Workshops und Interviews gesammelt. Diese Stellungnahmen flossen auch in die Schlussfolgerungen ein, wie sich Hochschulen strategisch positionieren können und welche Rahmenbedingungen sie benötigen, um zur Wettbewerbsfähigkeit Europas beizutragen.
Universitäten als Akteur im Kampf gegen die Polykrise
Die EUA-Analyse stellt fest, dass beim globalen akademischen Austausch in den letzten zehn bis 15 Jahren verstärkt Sicherheitsrisiken, aber auch das öffentliche Ansehen der Universitäten berücksichtigt werden müssen. Rasante technologische Entwicklungen, insbesondere Künstliche Intelligenz (KI), setzten die Universitäten unter Druck. Darüber hinaus bestehe ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Zersplitterung der Gesellschaft und der Trend zu populistischen oder nationalkonservativen Strömungen. Hinzu kämen die Herausforderungen des Klimawandels, in Form von Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Bränden oder Hitzewellen, die sich direkt auf das tägliche Leben auswirkten.
Die Europäische Kommission hat im Januar 2025 ihren Kompass für Wettbewerbsfähigkeit als Grundlage zur Bewältigung bestehender Herausforderungen vorgestellt. Die vorausgegangenen Berichte von Enrico Leta und Mario Draghi richteten einen starken Fokus auf Forschung und Innovation, Forschungsmobilität und Grundlagenforschung. Darauf Bezug nehmend kommt die EUA-Analyse zu dem Schluss, dass die Universitäten als strategischer Vorteil der Europäischen Union in den Mittelpunkt der Überlegungen zu mehr Wettbewerbsfähigkeit rückten. So unterstreiche Draghi die Notwendigkeit ambitionierter Investitionen in die Grundlagenforschung, die Stärkung des Europäischen Forschungsrats und die Unterstützung einer effizienteren Marktakzeptanz von Forschungsergebnissen.
Universitäten sind der EUA zufolge nicht nur Produzenten, Träger und Förderer von Wissen, sondern auch aktive Mitgestalter von Innovationen oder gar "Anker der Transformation". Politisch stünden Universitäten vor Herausforderungen durch Ad-hoc-Regulierungen mit Auswirkungen auf die akademische Freiheit, unsichere Finanzierung, insbesondere durch Verschiebung der öffentlichen Ausgaben beispielsweise in Richtung Sicherheit und Verteidigung, sowie durch Gefahren politischer Lenkung. Die forschungspolitische Agenda unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sei ambitioniert mit dem Gesetz zum Europäischen Forschungsraum, mit der Initiative Choose Europe for Science, mit dem geplanten Europäischen Innovationsgesetz sowie mit dem kommenden Europäischen Forschungsförderungsprogramm.
Strategische Positionierung der Hochschulen heute
Während der dem Bericht zugrunde liegenden Workshops und Interviews sei die externe Kommunikation als "Instrument zur Darstellung des Mehrwerts, zur Sicherung gesellschaftlicher Unterstützung und zur Verteidigung der Existenz der Universität als sehr wichtig" erachtet worden.
Die Einbindung von Universitäten in Rüstungsforschung könnte nach Einschätzung einiger Beteiligter ein Weg sein, die Grundlagenforschung zu sichern und den strategischen Wert neuen Wissens deutlich zu machen. Ähnliche Strategien seien mit einem Fokus auf die Nachhaltigkeitsagenda denkbar, indem Partnerschaften zwischen Universitäten und der Industrie grundlegende Innovationen ermöglichten. Diese sollten interdisziplinär entwickelt werden und unter anderem gesellschaftliche, psychologische sowie gesundheitliche Auswirkungen berücksichtigen.
Mit Blick auf die möglichen Zukunftsszenarien sei die Stärkung der institutionellen Resilienz von entscheidender Bedeutung. Im Rahmen der europäischen Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen können sie dem Bericht zufolge eine europäische Identität unter ihren Mitarbeitenden fördern und somit die Integration vorantreiben. Ein "Integrationsschub" könne durch die Überwindung nationaler Rahmenbedingungen erreicht werden, die die Zusammenarbeit behinderten, beispielsweise bei der Akkreditierung von Programmen, in der Berichtspraxis, in der Datenerhebung und bei sonstigen Vorschriften oder Regulierungen.
"Tatsächlich erfordert die Bereitstellung von Wissen, Forschung und Innovation für die Wettbewerbsfähigkeit Zeit, Ressourcen und Raum für Zufallsfunde, die den Kern der Arbeit von Universitäten bilden", umschreibt die EUA die notwendigen Rahmenbedingungen, unter welchen die Hochschulen "Partner für den nachhaltigen Wohlstand Europas" sein könnten. Auch die Förderung interdisziplinärer Forschung und Lehre sei entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit.
Die Rolle der Hochschulen in drei Szenarien
1. Szenario: Europas Wiederauferstehung
Die erste Prognose geht davon aus, dass sich Europa wirtschaftlich erholt und sich zu einem weltweit führenden Anbieter von Nachhaltigkeitstechnologien entwickelt hat. Der Forschungssektor kann Talente aus aller Welt anziehen, während viele andere Sektoren aufgrund des demografischen Rückgangs und des daraus folgenden Arbeitskräftemangels unter Druck stehen. Auch Universitäten spüren dem Bericht zufolge diesen Druck, nicht zuletzt bei der Einstellung von Verwaltungspersonal.
Insgesamt fand diese Prognose Anklang bei den befragten Hochschulleiterinnen und Hochschulleitern. Während technische Universitäten und spezialisierte Einrichtungen von diesem Szenario wahrscheinlich am meisten profitieren würden, herrschte unter den Befragten Einigkeit darüber, dass eine solche Zukunft eine sehr starke Interdisziplinarität erfordern würde. Sozial- und Geisteswissenschaften müssten Hand in Hand mit den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zusammenarbeiten. Nur so könnten gesellschaftliche Transformationen bewältigt, Innovationen gefördert und ein Technologieansatz, bei dem menschliche Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, etabliert werden.
Die befragten Universitätsleiterinnen und Universitätsleiter seien sich im Klaren darüber, dass eine derartige Zukunft von den Universitäten allerdings ein Umdenken in Bezug auf Verteidigung, der Verwendung von Technologien zu zivilen als auch zu militärischen Zwecken (Dual-Use) und militärische Zusammenarbeit erfordern würde, um "Europa und seine Werte zu wahren und zu verteidigen".
2. Szenario: technologische Oligarchie unter Vorherrschaft der USA
Das zweite Szenario beruht auf der Annahme, dass sich eine Allianz zwischen extrem nationalistischen Parteien und der sogenannten "Tech-Oligarchie" aus den USA gebildet hat. Diese erobern demnach einen noch größeren Marktanteil und machen Europa abhängig – insbesondere in Schlüsselbereichen wie Digitaltechnik, KI oder Quantentechnologie. Die europäische Wirtschaft und Sicherheit funktionieren nicht ohne die USA. Internationale Klimaziele sind aufgekündigt und spielen politisch keine Rolle mehr.
Dieser Prognose zufolge stehen Universitäten unter Druck: Bestimmte Fachgebiete werden wegen unerwünschter kritischer Reflexion abgeschafft, Autonomie und akademische Freiheit werden durch autokratische Regime bedroht, politische und wirtschaftliche Eliten haben die Leitung der Universitäten übernommen.
Die akademische Community könnte nach Ansicht der Hochschulleiterinnen und -leiter gespalten sein. Teile würden sich eventuell auf die von der politischen und wirtschaftlichen Elite am meisten geschätzten Technologiebereiche konzentrieren, während Teile der Academia, für die unabhängige kritische Reflexion elementar ist, die etablierte akademische Welt verlassen und eine "unsichtbare Hochschule" oder "Guerilla-Universität" bilden könnten. Dies könnte Bereiche wie die Klimawissenschaft einschließen, die weiterhin in informellen Strukturen arbeite. Ein anderer Teil könnte sich dem politischen Druck fügen. Vertreterinnen und Vertreter aus den Sozial- und Geisteswissenschaften könnten auch autoritäre Narrative legitimieren.
3. Szenario: die fragmentierten Gesellschaften
Die dritte Prognose geht von einer europaweit weitgehenden Fragmentierung der Gesellschaften aufgrund mangelnden politischen und wirtschaftlichen Zusammenhalts aus. Politische Institutionen sind schwach und instabil, so dass sich Modelle der lokalen Selbstverwaltung bilden. Die Entscheidungsfindung ist zwischen politisch Verantwortlichen, großen Technologieunternehmen und den lokalen Gemeinschaften zersplittert. Die öffentlichen Haushalte sind knapp, das Bildungssystem ungenügend und es existieren große soziale Ungleichheiten. Einige wenige mit ausreichend sozioökonomischem Kapital investieren in höhere Bildung und Kompetenzentwicklung. Es existiert keine Macht, die Wissen monopolisiert oder einschränkt.
Die von der EUA befragten Universitätsleiterinnen und -leiter hatten unterschiedliche Ansichten zu dieser Prognose. Sie teilten die Sorge um die öffentliche Finanzierung von Hochschulbildung und Forschung in einem solchen Szenario. Ihre Vorstellungen von der relativ geringen Rolle der Universitäten reichten von der Bereitstellung von Angeboten für die "glücklichen Wenigen" als Gemeinschaften intellektueller Neugier bis hin zur Bereitstellung von Forschung, die große Technologieunternehmen nicht selbst leisten könnten.
Die grundlegende Unsicherheit dieses Zukunftsszenarios (mit oder ohne Universitäten) erschwerte es ihnen, zu Schlussfolgerungen zu gelangen. Sie wiesen darauf hin, dass Universitäten – sofern sie überhaupt existieren würden – in so einem Umfeld nicht länger als Orte fungieren würden, an denen Lernende gleichberechtigt Zugang zu Wissen erhielten. Die Finanzierung würde wohl von privaten Unternehmen oder philanthropische Institutionen beziehungsweise Personen abhängen.
cva