Portraitfoto von Prof. Dr. Bernhard Kempen
Deutscher Hochschulverband/Till Eitel

Deutscher Hochschulverband
"Nicht-Semester setzt falsches Signal"

Der Präsident des DHV fordert volles Engagement für die Planung des kommenden Semesters. Die Coronakrise dürfe dem nicht im Wege stehen.

26.03.2020

Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes hat sich klar zu einem Festhalten am kommenden Sommersemester positioniert. "Die wissenschaftliche Lehre ist so umfassend und so gut wie möglich fortzuführen. Das Sommersemester sollte nicht einfach verloren gegeben werden", sagte DHV-Präsident Professor Bernhard Kempen. "Statt Stillstand ist Engagement das Gebot der Stunde."

Vielerorts werde bereits "auf beeindruckende Weise und mit Hochdruck" versucht, zum Semesterbeginn virtuelle Lehre anzubieten und durchzuführen. Dies gelte es zu würdigen und nicht durch Signale der Entmutigung zu relativieren, teilte Kempen mit. Dabei sei nicht nur die Hochschulverwaltung gefragt.

"Jede Hochschullehrerin und jeder Hochschullehrer ist aufgerufen, seinen Beitrag zu leisten." Im Rahmen des rechtlichen Spielraums gelte es "kreativ, engagiert und großzügig" zu handeln, wenn Kurse ausfielen oder Studierende Prüfungen nicht vor Ort ablegen könnten. Promotionsprüfungen könnten zum Beispiel auch digital abgenommen werden und die Öffentlichkeit per Livestream zugeschaltet werden. In sozialen Netzwerken teilen einzelne Hochschulen bereits ihre Erfahrungen mit digitalen Alternativen zu Prüfungen vor Ort.

Kempen betonte gleichzeitig, dass die Qualität auch bei alternativen Lösungen zur Präsenzlehre nicht verloren gehen dürfe. Könnten keine digitalen Antworten auf den "Notbetrieb" auf den Uni-Geländen gefunden werden, plädiert auch er dafür, Leistungen im kommenden Semester nicht anzurechnen, wie etwa bei Laborkursen oder Praktika. Auch für Hochschulen, die eine digitale Lehre technisch trotz entsprechender Anstrengungen nicht durchführen können sei denkbar, das Semester nicht anzurechnen. In solchen Fällen begrüßt Kempen die Zusage von Bundeswissenschaftsministerin Anja Karliczek, Bafög weiter zu zahlen, damit Studierenden finanziell abgesichert seien.

Verlängerungen bei befristeten Verträgen

Auch befristet beschäftigten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern dürften so wenige Nachteile wie möglich entstehen. Der Präsident des DHV begrüßte daher die Ankündigung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ihre Förderrichtlinien aufgrund der Coronakrise anzupassen. Die Organisation "weist in die richtige Richtung und kann auch anderen Förderern als Vorbild dienen", sagte er.

Kempen reagierte mit seiner Stellungnahme auf einen offenen Brief von mehr als tausend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Diese hatten sich für ein "Nicht-Semester" ausgesprochen, weil die Lehre im anstehenden Sommersemester nicht angemessen durchgeführt werden könne.

Der Bayreuther Professor Herbert Woratschek distanzierte sich klar von dem Aufruf. Er schrieb in einer Stellungnahme: "Ich schäme mich, dass so etwas aus dem Kreis der forschenden und lehrenden Kolleginnen und Kollegen in einem offenen Brandbrief zu diesem Zeitpunkt gefordert wird, anstatt vorrangig an den Herausforderungen im Zusammenhang mit der Corona-Krise zu arbeiten." Im Vergleich zu derzeitigen Herausforderungen für das Gesundheitssystem hielt er etwa die im offenen Brief genannten zusätzlichen Aufgaben für Lehrende und Verwaltung für verschwindend. Der Professor appellierte an die Solidarität aller Forschenden und Lehrenden. Sein Position wird auf einem Blog der Universität Bayreuth diskutiert. Dabei geht es auch um die Auslegung den Begriffs eines "Nicht-Semesters".

Ihre Erfahrungen mit der Corona-Pandemie

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kas