Zehn Jahre Brexit
Normalisierte wissenschaftliche Beziehungen zwischen UK und EU?
Seit April ist klar, dass das Vereinigte Königreich (UK) ab 2027 wieder am Austauschprogramm Erasmus+ teilnehmen wird. Das ist die neueste Entwicklung im Annäherungsprozess zwischen UK und der EU im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Beziehungen. Bereits seit dem Regierungswechsel 2024 und dem Beginn der Neuaushandlung ("Reset") im letzten Jahr hat UK als neu assoziiertes Mitglied wieder einen breiteren Zugang zum EU-Forschungsförderungsprogramm Horizon Europe.
Wie Research Professional (RP) News am 21. Juni berichtete, ist allein die Zahl der internationalen Studierenden aus der EU an britischen Universitäten von fast 140.000 im Studienjahr 2016/2017 auf unter 64.000 im Jahr 2024/2025 gesunken. Eine Ursache war demzufolge, dass Studierende aus der EU an britischen Hochschulen inzwischen die weitaus höheren Auslandsstudiengebühren bezahlen müssen statt wie zuvor die niedrigeren Inlandsstudiengebühren. Hinzu kommen erschwerte Visabedingungen. Das Ende der Freizügigkeit und die gescheiterten Verhandlungen zur gegenseitigen Anerkennung von beruflichen Qualifikationen hätten auch den Austausch (akademischer) Fachkräfte erschwert, erläutert RP-Gastautor Philip Rycroft, der von 2017 bis 2019 Staatssekretär im Ministerium für den Austritt aus der EU war und Mitglied des Universitätsrats der Universität York ist.
Resümee: Folgen von zehn Jahren Brexit in der Wissenschaft
In einer umfassenden Analyse vom 5. Juni stellt das britische Ministerium für Wissenschaft, Innovation und Technologie (Department for Science, Innovation & Technology, DSIT) die Beteiligung UKs an EU-Rahmenprogrammen zwischen 2014 und 2024 in Zahlen dar. Demzufolge war gegen Ende des Programms Horizon 2020 (H2020) und zu Beginn des Folgeprogramms von Horizon Europe (HEU) ein rückläufiger Trend zu beobachten, wobei sich im Jahr 2024 erste Anzeichen einer Erholung zeigten.
Nach den DSIT-Ergebnissen verbesserte sich die UK-Leistung 2024 im Vergleich zu 2023 anhand mehrerer Kennzahlen. So stieg der britische Anteil an den Fördermitteln von 5,8 Prozent (2023) auf 9,3 Prozent (2024) mit 994 Millionen Euro an Gesamtvolumen; der Anteil an den förderfähigen Anträgen von 19 Prozent auf 24,1 Prozent.
Britische Einrichtungen des Hochschul- oder Sekundarschulwesens schnitten demzufolge 2024 im Vergleich zu anderen Organisationstypen am besten ab: Sie verzeichneten den größten absoluten Zuwachs beim Anteil an den Fördermitteln von 11,3 Prozent auf 15,9 Prozent. Der Finanzierungsanteil von Einrichtungen der Hochschul- und Sekundarbildung hatte 2014 mit 26,6 Prozent seinen Höchststand erreicht.
Bereits vor dem offiziellen Inkrafttreten 2020 im Tiefflug
UK war nach dem Brexit-Referendum im Juni 2016 Ende Januar 2020 offiziell aus der EU ausgetreten, war jedoch bis zum Ende des Programms H2020 teilnahme- und förderfähig geblieben. Die britische Regierung veröffentlichte Ende 2025 einen ersten resümierenden Bericht zur Beteiligung des Landes an Anträgen und Projekten zwischen 2014 und 2020. Neben der Zusammenstellung von Daten umfasste die Untersuchung auch Befragungen hunderter Forschender sowie ausführliche Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern von Regierungsbehörden, Fördereinrichtungen und wissenschaftlichen Fachgesellschaften.
Zu den Hauptergebnissen zählte, dass die Teilnahme britischer Forschender an Förderanträgen vom ersten Platz im Jahr 2014 (15.607) auf den fünften Platz im Jahr 2020 (10.600) zurückgefallen war. Entsprechend sei der Anteil der von britischen Forschenden beantragten Horizon-Fördergelder von 13 Prozent (2014) auf nur noch sieben Prozent (2020) geschrumpft.
Die Beteiligung des Vereinigten Königreichs an Projekten im selben Förderzeitraum sei bei forschungsorientierten Instrumenten und Programmen besonders stark ausgeprägt gewesen: 45 Prozent der errungenen EU-Fördermittel entfielen laut Regierungsauswertung auf den Europäischen Forschungsrat (ERC) und die Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen. "Bemerkenswert ist zudem, dass sich ein Drittel der britischen Projekte auf Schlüsseltechnologien konzentrierte, wobei künstliche Intelligenz, synthetische Biologie (Engineering Biology) und zukünftige Telekommunikationstechnologien zu den Schwerpunkten zählten", hebt das DSIT-Papier hervor.
Breitere Interessengruppen hätten in Interviews im Rahmen der Auswertung bestätigt, dass wissenschaftliche Ergebnisse aus internationaler Zusammenarbeit qualitativ deutlich über denen rein national geförderter Projekte liegen. Grund hierfür sei der Zugang zu Forschungsressourcen und Wissensbeständen – Personal, Fachwissen, Infrastruktur –, die auf nationaler Ebene nicht in vollem Umfang zur Verfügung stünden. Die Beleglage hinsichtlich der positiven Auswirkungen des EU-Förderprogramms auf Innovation und Kommerzialisierung sei indes weniger eindeutig als bei den positiven Ergebnissen im Bereich Forschung und Wissen.
cva