Europäischer Forschungsrat
Gutachter kritisiert geringe Förderquote bei Anträgen aus Israel
Insbesondere bei der Vergabe der Starting Grants des European Research Council (ERC) an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen sei neuerdings eine Voreingenommenheit gegenüber israelischen Forschenden festzustellen. Darauf weist Professor Hanoch Ben-Yami in einem offenen Brief an ERC-Präsidentin Professorin Maria Leptin hin, über den der Tagesspiegel am 5. Februar berichtet hat. Ben-Yami ist selbst Teil des Begutachtungs-Panels des ERC und außerdem Mitglied des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender.
In seinem Brief stellt er fest, dass Israel jahrelang überdurchschnittliche Erfolgsquoten beim Wettbewerb um ERC-Grants erzielt hatte. Bei den Starting Grants hätten diese beispielsweise von 2019 bis 2024 bei rund 26 Prozent gelegen. Im vergangenen Jahr jedoch hätte Israel mit zehn Zusagen bei 107 Anträgen lediglich eine Quote von neun Prozent erreicht. "Dies ist keine Schwankung, sondern deutet auf eine Voreingenommenheit der Gutachterinnen und Gutachter hin", bewertet Ben-Yami die abrupte Verschlechterung. Hintergrund seines Verdachts sind die aktuelle Debatte um den Gaza-Krieg und damit verbundene kritische Positionen gegenüber Israel seitens verschiedener EU-Institutionen.
"Dies ist keine Schwankung, sondern deutet auf eine Voreingenommenheit der Gutachterinnen und Gutachter hin."
Professor Hanoch Ben-Yami, Central European University, Wien
Ben-Yami weist Leptin in seinem Brief darauf hin, dass antiisraelische Voreingenommenheit nicht nur moralische, sondern auch rein praktische Fragen aufwerfe. Israel sei insbesondere im IT-Bereich äußerst innovativ und könne "einen wesentlichen Beitrag zu den Verteidigungs- und Sicherheitsbedürfnissen der EU leisten". Er sei überzeugt, dass Leptin "diese jüngste Entwicklung innerhalb des ERC-Panels ernst nehmen und schnell und wirksam dagegen vorgehen" werde.
Der Forschungsrat selbst räumte auf Anfrage von Forschung & Lehre einen deutlichen Einbruch der Erfolgsquote israelischer Anträge für die Starting Grants 2025 ein, wies aber darauf hin, dass eine "definitive Ursache zu benennen" spekulativ sei. Man habe mögliche Gründe für diese Veränderung diskutiert. Tatsache sei, dass unabhängige Gutachterinnen und Gutachter im Peer-Review-Prozess die Anträge aus Israel als "nicht so stark wie in den vergangenen Jahren bewertet" hätten, erklärte ein ERC-Pressesprecher. Eine mögliche Voreingenommenheit könne nicht ausgeschlossen werden. Die ERC-Präsidentin habe die Panelmitglieder erst kürzlich erneut ermahnt, dass "politische Voreingenommenheit keinen Einfluss auf die Beurteilung haben darf".
Sein Verdacht auf Voreingenommenheit ist Ben-Yami zufolge von besonderer Brisanz, da die Anträge für die Starting Grants 2026 in dieser Woche seitens des ERC-Begutachtungsgremiums erörtert werden. Laut offiziellem Zeitrahmen starten die Einladungen zu Gesprächen bereits im März.
Mehr nationale und internationale Förderangebote
Derweil hat die EU-Kommission am vergangenen Freitag gemeldet, dass sich die Bewerbungen für ERC-Förderungen von außerhalb Europas oder aus assoziierten Ländern seit dem Start des Programms Choose Europe for Science fast vervierfacht haben. Auch stünden im Rahmen des Programms nun 101 nationale und regionale Förderprogramme zur Verfügung. Somit hätten sich die Initiativen seit dem Start im Mai 2025 fast verdoppelt. Zusammen würden diese Initiativen Fördergelegenheiten im Umfang von mindestens einer Milliarde Euro ergeben, so die EU-Kommission.
Interesse an Europa als Forschungsstandort hoch
Die EU fördert Choose Europe for Science aktuell mit fast 900 Millionen Euro, nachdem es im vergangenen Jahr mit etwa 400 Millionen Euro gestartet war. Das Programm scheint Erfolg zu haben: "Wir beobachten ein Rekordhoch beim Interesse an Forschungsgelegenheiten in Europa", kommentierte die Kommissarin für Start-ups, Forschung und Innovation, Ekaterina Sachariewa laut Mitteilung vom 30. Januar. Dies liege an der gestiegenen Zahl von Förderangeboten sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene. Hinzu kämen der herrschende Respekt für die Freiheit von Forschung und die hohe Lebensqualität in Europa.
"Wir beobachten ein Rekordhoch beim Interesse an Forschungsgelegenheiten in Europa."
Ekaterina Sachariewa, EU-Kommissarin für Start-ups, Forschung und Innovation
US-Forschende an Wechsel nach Europa interessiert
Auf der Plattform X hob Sacheriewa am 29. Januar vor allem das gestiegene Interesse von in den USA tätigen Forschenden hervor. Bei den Advanced Grants des ERC, angelegt für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit mindestens zehnjähriger, herausragender wissenschaftlicher Leistung, hätten die Bewerbungen aus dieser Gruppe um 400 Prozent zugenommen, sich also fast verfünffacht.
Im Falle der Bewerbungen um Consolidator Grants sei eine Zunahme von 230 Prozent feststellbar gewesen. Diese Förderlinie wendet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, deren Promotion zwischen sieben und zwölf Jahre zurückliegt.
Insgesamt habe sich die Anzahl der Bewerbungen von Forschenden aus dem nicht-europäischen und nicht-assoziierten Ausland für ERC Advanced Grants fest vervierfacht, meldete die EU-Kommission: 168 statt 45 Bewerbungen sind demnach eingegangen. Bei den Starting Grants habe der Anstieg über 50 Prozent betragen (246 statt 159). 130 Prozent mehr Bewerbungen gingen von außerhalb der EU und assoziierten Ländern für Consolidator Grants ein (115 statt 50). Auch die Anzahl der Bewerbungen für Postdoc-Fellowships im Rahmen von Marie Skłodowska-Curie Actions (MSCA) sei um 65 Prozent gewachsen.
cpy, cva