Nachhaltigkeit
HRK sieht Hochschulen als Zukunftswerkstätten
Die Mitglieder der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) haben sich am 4. November auf Grundsätze zur Rolle der deutschen Hochschulen beim Wandel zur nachhaltigen Gesellschaft verständigt. Das neue Papier aktualisiert und erweitert bisherige Empfehlungen der HRK und bietet Handlungsimpulse.
Hochschulen können sich der HRK zufolge bei der Entwicklung eigener Nachhaltigkeitsstrategien in ihren Leistungsbereichen an den Grundsätzen und Empfehlungen orientieren. Die Impulse reichen vom Bereich Studium und Lehre über Forschung und Transfer bis hin zu Betrieb und Governance.
So liefere etwa Forschung für Nachhaltigkeit nicht nur neue wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch konkrete Lösungen für aktuelle Herausforderungen. Internationale und interdisziplinäre Formate förderten durch das Zusammenarbeiten von Beteiligten aus unterschiedlichen Disziplinen und Kulturen vernetztes Denken. "Die deutschen Hochschulen verstehen sich als maßgebliche gesellschaftliche Akteurinnen in der Transformation hin zur Nachhaltigkeit", konstatiert die HRK als Grundsatz.
Hochschulen wollen beispielgebend sein
"Mit dieser Empfehlung bekennen sich die Hochschulen in der HRK zu einer aktiven Rolle in der Gestaltung einer Zukunft im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen", erläutert Professorin Dorit Schumann, HRK-Vizepräsidentin für Transfer und Nachhaltigkeit, in einer Pressemitteilung. "Wir wollen nicht nur auf Herausforderungen reagieren, sondern vorausdenken und im eigenen Handeln beispielgebend sein", führt sie fort. Die deutschen Hochschulen bringen sich als Zukunftswerkstätten und als Orte der Innovation, Reflexion und Aushandlung in die gesellschaftliche Nachhaltigkeitstransformation ein, so Schumann.
"Wir wollen vorausdenken und im eigenen Handeln beispielgebend sein."
Professorin Dorit Schumann, HRK-Vizepräsidentin für Transfer und Nachhaltigkeit
HRK-Präsident Professor Walter Rosenthal erklärt: "Hochschulen können als offene, autonome Wissenschaftseinrichtungen in besonderer Weise Räume schaffen, in denen neue Lösungen entstehen und erprobt werden." Die Bedingungen der einzelnen Hochschulen würden sich allerdings unterscheiden, so dass sie eigene strategische Schwerpunkte setzten.
Mit Blick auf die Verantwortung von Bund, Ländern und Förderinstitutionen forderte Rosenthal finanzielle Ressourcen, angemessene Infrastrukturen sowie einen verlässlichen Rahmen. Nur so könnten Nachhaltigkeitskompetenzen aufgebaut und spezifische Transformationsprofile entwickelt werden. "Pauschale Berichtspflichten, kleinteilige Indikatorik und Vorgaben oder kurzfristige Steuerungsversuche untergraben die Eigenverantwortung der Hochschulen und binden Ressourcen, die besser in Lehre und Forschung investiert wären", heißt es im Papier kritisch.
Forschende zeigen sich im Vorfeld des Weltklimagipfels alarmiert
Das Grundsatzpapier der HRK erscheint zu einer Zeit, in der viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aktuellem Anlass ein erhöhtes Augenmerk auf die Klimaforschung und Klimapolitik legen. Die Weltklimakonferenz mit zehntausenden Teilnehmenden aus rund 200 Staaten beginnt am 10. November. Die Pläne in der deutschen Landes- und Kommunalpolitik, Zielsetzungen beim Klimaschutz nach hinten zu verschieben, treffen laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) zunehmend auf Widerstand auch in der Wissenschaft. Jüngste Forschungen lassen darauf schließen, dass sich die Erderwärmung durch den fortwährenden Ausstoß klimarelevanter Gase beschleunigt. Bereits im Jahr 2024 war die 1,5-Grad-Grenze überschritten worden.
Vor wenigen Wochen warnten 160 Klimaforschende aus 23 Ländern vor den Folgen: "Wir steuern rapide auf mehrere Kipppunkte des Erdsystems zu, die unsere Welt verändern könnten und zerstörerische Folgen für Menschen und Natur hätten", betonte Professor Tim Lenton von der Universität Exeter, der mit einem internationalen Team den Global Tipping Points Report zum Thema Kipppunkte im Klimawandel veröffentlicht. Es seien beispiellose und sofortige Maßnahmen von politisch Verantwortlichen in aller Welt notwendig. Mit der sogenannten Dartington Deklaration rufen die Forschenden dazu auf.
"Wir müssen mehr tun und uns schneller bewegen, um positive Kipppunkte zu erreichen."
Professor Tim Lenton, Universität Exeter
Dem aktuellen Global Tipping Points Report zufolge ist mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 99 Prozent davon auszugehen, dass Warmwasser-Korallenriffe bereits verloren seien. Die Schwelle, ab der ein weitreichendes Absterben des Amazonas-Regenwalds droht, liege ebenso bei den schon fast erreichten 1,5 Grad. "Wir müssen mehr tun und uns schneller bewegen, um positive Kipppunkte zu erreichen", sagte Lenton. Bestenfalls ergäben sich Kettenreaktionen – etwa zwischen den Bereichen Energie, Verkehr und Heizen. "Wir müssen viel mehr positive Kipppunkte identifizieren und auslösen", so das Forschungsteam.
Auch in Deutschland melden sich Forschende kritisch zu Wort. Der Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Professor Harald Lesch wirft der bayerischen Staatsregierung vor, viel zu wenig unternommen zu haben, um die landeseigenen Klimaziele zu erreichen. "Stattdessen wendet sie sich sehr weit entfernten technologischen Zukunftsmissionen wie der Kernfusion zu oder verläuft sich bei der Wasserstoffstrategie", sagte Lesch am 5. November der Süddeutschen Zeitung.
Der Klimaforscher Mojib Latif, Seniorprofessor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, zeigt sich am selben Tag im Interview mit dem Tagesspiegel ebenfalls kritisch: Während man bei den erneuerbaren Energien "bereits recht gut" dastehe, sehe es bei der Wärmeversorgung schlechter aus und "im Verkehr stehen wir aktuell besonders schlecht da". Da Deutschland und Mitteleuropa sich schneller als viele andere Regionen der Erde erwärmten, seien bei einer durchschnittlichen Erwärmung von etwa 2,8 Grad bis zum Jahr 2100 extreme Dürren, Starkregen, Überschwemmungen und Hitzewellen zu erwarten.
Ausblick auf die Klimapolitik der Bundesregierung
Vor zehn Jahren hatten erstmals nahezu alle Staaten einen völkerrechtlich bindenden Vertrag beschlossen, um den Klimawandel zu bremsen und seine Auswirkungen abzufedern. Mit Blick auf die Folgen des Klimawandels hatten sich die 197 Teilnehmenden der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 darauf geeinigt, die menschengemachte globale Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts möglichst unter 1,5 Grad Celsius zu halten.
Die EU beschloss 2021, dass Europa bis 2050 zum ersten Treibhausgas-neutralen Kontinent werden soll. Am 5. November haben die zuständigen Ministerinnen und Minister nach langem Ringen entschieden, dass die EU-Staaten ihre Treibhausgasemissionen bis 2040 um mindestens 90 Prozent im Vergleich zu 1990 senken wollen. Mit Klimazertifikaten aus Nicht-EU-Ländern sollen Treibhausgasemissionen, die in der EU entstehen, verrechnet werden können. Die EU muss für die Weltklimakonferenz einen verbindlichen Plan für die nächsten 15 Jahre einreichen.
Kürzlich hat der Bundestag der dpa zufolge das Ziel bekräftigt, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral sein soll. In einem gemeinsamen Antrag der Koalitionsfraktionen von Union und SPD wird die Bundesregierung außerdem aufgefordert, sich im Rahmen der Weltklimakonferenz für eine globale Energiewende, die Dekarbonisierung der Industrie sowie einen weltweiten Entwaldungsstopp einzusetzen. Zudem soll sie Staaten wie China dazu bewegen, sich stärker an den Klimahilfen für ärmere Länder zu beteiligen.
cva/dpa