Bilanz
Ein Jahr Wissenschaft unter Trump – aus Wut wächst Widerstand
Mehr Kontrolle über Hochschulen und Forschungsfelder sind zwei zentrale Ziele, welche der amtierende US-Präsident Donald Trump seit seinem Amtsantritt am 20. Januar 2025 durch zahlreiche Verordnungen und ministerielle Beschlüsse verfolgt. Bereits nach wenigen Monaten hatte die Trump-Regierung die US-amerikanischen Wissenschaftsinstitutionen förmlich mit Neuregelungen überschüttet.
Trumps Mittel der Wahl waren in den letzten 365 Tagen Kürzungen staatlicher Forschungsgelder in Höhe von Hunderten Millionen Dollar, tausendfache Entlassungen von Forschenden, Richtlinien für Hochschulleitungen und stapelweise Zensurvorgaben für die Inhalte von Forschung und Lehre. Hinzu kommen Lockangebote an Top-Universitäten, die für die Einhaltung von Regierungsrichtlinien mit zusätzlichen Finanzmitteln belohnt werden sollten.
Wirkten die Reaktionen aus der US-amerikanischen und internationalen Wissenschaft zunächst zurückhaltend bis gelähmt, scheint der aktive Widerstand nach und nach zu wachsen.
Politische Angriffe auf Hochschulen und Forschung
Einige Universitäten stehen seit einem Jahr kontinuierlich unter besonderem Druck. Mitte März hatte das inzwischen stark eingedampfte US-Bildungsministerium eine Liste mit 52 Hochschulen veröffentlicht, gegen die Untersuchungen aufgenommen wurden. Es sollte unter anderem sichergestellt werden, dass die Kriterien Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI) in der Zulassungspolitik keine Rolle mehr spielen.
Etlichen Hochschulen wirft die Regierung zudem seit Monaten vor, nicht gegen Antisemitismus vorzugehen. Zu den kritisierten und mit Kürzungen bedrohten Universitäten gehören die traditionell liberalen Eliteuniversitäten Columbia, Stanford und Harvard. Einige Hochschulen und Hochschulvereinigungen, wie beispielsweise die Vereinigung der US-Universitätsprofessorinnen und -professoren (American Association of University Professors, AAUP), kämpfen vor Gericht für ihre Rechte und die Hochschulautonomie. Andere haben inzwischen kapituliert und sich auf detaillierte regierungskonforme Absprachen eingelassen.
Auch Forschungseinrichtungen wie die National Science Foundation (NSF), die National Institutes of Health (NIH) oder das National Center for Atmospheric Research (NCAR) sind den staatlichen Eingriffen und inhaltlicher Zensur ausgesetzt, genauso wie ganze Forschungsfelder. Neben der Klimaforschung und Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften betrifft dies insbesondere einige Felder der Gesundheitsforschung.
Wie weitreichend die inhaltlichen Vorgaben der Trump-Regierung in die Tat umgesetzt werden, zeigte sich kürzlich an der Texas A&M (TAMU) University. Ein Philosophieprofessor darf ausgewählte Abschnitte aus Platons "Symposion" nicht unterrichten, da diese nach Meinung der Universitätsleitung Rassen- oder Geschlechterideologien befürworten sowie Themen ansprechen, die mit sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität zusammenhängen. An der TAMU sind laut eines Berichts von The Texas Tribune etwa 200 Kurse von den neuen Regeln betroffen.
Gegenwehr durch Sichtbarmachen wissenschaftsfeindlicher Maßnahmen
Die am University College London lehrende Mathematikerin Professorin Christina Pagel und ihr Team versuchen, mit ihrem sogenannten Trump Action Tracker alle Regierungsmaßnahmen zu dokumentieren, "die denen autoritärer Regime ähneln und eine Gefahr für die amerikanische Demokratie darstellen könnten".
"Die Menschen können ohne exakte Informationen keine informierten Entscheidungen mehr treffen."
Professorin Christina Pagel, University College London
Mehr als 2.200 solcher Maßnahmen hat das Team um Pagel bereits seit Januar 2025 festgehalten. Dazu gehören Desinformation, Kontrolle der Wissenschaft und des Gesundheitswesens sowie Attacken auf Bildungseinrichtungen wie Universitäten. In einem Interview mit der FAZ erläuterte Pagel kürzlich, dass sie sich zu dieser Aufklärungsarbeit als Wissenschaftlerin nahezu verpflichtet fühlt: "Die Menschen können ohne exakte Informationen keine informierten Entscheidungen mehr treffen. Wenn es eine Partei gibt, die den Zugang zu diesen Möglichkeiten unterminiert, die Evidenzen und verlässliche Informationen verfälscht, ist das antidemokratisch. Und dann haben Wissenschaftler die Pflicht, dazu etwas zu sagen, auch wenn es unbequem ist."
Ein ähnliches Aufklärungsziel mit klarem Fokus auf Wissenschaftsfeindlichkeit verfolgt der sogenannte Silencing Science Tracker der Columbia University of New York bereits seit der ersten Amtszeit Trumps. Das Projekt dokumentiert nach eigenen Angaben Versuche der Regierung, wissenschaftliche Forschung, Bildung oder Diskussionen sowie die Veröffentlichung oder Nutzung wissenschaftlicher Informationen einzuschränken oder zu verbieten.
"Die wissenschaftliche Leistung der Nation wird dezimiert", warnten im April 2025 rund 1.900 gewählte Mitglieder der National Academies of Sciences, Engineering and Medicine in einem Offenen Brief die US-amerikanische Bevölkerung. Die Forschenden wollten damit einen Hilferuf absetzen: Die Angriffe der Regierung von Donald Trump auf die Wissenschaft seien gefährlich und müssten sofort enden. Viele hätten geschwiegen, um die eigene Förderung nicht zu gefährden.
Petitionen, Proteste und Prominentenverlust
Zahlreiche offene Briefe, Petitionen und Protestaktionen setzen sich explizit für das demokratische Recht der Wissenschaftsfreiheit ein und wenden sich gegen die politischen Attacken auf die US-amerikanische Forschung. Dazu gehören spezielle Kampagnen wie "Save Science, Save Lives", "Stand Up for Science" oder "March for Science" ebenso wie die "No-Kings"-Bewegung, die sich breiter gegen jede Art von autoritärer Willkürpolitik wendet.
Zu den zentralen Akteurinnen und Akteuren der Proteste in den USA gehören unter anderem die Vereinigung besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (Union of Concerned Scientists, UCS), die American Association of University Professors (AAUP), die Vereinigung der US-amerikanischen Hochschulen (American Association of Colleges and Universities, AAC&U) sowie die Amerikanische Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften (American Association of the Advancement of Science, AAAS).
Aus Deutschland solidarisierten sich über die Monate hinweg etliche Wissenschaftsverbünde mit den betroffenen Forschenden und Hochschullehrenden. Es äußerten sich unter anderem der Wissenschaftsrat (WR), die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der Deutsche Hochschulverband (DHV), der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, die Max-Planck-Gesellschaft und die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH). Ebenso meldete sich die Europäische Universitätsvereinigung (EUA) mit Kritik und einem Plädoyer für die Weiterführung von internationalen Wissenschaftskooperationen zu Wort.
Gedanken, die politische Lage in den USA zum Vorteil für europäische Wissenschaftsstandorte zu nutzen und von einem möglichen Braindrain zu profitieren, kursieren seit Beginn der Amtszeit. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) finanzierten 1.000-Köpfe-Plus-Programms führen neben der Humboldt-Stiftung auch der DAAD und die Deutsche Forschungsgemeinschaft entsprechende Recruiting-Maßnahmen durch. Indes engagieren sich zahlreiche europäische Hochschulen, indem sie Gelder zur Verfügung stellen, um US-Forschende anzuwerben.
Drei Viertel der US-Forschenden können sich vorstellen, das Land zu verlassen, schätzte das Wissenschaftsmagazin "Nature" Ende März 2025. Rund 1.650 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten an einer Umfrage teilgenommen, zu der das Magazin im Laufe des Monats online aufgerufen hatte. Unter denjenigen, die das Land tatsächlich verlassen haben, waren prominente Köpfe aus der Wissenschaft wie der Historiker Professor Timothy Snyder und die Historikerin Professorin Marci Shore sowie der Faschismusforscher Professor Jason Stanley. Sie wechselten nach Kanada. Sowohl Stanley als auch Snyder sprachen in diesem Zusammenhang von zunehmend faschistischen Zuständen in den USA.
Schutzversuche durch Kongress und Gerichte
Anfang Februar 2025 hatte eine parteiübergreifende Gruppe von Abgeordneten das Scientific-Integrity (SI)-Gesetz im Kongress eingebracht, das die Wissenschaft auf Bundesebene vor politischer Einmischung schützen könnte. Demnach sollen Bundesbehörden, die wissenschaftliche Forschung finanzieren, durchführen oder beaufsichtigen, zu Schutzmaßnahmen verpflichtet werden, um die Unterdrückung oder Veränderung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu politischen oder finanziellen Zwecken zu verhindern.
"Ein Land kann nur dann eine führende Rolle einnehmen, wenn seine Wissenschaftler Forschungsergebnisse ohne Angst vor Repressalien veröffentlichen können."
Vereinigung besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (UCS)
Im Dezember 2025 hat die Vereinigung besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (UCS) in einer öffentlichen Erklärung noch einmal betont, dass Wissenschaft in einem Umfeld, das Fachleute zum Schweigen bringt oder Forschungsergebnisse manipuliert, um politischen Zielen zu dienen, nicht gedeihen kann. "Ein Land kann nur dann eine führende Rolle einnehmen, wenn seine Wissenschaftler Forschungsergebnisse ohne Angst vor Repressalien veröffentlichen können", heißt es darin. Es gehe darum, das Vertrauen in die US-Wissenschaft wieder herzustellen.
Laut Website der US-Regierung wurde der SI-Gesetzentwurf im Februar direkt für die Detailausarbeitung an den Ausschuss für Wissenschaft, Raumfahrt und Technologie des Repräsentantenhauses verwiesen. UCS informierte in ihrer Erklärung, dass das Gesetz in diesem Jahr erneut in den Kongress eingebracht werden soll. "Die Unterstützung des Scientific Integrity Act ist nicht und sollte nicht parteiisch sein. Es sollte patriotisch sein", betont die UCS.
Auch seitens der Judikative gibt es Widerstand gegen wissenschaftsfeindliche politische Maßnahmen. So hat ein Bundesberufungsgericht Anfang Januar entschieden, dass die Regierung von US-Präsident Donald Trump die von den National Institutes of Health bereitgestellten Bundesmittel für Forschungsprojekte an Universitäten nicht drastisch kürzen darf. Die Trump-Regierung hatte laut internationalen Medienberichten beabsichtigt, die Quote an staatlichen Forschungszuschüssen für Universitäten bei 15 Prozent zu deckeln. Die von der Trump-Regierung geplante Maßnahme ist laut der nun berufungsgerichtlich bestätigten einstweiligen Verfügung "ohne Rücksicht auf laufende Forschungsprojekte und klinische Studien" erfolgt, "willkürlich und unberechtigt" und verstößt gegen geltendes Recht.
Dies ist ein Beispiel dafür, dass die Trump-Regierung Teile ihrer weitreichenden Kürzungen von Forschungsgeldern als Reaktion auf Klagen höchstwahrscheinlich rückgängig machen muss.
Schwerpunkt USA
Die USA sind einer der wichtigsten Forschungspartner Deutschlands und weltweit einer der interessantesten Wissenschaftsstandorte. Gleichzeitig hat sich das Wissenschaftsklima verändert. Artikel über die Entwicklungen im Land finden Sie in unserem Online-Themenschwerpunkt "USA".